Prozessauftakt um mutmaßlich eingesperrtes Mädchen unterbrochen
Lokalzeit Südwestfalen. 07.01.2026. 02:28 Min.. Verfügbar bis 07.01.2028. WDR. Von Mike Külpmann.
Prozessauftakt um mutmaßlich eingesperrtes Mädchen unterbrochen
Stand:
Der Prozessauftakt um ein in einem Haus in Attendorn mutmaßlich jahrelang eingesperrtes Mädchen ist am Mittwochmorgen nach kurzer Zeit unterbrochen worden. Angeklagt sind die 47-jährige Mutter des Mädchens sowie die 80- und 83-jährigen Großeltern. Der Großvater fehlte unentschuldigt vor Gericht.
Laut Verteidiger fühle sich der Großvater nicht in der Lage, an der Verhandlung teilzunehmen. Die Mutter gab an, er sei seit Neujahr wegen einer Blutdruckkrise im Krankenhaus gewesen. Ein ärztliches Attest lag dem Gericht nicht vor, dass er heute nicht kommen kann. Das hieß für den Prozess: Es konnte nicht mit der Anklageverlesung gestartet werden, was der übliche Ablauf wäre.
Rechtsanwalt Peter Endemann, Verteidiger der Mutter
Nun soll es ein sogenanntes Verständigungsgespräch zwischen Richtern, Verteidigern und einem Gutachter geben. Wenn man sich dabei einigt, könnte dem Mädchen eine Aussage vor Gericht erspart bleiben - was die Vorsitzende Richterin als besonders wichtig erachtet. Voraussetzung dafür sind allerdings Geständnisse der Angeklagten.
Der Prozess soll am kommenden Montag (12. Januar) weitergehen.
Mutter und Großeltern angeklagt
Die Anklage wirft der Mutter die Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht sowie Freiheitsberaubung, Entziehung Minderjähriger, Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen vor.
Die Großeltern, 80 und 83 Jahre alt, sind wegen Beihilfe zu diesen Taten angeklagt. Sie sollen ihrer Tochter das Haus zur Verfügung gestellt, Besorgungen für diese erledigt und die Lüge, die Tochter halte sich in Italien auf, verbreitet haben.
Achtjährige fast ihr gesamtes Leben eingesperrt
In diesem Haus wurde das Mädchen mutmaßlich festgehalten.
Erst im September 2022 gelang es den Behörden, nach mehrfachen anonymen Hinweisen das Betreten des Hauses der Großeltern zu erzwingen und das Mädchen zu befreien. Zu diesem Zeitpunkt soll es über sieben Jahre nahezu vollständig von der Außenwelt isoliert worden sein.
Laut Anklage wurde das heute 12-jährige Mädchen nie in einen Kindergarten oder eine Schule geschickt, hatte keinen Kontakt zu Gleichaltrigen und war nie draußen. Nach seiner Befreiung zeigten ärztliche Untersuchungen deutliche soziale und motorische Entwicklungsstörungen des Kindes.
Jugendamt soll Hinweise nicht ernst genug genommen haben
Das Jugendamt des Kreises Olpe hatte bereits 2020 Informationen über die mögliche Situation des Mädchens erhalten, sie zunächst aber nicht ausreichend verfolgt. Im Rahmen der Ermittlungen führt die Siegener Staatsanwaltschaft deshalb auch ein Verfahren gegen eine frühere Jugendamtsmitarbeiterin. Ihr wird vorgeworfen, mögliche Warnhinweise nicht richtig bewertet oder nicht ausreichend geprüft zu haben.
Wie der zuständige Staatsanwalt dem WDR jetzt bestätigte, haben die Ermittlungen bislang keinen hinreichenden Tatverdacht für eine Anklage ergeben. Neue Erkenntnisse könnten sich aber aus dem Prozess gegen die Mutter und Großeltern ergeben.
Ursprünglich waren zehn Verhandlungstage angesetzt. Durch eine mögliche Verständigung könnte der Prozess verkürzt werden.
Unsere Quellen:
- Landgericht Siegen
- Staatsanwaltschaft Siegen
- WDR-Reporterin vor Ort
Sendung: WDR.de, Mädchen jahrelang eingesperrt: Mutter und Großeltern vor Gericht, 07.01.2026, 05:58 Uhr
Sendung: WDR 2 Südwestfalen, Lokalzeit, 07.01.2026, 10:31 Uhr
