Mit dem Lastenrad zur Rushhour durch Dinslaken
WDR. 03:09 Min.. Verfügbar bis 23.06.2028.
Das Lastenrad ist randvoll gepackt. Die Plane flattert, Farbrollen klappern, Lackdosen stehen leicht zur Seite, dann geht es los. 45 Minuten, rund zehn Kilometer, einmal quer durch Dinslaken.
Für Alexander Neumann ist es die letzte Fahrt in einem Projekt, das zeigen sollte, ob Lastenräder für kleine Handwerksbetriebe funktionieren.
Volle Ladung, volles Risiko
Mit an Bord: Farbeimer, Pinsel, Werkzeug, Abdeckfolie: alles, was ein Malerbetrieb auf der Baustelle braucht. Bis zu 300 Kilo könnte Neumann zuladen. Und ein Fahrzeug, das rund 20.000 Euro kosten soll. Eine Investition, die sich lohnen muss.
Schon nach wenigen Minuten wird klar: Das hier ist keine Schönwettertour.
Zwischen Regen, Schlaglöchern und Zeitdruck
Der Himmel öffnet sich, Regen prasselt aufs Dach. Die Sicht verschwimmt, der Verkehr wird dichter. "Du bist hier mitten drin – aber ohne Schutz“, ruft Neumann während der Fahrt.
In Wohngebieten rollt es noch ruhig. Doch Richtung Innenstadt wird es eng. Autos überholen knapp, Radwege sind zu schmal, zu holprig. Immer wieder muss er abbremsen, neu anfahren.
Alexander Neumann aus Dinslaken präsentiert das Lastenrad.
Ein harter Stoß: Farbeimer und Werkzeug rutschen durch den Laderaum. Die Ladung lässt sich im Prototypen kaum sichern. "Bei jedem Bordstein, bei jedem Huckel fliegt dir alles durcheinander.“
Wenn Infrastruktur und Realität kollidieren
In der City wird die Fahrt zum Risiko. Baustellen, volle Straßen, zugeparkte Wege. Ein Lieferwagen schneidet ihn, er bremst abrupt. Sekunden, die hängen bleiben. Dann wieder Regen. Heftig. Der Asphalt glänzt, das Rad wird schwerer kontrollierbar und trotzdem fährt Neumann weiter.
"Wir wollten bewusst den Alltag testen und nicht die ideale Route“, sagt Birgit Pelc, Projektleitern von der IKK Classic. "Die Ergebnisse zeigen sehr klar, wo es noch hakt.“ In dutzenden Städten in ganz Deutschland fahren in diesen Monaten diese Räder zur Probe.
Zurück in ruhigeren Straßen: kurz Luft holen. Weniger Verkehr, mehr Platz.
Mehr Bewegung – aber zu welchem Preis?
Dabei war genau das ein Ziel des Projekts: mehr Bewegung im Arbeitsalltag, weniger Sitzen, mehr Prävention. "Radfahren kann die Gesundheit deutlich fördern, gerade im Job“, sagt Pelc. "Regelmäßige Bewegung stärkt das Herz-Kreislauf-System, reduziert Stress und kann Erkrankungen vorbeugen."
Birgit Pelc ist Projektleitern von der IKK Classic.
Doch der Praxistest zeigt auch die Kehrseite: körperliche Belastung, Dauerregen, Verkehrsdruck. "Das ist nicht nur Fitness, das ist auch Anstrengung und echt Stress, zumindest in der City bei starkem Verkehr“, sagt Neumann.
Die entscheidende Frage: Rechnet sich das wirklich?
"Meine Mitarbeiter fahren diese Touren“, sagt er. Zwingen kann und will er niemanden: Erst recht nicht bei Kälte, Regen oder Schnee. "Wenn einer nach so einer Tour am nächsten Tag krank ist, ist keinem geholfen.“
Am Ende dieser letzten Fahrt steht kein klares "Ja". Sondern Zweifel. Eine gute Idee, die sich im echten Alltag erst noch beweisen muss und die wirtschaftlich sein muss.
Unsere Quellen:
- Interview mit Alexander Neumann, Malermeister aus Dinslaken
- Interview mit Birgit Pelc, IKK Classic
- Eindrücke des WDR-Reporters vor Ort
Sendung: WDR.de, Mit dem Lastenrad zur Rushhour durch Dinslaken, 23.06.2026, 5:12 Uhr
