Schwierige Suche nach angemessenem Schmerzensgeld

WDR 00:47 Min. Verfügbar bis 16.06.2028

Unfalltod in Hürth Schwierige Suche nach angemessenem Schmerzensgeld

Stand:

Im Prozess um den Unfalltod von zwei jungen Menschen in Hürth geht es auch um finanzielle Entschädigung. Eltern wurden befragt.

Noch bevor die Eltern aussagen, kommt es im Verhandlungssaal zu einem bewegenden Moment: Der Vater von Luis Paulo und der Vater der zehnjährigen Avin, der erstmals am Prozess teilnimmt, fallen sich in die Arme. Lange stehen sie so da, bevor sie sich wieder lösen.

Die Eltern der beiden getöteten Kinder hat das Landgericht als Zeugen geladen. Sie sollen schildern, welche Folgen der Unfalltod für ihre Familien hatte. Hintergrund sind Anträge auf Hinterbliebenen- und Schmerzensgeld, die Eltern und Geschwister gestellt haben. Das Gericht will sich deshalb ein Bild davon machen, welche Auswirkungen die Tat bis heute auf die Angehörigen hat.

Der Vorsitzende Richter Wolfgang Schorn betont zu Beginn der Verhandlung jedoch, die Kammer wolle nicht im Leid der Familien "herumwühlen". "Allerdings müssen wir Feststellungen treffen, um die Höhe von Zahlungen festlegen zu können," sagt er weiter.

Schwierige Frage vor Gericht: Wie nah waren sich Eltern und Kind?

Die Eltern werden einzeln befragt. Immer wieder müssen sie ihre Aussagen unterbrechen, weil die Trauer zu groß ist, um weitersprechen zu können. Avins Vater sagt, er werde nie wieder ein normales Leben führen können. Nur für seine Frau und seinen Sohn mache er weiter. Avins Mutter schildert, der Tod ihrer Tochter habe ihr Leben zerstört. Seit diesem Tag gebe es in ihrer Wohnung nur noch Stille und Schweigen.

Ein großer und kleiner Pappaufsteller. Eine Figur trägt eine Schutzweste. Es wurden Blumen und Bilder hingelegt.

Die Unfallstelle in Hürth, wo Avin und Luis Paulo getötet wurden

Auch Avins Bruder habe sich stark verändert, berichtet die Mutter. Besonders schwer sei, dass die Familie regelmäßig an der Unfallstelle vorbeikommen müsse. Der Friedhof, auf dem Avin begraben liegt, befindet sich auf dem Weg dorthin. Fast jeden Tag besuchen sie ihr Grab und zünden eine Kerze an.

"Das leichte Leben geht nicht mehr"

Die Mutter von Luis Paulo beginnt ihre Aussage mit den Worten, es gebe nichts Schlimmeres, als ein Kind zu verlieren. Das unbeschwerte Leben, sagt sie, sei seitdem vorbei.

Sie beschreibt den engen Zusammenhalt ihrer Familie. Ihre vier Kinder hätten sich immer sehr gut verstanden. Luis Paulo war ihr ältestes Kind. Seit seinem Tod beobachte sie, dass auch bei den drei Geschwistern die Leichtigkeit verschwunden sei. Die Familie versuche weiterzumachen, doch der Verlust sei jeden Tag spürbar.

"Das ist nicht fair"

Luis Paulos Vater saß am 04.06.2025, dem Unfalltag, im Homeoffice. Um 13:30 Uhr erreichte ihn der Anruf mit der Information, dass sein Sohn nach einem Unfall nicht ansprechbar sei. In dieser Situation und in den folgenden Tagen sei etwas in ihm gestorben, sagt er. Er habe sich dazu entschieden, eine Familie mit vielen Kindern zu haben, weil die Familie bei ihm im Zentrum stehe. Für ihn gebe es nichts Schöneres, als mit allen am Wochenende zu frühstücken. Dass das jetzt nicht mehr möglich ist, sei einfach nicht fair, sagt er unter Tränen. Sein Sohn sei eine Seele von Menschen gewesen.

Auch weitere Kinder leiden nach dem Unfall

Dass der schreckliche Unfall auch andere Kinder und Eltern belastet, zeigen Aussagen von Müttern an diesem Prozesstag. In ihren Beschreibungen wird deutlich, dass auch einige Mütter therapeutische Hilfe brauchen.

Ein Junge wurde verletzt, weil der Unfallfahrer ihm über den Fuß gefahren ist und ihn eher leicht verletzt hat. Ihr Sohn, so sagt die Mutter, würde sich bis heute weigern, über den Unfall zu sprechen.

Eine andere Mutter berichtet, dass ihre Tochter den herannahenden Unfallwagen gerade noch gesehen hat und dann schnell geradeaus gelaufen ist. So konnte sie sich retten. Eine dramatische Situation, die Tochter und Mutter nach wie vor beschäftigt. Der Fahrer soll laut Angaben der Tochter "seitlich nach unten geschaut" haben. Dieser Tag habe alles verändert, sagt die Mutter. Die Tochter war die beste Freundin von Avin - den Schulbegleiter Luis Paulo habe ihre Tochter sehr gemocht.

Für den 8. Juli ist der nächste Prozesstag angesetzt. Möglicherweise könnten dann die Plädoyers gehalten werden.

Hürther Todesfahrer soll zahlen

WDR 15.06.2026 00:47 Min. Verfügbar bis 14.06.2028

Download

Unsere Quellen:

  • Landgericht Köln
  • Recherchen des WDR-Reporters

Sendung: WDR.de, Hürther Todesfahrer soll zahlen, 16.06.2026, 5 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Köln, 16.06.2026, 18:09 Uhr

Weitere Beiträge aus Köln

1 / 2