Aktionswoche: Das Schicksal von Kindern suchtkranker Eltern

00:30 Min. Verfügbar bis 22.02.2028

Über das Tabu sprechen: Hilfe für Kinder suchtkranker Eltern

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Fast jedes fünfte Kind in Deutschland wächst mit einem suchtkranken Elternteil auf. Was das mit den Kindern macht und wo sie Hilfe finden können.

Von Katja Goebel

"Gefährlich wurden die Situationen am Tag danach, wenn die beiden einen Hangover hatten", erinnert sich Janboris Ann-Katrin Rätz in der WDR-Reportage "Hirschhausen und die Macht des Alkohols" an das Aufwachsen mit trinkenden Eltern. "Es gab mehrere Eskalationsstufen": Mal sei mit der Hand geschlagen worden, mal mit einem Stock oder mit dem Schlauch einer Waschmaschine. Die ständigen blauen Flecken seien damals niemandem aufgefallen.

Trinkende Eltern: Großes Tabuthema

Suchtkrankheiten in Familien gehören zu den großen Tabuthemen in unserer Gesellschaft. Wenn der Vater trinkt oder die Mutter tablettenabhängig ist, wird innerhalb einer Familie oft versucht, nach außen die Fassade aufrechtzuerhalten. Das kostet viel Kraft. Dabei betrifft die Sucht längst nicht nur die Erkrankten.

Kinder sind überfordert und verunsichert

Alle Familienmitglieder sind mehr oder weniger von der Sucht betroffen - vor allem Kinder. Sie sind meist völlig überfordert. In vielen Fällen fehlt es Kindern und Jugendlichen durch die Suchterkrankung eines Elternteils an Verlässlichkeit, die für ein gesundes Aufwachsen nötig ist. Oft sei die familiäre Situation unberechenbar, Kinder aus Suchtfamilien müssten häufig extreme Stimmungswechsel und Auseinandersetzungen in der Familie aushalten. Das führe zu Verunsicherung und Enttäuschung, wissen auch die Experten der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS).

Kindheit mit alkoholkranker Mutter

Wuchs mit alkoholkranker Mutter auf: Betty Taube | Bildquelle: dpa/Sebastian Gollnow

Als Kind einer alkoholkranken Mutter hat auch Influencerin, Model und Rennfahrerin Betty Taube Gewalt erfahren. "Ich hatte bis zum 19. Lebensjahr kein richtiges Zuhause", sagt sie rückblickend im Interview mit dem rbb. Außerdem habe sie oft Todesangst gehabt als Kind, zum Beispiel, wenn ihre betrunkene Mutter sie ins Auto zerrte und drohte, gegen den nächsten Baum zu fahren. Anvertrauen kann sie sich damals niemandem.

"Mir wurde früh beigebracht zu lügen." Influencerin und Rennfahrerin Betty Taube

Mutter und Tochter ziehen ständig um, immer dann, wenn die Sucht irgendwann auch bei Außenstehenden auffällt und das Jugendamt eingeschaltet wird. Mit 9 Jahren kommt Betty in ein Heim.

Influencerin geht mit Trauma an die Öffentlichkeit

Nachdem sie als erfolgreiche Kandidatin bei Germany's Next Topmodel einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wird, spricht sie irgendwann öffentlich über ihr Kindheitstrauma und schreibt sogar ein Buch darüber. Titel: "Sag, die blauen Flecken kommen vom Spielen."

Heute engagiert sie sich für Kinder aus Suchtfamilien - und ist Schirmherrin einer bundesweiten Aktionswoche. Vom 22. bis zum 28. Februar 2026 soll auf das Schicksal von Kindern suchtkranker Eltern aufmerksam gemacht werden. "Wir werden sichtbar" ist das Motto. Dahinter steht der Verein Nacoa, einer Interessenvertretung für Kinder aus suchtbelasteten Familien. Nach dessen Angaben wächst jedes fünfte bis sechste Kind in Deutschland mit einem suchtkranken Elternteil auf.

Kinder Suchtkranker später oft selbst betroffen

Kinder suchtkranker Eltern tragen ein deutlich erhöhtes Risiko, im Laufe ihres Lebens selbst an einer Suchterkrankung oder anderen psychischen Erkrankungen zu leiden. Fachleute schätzen demnach, dass zwei von drei dieser Kinder im Laufe ihres Lebens erkranken. Frühzeitige Unterstützung könnte das verhindern, so der Verein. Aber wo gibt es Hilfe?

Widerstandfähigkeit entwickeln

Zur bundesweiten COA-Aktionswoche (COA: Child of addicts) für Kinder aus suchtbelasteten Familien, die mit rund 100 Veranstaltungen läuft, fordern Experten mehr Aufmerksamkeit. "Wenn wir Suchterkrankungen wirksam vorbeugen wollen, müssen wir bei Kindern und Jugendlichen ansetzen. Kinder aus suchtbelasteten Familien dürfen nicht länger übersehen werden", so der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck (CDU).

Eine Reihe von Schutzfaktoren könne Kindern helfen, ein hohes Maß an Widerstandsfähigkeit zu entwickeln, heißt es beim Verein Nacoa.

"Beziehungen und Einsicht stärken Kinder suchtkranker Eltern" Nacoa Deutschland, Interessenvertretung für die Kinder in Deutschland

Vertrauensvolle und sichere Beziehungen zu anderen Erwachsenen, wie liebevolle Großeltern, Verwandte, Lehrkräfte, Erzieherinnen oder Nachbarn ermöglichen es den Kindern, sich sicher und angenommen zu fühlen, gesundes Beziehungsverhalten zu erlernen und über ihre Ängste und Nöte sprechen zu können. 

Hilfsangebote finden

Das Familienministerium NRW hat zum Beispiel eine Adressdatenbank angelegt, in der nach suchtspezifischen Hilfsangeboten in der eigenen Stadt gesucht werden kann.

Auf der Seite "Sucht Zuhause" finden Jugendliche Antworten auf typische Fragen, die sie beschäftigen. Zum Beispiel: "Bin ich schuld daran, dass meine Mutter oder mein Vater zu viel trinkt?" oder "Kann ich meinen Eltern sagen, dass es mir nicht gut geht?"

Anonyme Beratung bei Problemeltern

Weil aber die Scham oft eine riesige Rolle im Leben der Kinder spielt, gibt es auch Hilfsangebote, bei denen Kinder und Jugendliche ganz anonym bleiben können. So hat der Verein Nacoa mit "Hilfen im Netz" eine Online-Beratung ins Leben gerufen.

Homepage von Hilfen im Netz | Bildquelle: www.hilfenimnetz.de

Ob die Beratung per Mail, im Einzel- oder Gruppen-Chat, mit Video- oder Sprachnachrichten oder in einem Telefonat stattfindet, entscheiden die Kinder und Jugendlichen ebenso wie das Thema. "Du bist mit allem, was dich bewegt, willkommen. Wir erheben keine persönlichen Daten und du entscheidest, was du von dir teilst", heißt es auf der Webseite von Nacoa.

Hilfe bei Problemeltern bietet auch die Seite "KidKit". Hier gibt es neben der vertraulichen kostenlosen Onlineberatung auch Videos, die Kindern und Jugendlichen vermitteln, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. Mit Eingabe der eigenen Postleitzahl können sie auch direkt Hilfe vor Ort suchen.

Aktionswoche - auch in NRW

Auch in NRW finden in der Aktionswoche ganz unterschiedliche Veranstaltungen statt. Hier nur zwei von ganz vielen Terminen: Am Montag gibt es in Köln eine multimediale Kinderbuchlesung zum Thema "Sichtbar werden" mit Popcorn und Basteln, in Recklinghausen gibt es am Freitag eine Fotoaktion für Kinder, bei der eine Fotografin für Aufnahmen sorgt, die Kinder in ihrer Stärke zeigen. Alle Termine in NRW finden sich hier.

COA-Aktionswoche: Hilfe für Kinder suchtkranker Eltern

WDR Studios NRW 21.02.2026 01:12 Min. Verfügbar bis 21.02.2028 WDR Online

Unsere Quellen:

Sendung: WDR.de, COA-Aktionswoche: Hilfe für Kinder suchtkranker Eltern, 21.02.2026, 20:26 Uhr