Ein gelber Judenstern

Nach abgesagter Auktion in Neuss: NS-Dokumente an Gedenkstätte geben

Stand:

Ein Neusser Auktionshaus plante, Briefe von Holocaust-Opfern und Täter-Dokumente zu versteigern. Das Auschwitz-Komitee forderte die Absage des "zynischen und schamlosen Unterfangens". Dem kam das Auktionshaus schließlich nach. Eine Demo vor Ort gab es am Montag trotzdem. Der Direktor der Gedenkstätte Buchenwald möchte diese NS-Dokumente nun übernehmen.

Der Direktor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner sagte, man werde den Eigentümer auffordern, die rund 600 Dokumente und historischen Objekte aus Konzentrationslagern unentgeltlich an die zuständigen Gedenkstätten zu übergeben.

Dazu gehöre auch ein "Judenstern mit Gebrauchsspuren“. Wagner befürchtet trotz der Absage der Auktion einen "stillen Verkauf“ der Artefakte an private Sammler oder eine Versteigerung im Ausland. Er fordert ein grundsätzliches Verbot des Handels solcher Archivalien durch Dritte.

Der öffentliche Druck unter anderem vom Internationalen Auschwitz-Komitee sowie von mehreren Gedenkstätten und der polnischen Regierung, der zur Rücknahme des Angebots geführt habe, reiche nicht aus.

Das grundlegende Problem bestehe weiter: "Es gibt einen blühenden Markt für Dokumente und Objekte aus der Provenienz der Konzentrationslager.“ Daran beteiligten sich nicht nur private Sammler, sondern teils auch Museen außerhalb Deutschlands.

Verbot von Handel mit KZ-Aktefakten gefordert

Viele dieser Objekte seien für die Forschung unverzichtbare Quellen. Eine private Veräußerung entziehe sie häufig dauerhaft der historischen Aufarbeitung.

Einen staatlichen Zugriff durch Enteignung sieht Wagner indes kritisch: "Manchmal sind es Angehörige von KZ-Opfern, die die Dokumente aus dem Nachlass ihrer Angehörigen verkaufen“, sagte er. "Das geschieht oft nur zu einem symbolischen Preis, manchmal aber auch nicht. Sie wird man kaum enteignen können und auch nicht wollen.“

Private Gegenstände und Dokumente, kein Diebesgut

Meist handele es sich auch nicht um Diebesgut aus Archiven, sondern um private Korrespondenzen, Kleidung, Häftlingsnummern oder Objekte, die Überlebende, amerikanische Befreier oder Anwohner entlang der Todesmärsche nach 1945 an sich genommen und über Jahrzehnte aufbewahrt hätten.

Auch in ehemaligen Zwangsarbeitsbetrieben seien nach dem Krieg Dokumente entdeckt worden und teilweise in privaten Beständen verblieben, erklärte Wagner. Die Zahl der heute im Umlauf befindlichen Originale schätzt er "auf Tausende, wenn nicht Zehntausende“.

Versteigerung abgesagt nach massiver Kritik

Die ursprünglich für Montag geplante Versteigerung war abgesagt worden. Das hatte ein Sprecher der NRW-Staatskanzlei dem WDR schon am Sonntagnachmittag bestätigt. Der Chef der NRW-Staatskanzlei, Nathanael Liminski (CDU), habe von dieser Entscheidung in einem Telefonat mit dem Gründer des Neusser Auktionshauses erfahren.

Mehrere Kontaktversuche des WDR hatte das Auktionshaus zunächst unbeantwortet gelassen, ehe es sich am Montagnachmittag schließlich äußerte. In einer Pressemitteilung heißt es entschuldigend: "Uns ist bewusst, dass wir in der Bewertung der Einlieferungsanfrage eine falsche Entscheidung getroffen haben und bedauern, sofern wir damit Gefühle von Hinterbliebenen und Betroffenen der Opfer des NS-Terrors verletzt haben."

Der Katalog mit Details und Preisen zu den Dokumenten inklusive des ursprünglichen Termins am Montag war am Sonntagmittag von der Internetseite des Hauses verschwunden.

Demo vor dem Auktionshaus

Demonstrierende Menschen nach der Absage der Auktion in Neuss

Es gab dennoch eine kleine Demonstration vor dem Auktionshaus in Neuss. Jetzt müsse geklärt werden, was mit den mehr als 600 historischen Gegenständen und Dokumenten passieren soll. Die Demonstranten wollten nicht, dass sie in private Hände, sondern an ein Archiv gehen und öffentlich zugänglich gemacht werden.

Dokumente von NS-Opfern sollen versteigert werden

Aktuelle Stunde 16.11.2025 30:42 Min. UT Verfügbar bis 16.11.2027 WDR Von Astrid Houben

Zwei Männer sagten dem WDR-Reporter vor Ort, sie arbeiteten für ein Holocaust-Museum in Haifa, seien gerade aus Israel angekommen und wollten die Gegenstände und Dokumente aus der NS-Zeit kaufen. Ob das noch klappt, bleibt abzuwarten.

Die Kritik an der Auktion hat offensichtlich großen Druck ausgelöst. Das Auktionshaus war geschlossen, Sicherheitspersonal bewachte den Eingang.

Nach Kritik: Geplante Auktion in Neuss mit NS-Dokumenten abgesagt

WDR Studios NRW 17.11.2025 00:39 Min. Verfügbar bis 17.11.2027 WDR Online

Polen verlangt Übergabe an Gedenkstätte Auschwitz

Die geplante Auktion hatte sogar die Politik auf den Plan gerufen. Polens Außenminister Radoslaw Sikorski sprach am Sonntag mit seinem deutschen Amtskollegen Johann Wadephul und teilte auf der Plattform X mit: "Wir sind uns einig, dass ein solches Ärgernis verhindert werden muss."

Dass die Auktion schließlich abgesagt wurde, begrüßte der deutsche Botschafter in Polen, Miguel Berger. Diese hätte "niemals stattfinden dürfen". Die polnische Botschaft in Deutschland dankte auf X allen, deren Intervention zur Absage geführt habe. Botschafter Jan Tombinski habe sich in den vergangenen Tagen auch an Behörden in NRW gewandt, hieß es. Laut der Nachrichtenagentur KNA verlangt Polen die Übergabe der Dokumente an die Gedenkstätte Auschwitz.

Auktion zu Dokumenten der NS-Vernichtungsmaschinerie

Auch das Fritz-Bauer-Institut hatte zuvor massive Kritik an der geplanten Auktion geübt. "Der Brief eines polnischen Auschwitz-Häftlings aus dem Jahr 1940 für 180 Euro? Die Gestapokarteikarte mit Informationen zur Hinrichtung eines jüdischen Bewohners des Ghettos Mackheim in Ostpreußen im Juli 1942 für 350 Euro? Oder doch lieber die Mitteilung über den Tod einer 1944 im Rahmen der sogenannten Euthanasie ermordeten Patientin der Landesheilanstalt Hadamar ebenfalls für 350 Euro?", fragte das Frankfurter Institut in einer Pressemitteilung entsetzt.

Ursprünglich hatte das Neusser Auktionshaus geplant, mehrere hundert Briefe aus der Sammlung eines privaten NS-Forschers zu versteigern - ihr Inhalt ist mindestens brisant. Es handelt sich teilweise um die Korrespondenz von Häftlingen deutscher Konzentrationslager mit ihren Angehörigen. Daneben sollten auch Täter-Dokumente angeboten werden.

Screenshot Website Auktionshaus

Auktionshaus zeigt Arbeitsausweis der Ghettoverwaltung für ein Kind

Unter den 632 Losen befanden sich auch die Notizen Arthur Liebehenschels, dem Kommandanten des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Die hatte er in Vorbereitung auf seine Verteidigung im Krakauer Auschwitz-Prozess 1947 verfasst. Auch Judensterne, antisemitische Propaganda-Plakate, Gestapo-Karteikarten und andere NS-Materialien sollten versteigert werden. Woraufhin auch Gedenkstätten den Fall diskutierten.

Auschwitz-Komitee: "zynisches und schamloses Unterfangen"

Die angekündigte Versteigerung persönlicher Dokumente von NS-Opfern unter dem Titel "Das System des Terrors Vol. II 1933–1945" werde von Holocaust-Überlebenden und ihren Angehörigen als "zynisches und schamloses Unterfangen" gewertet, sagte Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees. Das Leid aller Menschen, die von den Nazis verfolgt und ermordet wurden, werde aus kommerziellem Interesse missbraucht.

Dokumente der Verfolgung und des Holocaust gehörten den Familien der Verfolgten. Sie sollten in Museen oder in Ausstellungen von Gedenkstätten ausgestellt und nicht zu Handelsobjekten degradiert werden. "Wir fordern die Verantwortlichen des Auktionshauses auf, menschlichen Anstand zu bewahren und die Auktion abzusagen", sagte Heubner. 

Fritz-Bauer-Institut kritisiert "zynische Verwertungslogik"

Auch das Fritz-Bauer-Institut reagierte erbost: Man protestiere gegen den kommerziellen Handel mit Dokumenten der NS-Verfolgung und des Holocausts, hieß es in einer Pressemitteilung. Die Dokumente würden einer "zynischen Verwertungslogik" unterworfen und Persönlichkeitsrechte teilweise missachtet.

Das vor allem auf Briefmarken und Münzen spezialisierte Auktionshaus aus Neuss sah das zunächst anders. Auf Anfrage der FAZ hatte es mitgeteilt, private Sammler betrieben "intensive Forschung", leisteten einen "Beitrag zur historischen Aufarbeitung" und ihre Tätigkeit diene nicht "dem Handel mit Leid, sondern der Bewahrung" der Erinnerung.

Herkunft der Dokumente aus der NS-Zeit

Mit der Herkunft solcher Dokumente aus der NS-Zeit beschäftigt sich Kulturredakteur Stefan Koldehoff seit Jahren. Wie er dem WDR sagte, stammten solche Dokumente in aller Regel von den Tätern, die Sachen aus Archiven beiseitegeschafft hätten.

Kulturredakteur Stefan Koldehoff im Interview

Kulturredakteur Stefan Koldehoff

"Man hat Sachen auch nicht in die Öffentlichkeit geben wollen, um selbst nicht angeklagt zu werden. Und jetzt gibt es eine bestimmte Generation von Menschen, die merken, was Opa oder Uropa da mal gemacht hat und was er vielleicht noch auf dem Speicher liegen hat - und diese Sachen kommen jetzt in den Handel." Mit anderen Worten: Es könnten die Enkel der Täter sein, die mit den Dokumenten der Opfer Geld machen.

Interview mit Stefan Koldehoff: Was in Neuss versteigert werden sollte

WDR Studios NRW 17.11.2025 05:24 Min. Verfügbar bis 17.11.2027 WDR 5

In seiner Pressemitteilung von Montag schreibt das Neusser Auktionshaus, die eingelieferten Dokumente und Gegenstände seien zu einem "nicht unmaßgeblichen Teil von Nachkommen der Opfer zur Auktion übergeben worden". Ein weiterer Teil stamme aus einer privaten Forschungssammlung, die veräußert werden sollte. "Unserer Kenntnis nach sind sämtliche Artikel aus dieser Forschungssammlung auf dem offenen Markt seriös erworben worden", teilte das Auktionshaus mit.

Die Entscheidung, die Artikel in den Verkauf zu geben, sei nicht vom Auktionshaus getroffen worden, heißt es in der Pressemitteilung. "Gleichwohl halten wir es - auch nach rechtlicher Prüfung der Gesamtumstände - nicht für unlauter, wenn Menschen die Entscheidung für einen Verkauf und nicht für eine Schenkung treffen", so das Auktionshaus. "Dafür kann es viele Gründe geben und es steht uns nicht zu, diese Entscheidung zu bewerten." Am Nachmittag ergänzte das Auktionshaus, dass es noch keine Auskunft zum Verbleib der Artikel und Dokumente geben könne. Man stehe im engen Austausch mit den Eigentümern sowie allen relevanten Stellen.

Nach abgesagter Auktion in Neuss: NS-Dokumente an Gedenkstätte geben

WDR Studios NRW 21.11.2025 00:21 Min. Verfügbar bis 21.11.2027 WDR Online

Unsere Quellen:

  • Internationales Auschwitz-Komitee
  • Fritz-Bauer-Institut Frankfurt
  • Nachrichtenagentur dpa, KNA
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)
  • Webseite des Auktionshauses
  • WDR-Reporter vor Ort
  • Pressemitteilung des Neusser Auktionshauses
  • dpa-Meldung
  • Direktor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner

Weitere Beiträge aus dem Rhein-Kreis Neuss

1 / 2