Mühlenkreiskliniken planen modernes Gesundheitszentrum
WDR. 04:11 Min.. Verfügbar bis 11.03.2028.
Große Pläne
Wie ein Vogel fliegt der Betrachter über das Gabelhorster Becken in Espelkamp, unter ihm viel Grün, Bäume, Blumenbeete in violett. Hier und da ein paar Menschen. Mittendrin ein paar quadratisch geformte Gebäude, holzfarben, mit viel Glas, begrünte Dächer - harmonisch in der Landschaft liegend. Der Vogel fliegt sogar in das Foyer eines Gebäudes, auch hier viel Glas, viel Licht. Beigefarbene Säulen halten eine große Deckenkonstruktion.
So stellen sich die Planer von "Ludes Architekten - Ingenieure" den Neubau in Espelkamp vor
Die Planer "Ludes Architekten - Ingenieure" haben sich viel Arbeit gemacht. Ihr Präsentationsvideo zeigt, wie der Klinikneubau in Espelkamp aussehen soll. Wer den Flug mitmacht, dürfte begeistert sein. Ein neuer Bau, der ganz das Gegenteil ist vom bestehenden Krankenhaus in Lübbecke. Das steht als dunkles Hochhaus am Stadtrand - und ist in vielen Bereichen veraltet.
Das könnten die beiden Neubauten kosten
508 Millionen Euro sollen die Neubauten kosten. Das Land fördert das Projekt mit 178 Millionen Euro. Eine Baupauschale von 30 Millionen Euro, die die Mühlenkreiskliniken (MKK) aus Förderungen eingespart haben, wird ebenfalls angerechnet. Die Kliniken müssten also noch Kredite in Höhe von 300 Millionen Euro aufnehmen.
Ist das Risiko zu hoch?
Bei den Podiumsdiskussionen wird klar: Viele Teilnehmende sehen durchaus Vorteile in den MKK-Plänen. Eine gute Gesundheitsversorgung in modernen Gebäuden. Aber, das ist immer wieder zu hören, die immensen Kosten machen ihnen Sorgen. Laden wir uns da nicht zu viel auf? Lässt sich das alles finanzieren?
300 Millionen Euro - einen oder mehrere Kredite in dieser Gesamthöhe müssten die Kliniken aufnehmen. Zur Tilgung kommen Zinsen, deren Höhe sich nicht genau vorhersagen lässt. Eine Summe, die viele nicht richtig greifen können.
"Die Zahlen kann kein Mensch sofort verstehen oder widerlegen. Somit bleibt die Sache noch immer etwas offen für mich", sagt Ernst Grote, der beim Bürgerdialog in Lübbecke war. Und Reinhard Vogt kommentiert bei wdr.de: "Würde dieses Projekt realisiert, würde jede Kommune im Kreis in die Haushaltssicherung rutschen. Schulen, Vereine, soziale Projekte, die unser Zusammenleben lebenswert machen, blieben auf der Strecke."
Die Bürgerinitiative rechnet mit 800 Millionen Euro Kosten
Die Bürgerinitiative macht sogar eine andere Rechnung auf: Nicht 508 Millionen Euro müssten aus ihrer Sicht investiert werden, sondern rund 800 Millionen. Denn die MKK-Rechnung berücksichtige unter anderem den Bau von Parkhäusern oder Abrisskosten nicht.
"Für die meisten Kommunen würde das die Haushaltssicherung bedeuten. Die stehen heute schon mit dem Rücken zur Wand. Und mehr als Rücken zur Wand geht nicht. Die sind dann pleite." Klaus Peitzmeier, Bürgerinitiative
Die Mühlenkreiskliniken gehören zu 100 Prozent dem Kreis Minden-Lübbecke. Mögliche Verluste der Kliniken muss der Kreis ausgleichen. Über die Kreisumlage würden diese Kosten an die Städte und Gemeinden weitergegeben, die in letzter Konsequenz bezahlen und bei anderen Projekten sparen müssten.
Der Kreis ist vom Finanzkonzept überzeugt
Kämmerer Jörg Schrader beim MKK-Bürgerdialog
Jörg Schrader ist Kämmerer des Kreises Minden-Lübbecke, ein Mann, der es gewohnt ist, mit Millionenbeträgen zu rechnen. Er sagt: "Ich glaube an das Konzept, ich glaube an die Finanzierbarkeit. Sonst könnte ich das als Kämmerer nicht vertreten."
Rein rechnerisch würde jeder Einwohner des Kreises durch die Kreditaufnahme mit rund 4 Euro monatlich belastet, sagt Schrader und lässt durchblicken, dass das für eine gute Gesundheitsversorgung nicht zu viel sei. Der Kreis sei verpflichtet, die Versorgung der Menschen zu garantieren, auch wenn Bund und Land nicht ausreichend Geld dafür gäben.
"Der Gesetzgeber sagt, ihr müsst diese Aufgaben erledigen. Wir können nicht sagen: Wir machen es nicht mehr." Jörg Schrader, Kreiskämmerer
Auch Landrat Ali Doğan verteidigt das Finanzkonzept. Es gebe sogar bereits die mündliche Zusage einer Bank, die komplette Kreditsumme zur Verfügung zu stellen, sagt er. Die Mühlenkreiskliniken sieht er außerdem auf dem Weg in die schwarzen Zahlen. Unabhängige Wirtschaftsprüfer hielten es für "realistisch", dass es ab 2031 Jahresgewinne zwischen 5 und 10 Millionen Euro geben werde, die MKK den Kredit also selbst abbezahlen könnten.
Kredite sollen erst später abbezahlt werden
Landrat Ali Doğan verteidigt die Neubau-Pläne vehement.
In Lübbecke verkündet Doğan auch noch eine neue Überlegung: Die Kredite sollen erst dann abbezahlt werden, wenn die neuen Standorte in Betrieb sind. Heißt: Vor 2031 würden die Kommunen gar nicht finanziell belastet. Heißt aber auch: Wenn die MKK dann keine Gewinne ausweisen können, geht die Rechnung doch an die Städte und Gemeinden.
Und wenn doch nicht neu gebaut wird?
Was wäre, wenn in letzter Minute die Bedenken doch noch zu groß werden? Und die Neubau-Entscheidung abgesagt wird? Danach sieht es im Moment nicht aus, das machen Gespräche mit Kreistagsmitgliedern und Bürgermeistern deutlich. Ein deutliches Ja zu den Plänen bei der Abstimmung im Kreistag am 14. September ist sehr wahrscheinlich.
"Wenn wir die 178 Millionen Euro nicht abrufen, gibt es keine 2. Chance. Die sind dann weg." Jörg Schrader, Kreiskämmerer
Ist das die Zukunft? Ein marodes Krankenhaus, das nicht mehr finanziert werden kann?
Würde der Baubeschluss nicht gefasst, müssten die bisherigen Planungskosten von 19 Millionen Euro sofort abgeschrieben werden. Die Fördermittel von 178 Millionen Euro würden ersatzlos wegfallen. Die MKK sagen, es könnte eine kritische Versorgungslage in Rahden und Stemwede entstehen.
Bürgerinitiative spricht von "Panikmache"
Die Gefahr, dass Stationen wegen technischer Probleme oder Brandschutzmängeln ganz oder zeitweise geschlossen werden müssten, steige. Kurz- bis mittelfristig könne es dazu kommen, dass nur noch ein einziger Krankenhausstandort im Kreis erhalten bleibt - in Minden. Ein Szenario, dass die Bürgerinitiative und auch einige Besucher der Podiumsdiskussionen als "reine Panikmache" bezeichnen.
Landrat Doğan verknüpft seine politische Zukunft mit dem Gelingen der Krankenhaus-Pläne. Bei der Podiumsdiskussion in Lübbecke kündigte er an, im Herbst 2030 zur Wiederwahl anzutreten, wenn seine Partei ihn aufstelle. 2030 soll der Klinik-Neubau in Espelkamp stehen. Das hieße wohl auch, dass die Menschen dann darüber abstimmen, ob sie mit dem Ergebnis der Krankenhaus-Umstrukturierung zufrieden sind.
Unsere Quellen:
- WDR-Reporter vor Ort im Gespräch mit Teilnehmern der Bürgerdialoge
- Beobachtungen bei den Bürgerdialogen in Lübbecke und Espelkamp
- Klaus Peitzmeier, Bürgerinitiative zur Förderung der stationären Gesundheits- und Notfallversorgung im Lübbecker Land
- Ali Doğan, Landrat Minden-Lübbecke
- Gespräche mit Kreistagspolitikern
- Kommentare bei wdr.de
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit OWL, 19.06.2026, 19:30 Uhr
Sendung: WDR.de, Große Pläne - große Risiken für Minden-Lübbecke?, 19.06.2026, 06:00 Uhr


