Matthias Bäcker musste zweimal neu anfangen
Matthias Bäcker zündet eine Kerze an und stellt sie auf das Grab, vor dem er hockt. Seine Hände sind ruhig, seine Miene bedächtig. Drei Jahre ist es her, dass hier sein Sohn Max beerdigt wurde. "Vor drei Jahren hat Max sich selber dazu entschieden, sein Leben zu beenden. Wir hoffen immer, dass er jetzt da ist, wo er sein wollte." Direkt neben dem Grab von Max, der 17 Jahre alt war, als er Suizid beging, liegt das Grab seines Bruders. Sebastian hat sich zwölf Jahre vor Max das Leben genommen, er war damals 14 Jahre alt.
Das Grab von Sebastian und Max
Der 29. April vor fünfzehn Jahren hat sich für immer in Bäckers Gedächtnis gebrannt. Der 55-Jährige aus Münster war bei der Arbeit. Er hatte eine kleine Firma im Bereich Feinmechanik. Seine damalige Frau rief an: "Du musst kommen, es ist etwas passiert. Sebastian hat sich umgebracht." Er konnte es erst gar nicht glauben, erzählt Bäcker.
Doch als er nach Hause kam, war die Polizei da. Die Beamten hatten den Rucksack von Sebastian dabei. "In dem Rucksack war ein kleines Briefchen: Es tut mir alles so leid. Ich konnte einfach nicht mehr anders." Für den Vater brach eine Welt zusammen. Buchstäblich.
Wie das Leben für Matthias Bäcker nach dem Schicksalsschlag weiterging
00:27 Min.. Verfügbar bis 02.10.2027.
Sechs Wochen nach dem Suizid seines ersten Sohnes habe Bäcker ebenfalls versucht, sich das Leben zu nehmen. Als er im Krankenhaus aufwachte, habe er nur gedacht: "Ich habe ein Leben geschenkt bekommen, das ich gar nicht will."
Seine Ehe zerbrach, er konnte nicht mehr arbeiten. Das Leben: eine Tortur. Er holte sich psychologische Hilfe, kam langsam auf die Beine. Eine neue Liebe half ihm dabei: seine jetzige Frau Sabine Bäcker. Sie heirateten, alles schien sich zum Guten zu fügen. Dann kam der 7. August 2022. Das Telefon klingelte: Sein Sohn Max hat sich ebenfalls umgebracht. "Und die Welt ist wieder zusammengebrochen", erinnert sich Bäcker an diesen für ihn schicksalhaften Tag.
10.000 Suizide deutschlandweit
Im Jahr 2023 starben in Deutschland laut Statistischem Bundesamt mehr als 10.000 Menschen durch Suizid. 486 davon waren jünger als 25 Jahre. Antje Herbst, stellvertretende Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Münster, sagt, viele Jugendliche würden darüber reden - und da müssten Eltern hinhören und bei Bedarf Hilfe suchen.
Herbst ist jedoch ganz wichtig zu betonen, dass Eltern keine Schuld trifft, wenn sie nichts merken. Denn Jugendliche können sich abkapseln.
Hier gibt es Hilfe bei Suizidgedanken
- Telefonseelsorge ist unter den Rufnummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 sowie 116 123 rund um die Uhr erreichbar. Sie berät kostenfrei und in jeder Hinsicht anonym. Die Telefonseelsorge auch einen Chat und eine E-Mail-Beratung an, ebenfalls anonym.
- Das muslimische Seelsorgetelefon ist kostenfrei und anonym unter der Rufnummer 030/44 35 09 821 rund um die Uhr erreichbar.
- Das Hilfetelefon Opfer von häuslicher Gewalt ist anonym, kostenfrei und rund um die Uhr unter 08000 116 016 erreichbar.
- Der Weiße Ring bietet ebenfalls einen anonymen Telefondienst unter 116 006 sowie eine Online-Beratung.
- Darüber hinaus hat die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) zahlreiche Informationen zu Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und sozialpsychiatrischen Diensten aufgelistet, an die sich Suizidgefährdete und Angehörige wenden können, um Hilfe zu erhalten.
Matthias Bäcker frage sich bis heute jeden Tag, warum seine Söhne ihr Leben beenden wollten. "Ich schaffe es nicht, ohne Schuldgefühle in den Tag zu starten", sagt er. Therapie und seine zweite Ehe sind feste Fundamente, die ihm helfen.
Das letzte gemeinsame Bild von Matthias Bäcker und seinen Söhnen Max und Sebastian
Was ihm noch Kraft gibt, um weiterzuleben: Bäcker hat eine regionale Selbsthilfegruppe in Münster gegründet, damit Angehörige sich austauschen können. Denn seine Erfahrung ist, dass Suizid immer noch ein Tabuthema ist. Das will er aufbrechen.
Matthias Bäcker über die Wichtigkeit der Selbsthilfegruppe
00:28 Min.. Verfügbar bis 02.10.2027.
"Es gibt ein Vorher und ein Hinterher. Es wird niemals mehr so, wie es mal war. Es wird nur anders und es geht darum, mit dem Anders irgendwie umzugehen." Die Frage nach dem "Warum" höre aber nie auf. Das Vermissen auch nicht.
Über dieses Thema haben wir auch am 27.08.2025 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit Münsterland, 19.30 Uhr.