Wenn Schule nur noch Druck macht

06:16 Min. Verfügbar bis 20.06.2028

Selbsthilfegruppe in Wesel Wenn Schule nur noch Druck macht

Stand:

Aus einer gemeinsamen Leidensgeschichte ist in Wesel eine Gruppe entstanden, in der sich die Mitglieder stark miteinander verbunden fühlen. Sie alle haben Kinder, die nicht in die Schule gehen - obwohl sie müssten.

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Janina Amrath

Heike aus Wesel erinnert sich noch gut an die Zeit, als sie oft lange mit ihrer Tochter im Auto auf dem Schulparkplatz saß. Morgen für Morgen. Aber ihre Tochter konnte nicht aussteigen. Schule war zu viel, zu laut. Damals, im Januar 2024, begann für die Familie eine nicht enden wollende Auseinandersetzung mit dem Schulsystem.

Wunschstundenplan, Schulwechsel, Hausunterricht - Heike hat viel probiert. Der Hausunterricht hat sich am besten bewährt. Allerdings ist das keine Lösung für immer. In Deutschland gilt Schulpflicht.

Menschen sitzen im Waldhütte

Im Wald kann sich die Gruppe offen und ehrlich austauschen.


In ihrer Verzweiflung sucht Heike beim Paritätischen eine passende Selbsthilfegruppe. Als sie dort keine findet, gründet sie die kurzerhand selbst.

Heilsame Spaziergänge im Wald

Ungefähr einmal im Monat treffen sich die Eltern und die Gruppe wird immer größer. Das Konzept ist ganz bewusst ein "Walk and Talk": Selbsthilfe mit Spaziergang durch den Wald.

"Man lässt das über den Körper raus. Und man muss nicht immer reden, man kann auch schweigend nebeneinander hergehen und total verbunden sein." Heike, Mutter aus Wesel

Die Kinder werden oft für Schulschwänzer gehalten

Hier werden die Eltern nicht verurteilt, erzählt Heike. Gehört haben sie nämlich alles schon, bis hin zur Kindswohlgefährdung, weil sie ihre Kinder nicht in die Schule zwingen. Sie müssen immer wieder erklären, dass ihre Kinder nicht einfach nur die Schule "schwänzen" - sondern sie nicht ertragen.

"Wenn man ein Kind zuhause hat, dass morgens einfach nicht aufstehen will, was nicht zur Schule gehen will, diese Not - die kann man nur verstehen, wenn man selber das Ganze mal durchgemacht hat." Mutter aus der Selbsthilfegruppe
Gruppe aus sieben Menschen läuft einen Waldweg entlang.

Der Weg ist das Ziel - die Selbsthilfegruppe geht ihn gemeinsam.

Was droht bei Schulverweigerung?

Wenn Kinder oder Jugendliche sich dauerhaft weigern, in die Schule zu gehen, kann auch ein Bußgeldverfahren auf den Weg gebracht werden. Diese werden laut Bezirksregierung immer mehr. 2015 waren es gut 1.400 Fälle im Regierungsbezirk Düsseldorf - 2025 fast 4.000. Theoretisch kann auch entschieden werden, die betroffenen Schülerinnen und Schüler von der Polizei zur Schule bringen zu lassen. Diese Zwangsmaßnahmen sollen aber laut Bezirksregierung das letzte Mittel sein. Erst sollten Eltern und Schüler unterstützt und beraten werden.

Besondere Klasse an der Unesco-Schule in Kamp-Lintfort

Frau mit lockigem Haar im Fernsehstudio

Maria Thol-Brinkmann hilft Schülerinnen und Schüler wieder in den regulären Unterricht.

Austausch unter betroffenen Eltern empfiehlt auch Maria Thol-Brinkmann. Sie ist Sozialpädagogin an der Unesco-Schule Kamp-Lintfort. Dort gibt es seit eineinhalb Jahren ein besonderes Konzept: Die Brücken-Klasse.

Dort gibt es keine Lehrkraft. Die Schüler lernen für sich ihren Stoff. Und der ist auch erstmal zweitrangig. Das oberste Ziel sei, dass die Kinder sich wieder daran gewöhnen, in die Schule zu gehen und teil einer Klasse zu sein.

Die Brücke soll auch nur eine Übergangsphase sein. Allerdings dürfe die Rückkehr in den normalen Unterricht schrittweise passieren, zum Beispiel erst einmal nur in bestimmten Fächern.

Neurodivergenz ist häufig die Ursache

Viele Kinder seien auch einfach neurodivergent, sagt Maria Thol-Brinkmann. Und auch in der Selbsthilfegruppe ist das ein großes Thema. Kinder mit ADHS oder Autismus bräuchten oft auch andere Lösungen, zum Beispiel mehr Ruheinseln in der Schule. Eine Diagnose kann da helfen, die beste Lösung für das einzelne Kind zu finden.

Unsere Quellen:

  • Der Paritätische Wesel
  • Selbsthilfegruppe Schule.Macht.Druck?!
  • Erlebnisse und Gespräche der WDR-Reporterin vor Ort

Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Duisburg, 17.06.2026, 19:30 Uhr

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