Arm sollst du bleiben? Das Los der Herkunft

Einzelstücke für Dokumentationen 18.06.2026 28:57 Min. UT DGS Verfügbar bis 30.12.2099 WDR Von Lisa Seemann, Mareike Wilms

Altersarmut Wenn ein eigenes Grab zu teuer ist

Stand:

Regina Brieler aus Münster hat 295 Euro im Monat, die ihr zum Leben bleiben. Ein Leben lang hat sie Angehörige gepflegt. Aus Kostengründen will sich die 71-Jährige anonym bestatten lassen. Was ihr trotz Altersarmut Hoffnung gibt.

Von Ildiko Holderer, Lisa Seemann, Mareike Wilms

Der Waldfriedhof in Münster wirkt friedlich. Rentnerin Regina Brieler sitzt auf einer Bank, sie schaut in das Grün um sie herum. Dort, unter dem Gras, liegt ihre Familie begraben, dort will sie selbst einmal bestattet werden. Anonym, ohne Grabstein, ohne Trauerfeier. Eine Grabpflege ist teuer und die möchte sie auch ihren Kindern nicht aufbürden.

Brieler hat 295 Euro im Monat zum Leben, sagt sie. So wie sie sind nach dem Armuts- und Reichtumsbericht knapp 20 Prozent der Menschen über 65 Jahren von Armut im Alter bedroht, Tendenz steigend - alleinlebende Frauen stärker als Männer.  

Ein Leben lang für andere eingesetzt – trotzdem Altersarmut

Die gelernte Säuglingsschwester Brieler hat sich ihr Leben lang für andere eingesetzt. 

"Ich habe meine Mutter über 30 Jahre gepflegt, ich habe meinen Mann über 10 Jahre gepflegt, meine Schwester die letzten vier Jahre vor ihrem Tod auch immer wieder. Ich würde es auch immer wieder tun, ich bereue auch nichts." Regina Brieler, Rentnerin

Das erzählt Brieler in der MONITOR-Dokumentation "Arm sollst du bleiben? Das Los der Herkunft". Wie Millionen Frauen hat sie sich um ihre Kinder und die Pflege von Angehörigen gekümmert und deshalb wenig in die Rente eingezahlt. Welche Leistung also belohnt unsere Gesellschaft?

Armutsforscher Olaf Groh-Samberg sagt, die Vorstellung, man müsse sich nur anstrengen, sei "hochgradig stigmatisierend und belastend" Die Ungleichheit bekomme man "nicht dadurch gelöst, dass man Individuen sagt, streng dich mal individuell an."

Hilfe durch einen Verein

Auch heute noch strengt Brieler sich an - für andere in ihrem Viertel in Münster. Seit vielen Jahren kümmert sie sich um ihren Bekannten Thomas, hilft bei Medikamenten und Arztbesuchen.

Regina Brieler mit ihrem Bekannten Thomas im Nachbarschaftscafé Max und Moritz in Münster

Regina Brieler im Gespräch mit ihrem Bekannten Thomas in einem Nachbarschaftscafé in Münster.

  

Sie selbst findet Hilfe bei einem Verein in Münster, der Senioren unterstützt. Eine neue Waschmaschine hat die "Seniorenhilfe Lichtblick" ihr ermöglicht, sie erhält Gutscheine vom Discounter. Es gehe um Grundbedürfnisse, sagt Nadine Wittkamp von der Seniorenhilfe: "Wir leben in einem sehr reichen Land und dann finde ich, sollte niemand im Alter Sorge haben müssen, dass er seine Lebensmittel am Ende des Monats nicht mehr bezahlen kann."

Ganz persönliche Lichtblicke hat Brieler, wenn ihr Enkel Lukas sie besuchen kommt. Er möchte später Verkäufer werden. "Das ist mein größter Wunsch, dass meine Enkelkinder das aus ihrem Leben machen, was sie gerne möchten", sagt sie. Lukas packe das schon, "wenn er ein bisschen was von der Oma hat".

Unsere Quellen:

  • MONITOR-Interview mit Regina Brieler in Münster 
  • MONITOR-Interview mit Armutsforscher Olaf Groh-Samberg 
  • MONITOR-Interview mit Nadine Wittkampf von der "Seniorenhilfe Lichtblick"
  • Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2025

Sendung: MONITOR "Arm sollst du bleiben? Das Los der Herkunft", ARD Mediathek, 16.06.2026, 16 Uhr

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