Mühlenkreiskliniken - Vorzeigeprojekt oder Millionengrab?
WDR. 04:17 Min.. Verfügbar bis 15.06.2028.
Mühlenkreiskliniken : Vorzeigeprojekt oder Millionengrab in Westfalen?
Stand:
Im Kreis Minden-Lübbecke soll die Krankenhauslandschaft für eine halbe Milliarde Euro modernisiert werden. Kann das gut gehen?
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Jetzt mitdiskutierenEs geht um sehr viel Geld und die Frage, wie die medizinische Versorgung der Zukunft aussehen soll: Mit Investitionen von mehr als einer halben Milliarde Euro gehört die geplante Neuordnung der Krankenhauslandschaft zu den wichtigsten Weichenstellungen, die im Kreis Minden-Lübbecke anstehen - mit Auswirkungen für die nächsten Jahrzehnte.
Das Problem: Marode Krankenhaus-Infrastruktur
Es sieht ein bisschen aus wie in einem Science Fiction-Film der 1980er Jahre: In einem Kellerraum im Krankenhaus Lübbecke steht ein Pult mit unzähligen Knöpfen und Lichtern, der Raum ist erfüllt von einem lauten Dauersummen.
Es ist das Herzstück der Rufanlage, über die Patientinnen und Patienten in den Zimmern per Knopfdruck Hilfe anfordern können. Ersatzteile gibt es für diese Anlage schon lange nicht mehr. Wenn etwas kaputt geht, muss es aus gebrauchten Teilen zusammengelötet werden.
Für die Rufanlage im Krankenhaus Lübbecke gibt es keine Ersatzteile mehr.
Die Anlage sei ein Sinnbild für die gesamte Haustechnik dieses Krankenhauses, erklärt der geschäftsführende Direktor Ansgar Hörtemöller: Während in eine moderne medizinische Ausstattung immer viel investiert wurde, sind weite Teile der grundlegenden Infrastruktur im Haus veraltet.
Auch der Grundriss des Hauses passe nicht mehr zu modernen Behandlungskonzepten und heutigen Anforderungen: Von Patiententoiletten, in die kein Rollstuhl passt, bis hin zu weitläufigen Reha-Anlagen im Keller, die nicht mehr gebraucht werden, weil immer mehr ambulant behandelt wird.
Eine Modernisierung wäre unwirtschaftlich
Das Reha-Schwimmbecken im Krankenhaus Lübbecke wird nicht mehr gebraucht.
Veraltete technische Anlagen stellte auch das Architektenbüro Nickl & Partner fest, dass 2023 die Kosten für eine Sanierung des Krankenhauses schätzen sollte. Ein weiteres Kernproblem sei eine zu niedrige Deckenhöhe, die die Unterbringung von moderner Technik schwer mache. Um das Gebäude zu sanieren, seien wegen der verflochtenen Strom- und Wassernetze "zahlreiche aufeinanderfolgende Sanierungs- und Erweiterungsabschnitte" erforderlich. Die Architekten kamen zu dem Schluss: eine Modernisierung des Krankenhauses sei unwirtschaftlich.
"Unsere Erfahrungen aus vergleichbaren Projekten zeigen, dass derartige Sanierungskonzepte mit erheblichen zeitlichen und finanziellen Aufwendungen verbunden sind." Nickl & Partner Architekten AG
Schon 2021 hatte ein anderes Gutachten, dass sich mit der strategischen Entwicklung des Klinikkonzerns befasst hatte, zu einem Neubau geraten. Auch ein Folgegutachten durch den Gesundheitsökonomen Boris Augurzky kam 2023 zu dem Schluss, ein Neubau im rund elf Kilometer weiter nördlich gelegenen Espelkamp biete die meisten Vorteile.
Seitdem wird im Kreis Minden-Lübbecke gerungen: Es geht um die gesundheitliche Versorgung, um die Zukunft einzelner Gemeinden und um sehr viel Geld.
Das planen die Mühlenkreiskliniken
Bisher haben die Mühlenkreiskliniken, die zu hundert Prozent dem Kreis gehören, fünf Krankenhäuser an vier Standorten betrieben: Den Hauptstandort mit Maximalversorgung in Minden, das Krankenhaus Bad Oeynhausen, die orthopädische Fachklinik Auguste-Viktoria in Bad Oeynhausen, das Krankenhaus Lübbecke und das Krankenhaus in Rahden.
Das Krankenhaus Rahden ganz im Norden ist seit Anfang 2025 nicht mehr in Betrieb und soll geschlossen bleiben. Auch das Krankenhaus in Lübbecke soll schließen, dafür soll in Espelkamp - und damit ungefähr in der geographischen Mitte der beiden Orte - ein neues Krankenhaus gebaut werden: das "Klinikum Lübbecker Land".
In Bad Oeynhausen soll das bisherige Krankenhaus schließen und als Anbau an die Auguste-Viktoria-Klinik neu entstehen. Mit dem Umbau wollen die Mühlenkreiskliniken nach eigenen Angaben Vorreiter eines Strukturwandels in der Krankenhauslandschaft sein.
"Es gibt Alternativen. Die wurden unter anderem in den Gutachten geprüft. Wir sind aber der festen Überzeugung, dass alle anderen Alternativen schlechter sind." Mühlenkreiskliniken auf Anfrage des WDR
Hintergrund: Der Krankenhausplan NRW
Anfang des Jahres 2026 ist der neue Krankenhausplan des Landes NRW vollständig in Kraft getreten. Eines der Hauptziele dieses Planes ist eine Spezialisierung: Nicht mehr "alle machen alles", stattdessen werden vor allem komplexe Behandlungen nun an weniger Standorten angeboten. Hinter der Reform stecken auch grundsätzliche medizinische und gesellschaftliche Entwicklungen, die Veränderungen für Krankenhäuser mit sich bringen.
Unter anderem die sogenannte Ambulantisierung. Viele Eingriffe, die früher mit mehrtägigen Krankenhausaufenthalten verbunden waren, werden zunehmend ambulant durchgeführt - die Patientinnen und Patienten gehen nach dem Eingriff wieder nach Hause. Das führt zu einem geringeren Bedarf an Krankenhausbetten.
Auch die demografische Entwicklung hat Auswirkungen für Krankenhäuser. Es werden immer mehr ältere Patienten im Krankenhaus behandelt, die oft an mehreren - teils schweren - Erkrankungen gleichzeitig leiden. Das stellt die Infrastruktur in Krankenhäusern wie dem in Lübbecke vor Herausforderungen, denn sie ist teils nicht auf viele stark pflegebedürftige Patienten ausgelegt.
So soll der Umbau finanziert werden
Die Mühlenkreiskliniken planen zur Zeit mit Gesamtkosten von rund 508 Millionen Euro. Einberechnet sind Risikopuffer für Unvorhergesehenes, außerdem eine Baupreissteigerung von fünf Prozent pro Jahr.
178 Millionen Euro davon will das Land NRW übernehmen - eine der höchsten Fördersummen, die die Landesregierung für eine Einzelmaßnahme jemals bereitgestellt hat, wie die Mühlenkreiskliniken stolz erklären. Für sie ist der hohe Förderbetrag ein Beleg dafür, dass das Gesundheitsministerium von ihren Plänen überzeugt ist.
Etwa 30 Millionen will der Klinikkonzern in Trägerschaft des Kreises aus angesparten Baupauschalen bezahlen, die restlichen rund 300 Millionen als Kredit aufnehmen, Gespräche mit Banken würden bereits laufen.
So stellt sich das beauftragte Planungsbüro Ludes Architekten - Ingenieure den Neubau in Espelkamp vor.
Kritik an den Plänen von Bürgern und Lokalpolitik
Doch es gibt auch scharfe Kritik an den Plänen, unter anderem von der "Bürgerinitiative zur Förderung der stationären Gesundheits- und Notfallversorgung im Lübbecker Land". Die Initiative hat einen eigenen Experten befragt, der eine Sanierung des Krankenhauses in Lübbecke sehr wohl für möglich halte - und das für einen erheblich geringeren Preis.
Klaus Peitzmeier, Vorsitzender der "Bürgerinitiative zur Förderung der stationären Gesundheits- und Notfallversorgung im Lübbecker Land e.V."
Die Bürgerinitiative wünscht sich nicht nur eine Sanierung des Krankenhauses in Lübbecke, sondern auch eine Wiedereröffnung des Krankenhauses in Rahden. Einsparpotenzial sehen sie dagegen an anderer Stelle: Das Krankenhaus in Bad Oeynhausen sei überflüssig, die Stadt durch andere umliegende Krankenhäuser in der Nähe ausreichend versorgt.
"Unsere Empfehlung entspricht mehr den Grundlagen der Krankenhausplanung und ist finanzierbar." Klaus Peitzmeier
Bürgerinitiative rechnet mit wesentlich höheren Kosten
Die Bürgerinitiative hat sogar eine Beschwerde beim Kommunalministerium eingelegt. Ihre Forderung: das Land solle prüfen, ob der Kreis Minden-Lübbecke seine Krankenhausprojekte rechtswidrig finanzieren will. Die Initiative wirft den Mühlenkreiskliniken außerdem vor, sie habe nicht alle Kosten einkalkuliert und kommt selber auf eine Summe von über 800 Millionen Euro.
Auch die Baupreissteigerung sei mit fünf Prozent viel zu niedrig angesetzt. Ein Blick in die Landesdatenbank zeigt: In den letzten zwei Jahren lag die Steigerung beim Baupreisindex tatsächlich im Bereich um die fünf Prozent. In den Jahren 2020 bis 2023, in denen die Branche unter massivem Materialmangel litt, waren es aber auch schon Steigerungen bis zu rund 15 Prozent.
Lübbecke hat Angst vor massiven Einschnitten
Das Krankenhaus in Lübbecke ist für die Stadt Teil ihrer Identität.
Auch Philipp Knappmeyer, Bürgermeister der Stadt Lübbecke, ist alarmiert. Er macht sich nicht nur Sorgen um die Zukunft seiner Stadt, die ihr Krankenhaus verlieren könnte, sondern auch um die kommunalen Finanzen. Er befürchtet, das Projekt werde "zwangsläufig zu Gewerbe- und Grundsteuererhöhungen sowie massiven Einschnitten führen."
Landrat warnt: Kreis könnte auf Planungskosten sitzenbleiben
Die Mühlenkreiskliniken selber sind dagegen optimistisch, dass die Belastungen für die Kommunen gering ausfallen werden. Sie möchte den großen Umbau vorrangig aus künftigen Gewinnen finanzieren. Landrat Ali Doğan, der in seiner Funktion gleichzeitig Verwaltungsratsvorsitzender der Kliniken ist, warnt außerdem: Sollten die Pläne ins Wasser fallen, würde der Kreis nicht nur auf den jetzt schon angefallenen rund 19 Millionen Euro Planungskosten sitzen bleiben. Es wären auch weitere rund 6 Millionen Euro jährliche Instandhaltungskosten einzuplanen.
Auch Gutachter und Gesundheitsökonom Boris Augurzky sieht keine Zukunft für die Kliniken ohne einen grundsätzlichen Umbau.
"Ein Beibehalten der aktuellen Angebotsstrukturen führt möglicherweise zu geringeren Investitionskosten, bietet aber weder eine zukunftsfähige medizinische Versorgungsstruktur für die Bevölkerung im Kreis noch wirtschaftliche Stabilität." Boris Augurzky, Gesundheitsökonom
Am 14. September 2026 soll im Kreistag über den Baubeschluss abgestimmt werden. Laut Mühlenkreiskliniken soll der Neubau in Espelkamp 2030 und der Anbau in Bad Oeynhausen 2031 fertig sein.
Die Umstrukturierung der Mühlenkreiskliniken im WDR
Der WDR widmet sich ab dem 15. Juni in einer Themenwoche der Umstrukturierung der Mühlenkreiskliniken. Unter anderem in diesen Sendungen wird es darum gehen:
- WDR-Fernsehen, Lokalzeit OWL, am 15., 17. und 19. Juni um 19.30 Uhr
- WDR 2, Lokalzeit OWL-Nachrichten, am 17. Juni ab 6:30 Uhr
- WDR 5, Westblick, am 16. Juni zwischen 17 und 18 Uhr
- WDR 5, Morgenecho, am 17. Juni zwischen 6 und 10 Uhr
Unsere Quellen:
- Recherche der WDR-Reporter vor Ort
- Krankenhausplan des Landes NRW
- Landesdatenbank NRW
Interviews und schriftliche Anfragen:
- Ansgar Hörtemöller, Geschäftsführender Direktor Somatische Krankenhäuser Mühlenkreiskliniken
- Olaf Bornemeier, Vorstandsvorsitzender Mühlenkreiskliniken
- Nickl & Partner Architekten AG
- Boris Augurzky, Gesundheitsökonom
- Klaus Peitzmeier, Bürgerinitiative zur Förderung der stationären Gesundheits- und Notfallversorgung im Lübbecker Land
- Philipp Knappmeyer, Bürgermeister der Stadt Lübbecke
- Ali Doğan, Landrat Minden-Lübbecke
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit OWL, 15.06.2026, 19:30 Uhr



4 Kommentare
Kommentar 4: Angelika schreibt am 15.06.2026, 21:39 Uhr :
Bravo, nur nicht nachdenken über eine sinnvolle Sanierung, immer gleich neu! Wir kennen das doch schon aus div. Beispielen! Am Ende wird teurer als geplant und keiner wills gewesen sein! So nicht!!!
Kommentar 3: Heike. K. schreibt am 15.06.2026, 19:59 Uhr :
Herr Peitsmeier hat zwar zu vielem eine Meinung, die er in großer Regelmäßigkeit via Leserbrief kund tut. Allerdings fehlt ihm die Expertise in Sachen Krankenhaus Planungen. Vor 4 Jahren wurde in einem demokratischen Verfahren von den Kommunen des Kreis Minden-Lübbecke nach ausführlichen Recherchen und Gutachten der Neubau eines Klinikums beschlossen. Erst nachdem ein Grundstück in Espelkamp das Bewerbungsverfahren gewonnen hatte, kippte die Stimmung in Lübbecke. Herr Peitsmeier täte gut daran, sich an die demokratisch beschlossenen Verfahren zu halten. Die vor einiger Zeit von ihm gegründete IG wurde wegen Erfolglosigkeit beendet. Im übrigen sind die hygienischen, sanitären Zustände im Krankenhaus Lübbecke schon lange unzumutbar. Dies hat unsere Familie in den letzten Jahren etliche Male erfahren müssen. Ein weiterer Aspekt ist, dass für die Bürger aus Rahden und Stemwede der Weg nach Lübbecke im Rettungsfall zu weit ist. Ich wünsche mir, auch von hier einmal Meinungen zu hören.
Kommentar 2: Nina schreibt am 15.06.2026, 19:11 Uhr :
„Bad Oeynhausen überflüssig“ Ich wusste gar nicht das es noch eine andere Klinik in der Umgebung gibt - die an eine Herzklinik angeschlossen ist, um Frauen und Babys mit Erkrankungen bestmöglich zu behandeln. Dieser Satz ist ein Schlag ins Gesicht.
Kommentar 1: Reinhard Vogt schreibt am 15.06.2026, 19:06 Uhr :
Sehr geehrte Damen und Herren des WDR. Krankenhäuser dienen in NRW der Daseinsvorsorge, genau wie Feuerwehren. Es gibt keinen Grund, dass sich die kommunale Familie im Kreis MI-LK hoch verschuldet um einem neuen Krankenhausstrukturgesetz in voreilendem Gehorsam gerecht zu werden. Ich lasse mich doch nicht mit 178 Millionen Euro Fördergeldern locken, für Neubaukosten für die eine Kommune nicht zuständig ist. Würde dieses Projekt realisiert, würde jede Kommune im Kreis MI-LK in die Haushaltssicherung rutschen. Schulen, Vereine, soziale Projekte, die unser Zusammenleben lebenswert machen, blieben auf der Strecke. Und wenn wir in Deutschland schon nicht mehr in der Lage sind, ein 40 Jahre altes Krankenhaus zu sanieren, brauchen wir auch nicht neu zu bauen. In jedem Neubau muss nach 10 Jahren saniert werden. Aber wir können nicht jedes Krankenhaus nach 40 Jahren abreißen, nur weil NRW meint, mit Fördergeldern die Verantwortung auf die Kommunen abwälzen zu können. Mit freundlichen Grüßen
Antwort von Alex , geschrieben am 15.06.2026, 20:33 Uhr :
Perfekter Kommentar von Reinhard! Die Fördergelder werden locker von den Mehrkosten "aufgefressen", die ein Neubau verschlingen würde! Das Lübbecker Krankenhaus, das als einziges Haus im Kreis schwarze Zahlen schreibt, soll diesem Wahnwitz zum Opfer fallen! Für diesen Millionen/Milliardenwahnsinn(siehe finanziellen Fehlplanungen anderer Großprojekte in Deutschland) werden die heimischen Kommunen aus den Schulden nicht mehr rauskommen! Dazu kommen noch die umweltkritischen Aspekte rund um einen Neubau in Espelkamp! Es sollten weitere Gutachten für eine Sanierung in Lübbecke erstellt werden, bzw. auch den Bürger abstimmen lassen!