Ein letztes Mal Dorfdisco Himmerich : Die Gründe für das schleichende Clubsterben
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Schon wieder schließt in NRW eine Kultdisco nach Jahrzehnten. Die Großraumdiskothek Himmerich in Heinsberg öffnet am Samstagabend zum letzten Mal ihre Pforten. Die Zahl der Tanzlokale ist bundesweit in den letzten knapp zehn Jahren stark zurückgegangen - Schuld haben auch Corona, Tinder und Spotify.
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Jetzt mitdiskutierenMarianne Limburg muss sichtlich mit den Tränen kämpfen. In einem Onlinevideo verkündet sie Mitte März das Aus ihrer Dorfdisco Himmerich in Heinsberg. Am Samstagabend öffnet die Großraumdisco ein letztes Mal ihre Pforten für das "Closing Finale". Dann ist Schluss mit Feiern und Tanzen - nach 75 Jahren.
"Ein Ort für unvergessliche Nächte, Begegnungen, erste Dates, Freundschaften und ganz besondere Erinnerungen", beschreibt die Geschäftsführerin ihren Laden in einer Danksagung an Gäste, Mitarbeiter und Künstler. 25 Millionen Besucher seien durch die Räumlichkeiten getanzt - doch jetzt ist alles vorbei.
Rührender Abschied: Marianne Limburg betreibt das Himmerich
"Wir hatten eine gute gemeinsame Zeit" erinnert sich Marianne Limburg und die Stimme bricht. Doch die Zeiten hätten sich geändert - und das Himmerich ist nicht die einzige ehemalige Kultdisko, die dabei auf der Strecke bleibt.
NRW: Clubsterben auf dem Land - und in der Stadt
Auch im 60 Kilometer entfernten Simmerath ging 2023 eine Ära zu Ende, als mit dem "San Diego" die dortige letzte Dorfdisco für immer schloss. Dort gab es einen emotionalen Abschied für die Betreiberfamilie - nach mehr als 40 Jahren. Für das "Sunny" fand sich einfach kein Nachfolger.
Aber nicht nur auf dem Land schließen Diskotheken, auch manche Clubs in den Städten trifft es - so wie das "Starfish" in Aachen, das nach 20 Jahren aufgeben musste, das "Pulp" in Duisburg, dessen Tanzfläche sich seit Corona nicht mehr füllen wollte oder der Club "Untergrund" in Bochum, der in diesem Monat für immer dicht macht.
Zahl der Diskotheken gesunken
Ein Blick in die Statistik zeigt: Die Zahl der Diskotheken hat sich in den letzten knapp zehn Jahren tatsächlich halbiert. Gab es laut Branchenverband Dehoga 2015 noch 1.630 Discos deutschlandweit, waren es 2024 laut statistischem Bundesamt nur noch 1.070.
Der Bundesverband der Musikspielstätten LiveKomm hatte bereits 2024 alarmierende Zahlen einer Erhebung veröffentlicht. Dabei hatte mehr als die Hälfte der befragten Clubs angegeben, mehr Fördergelder zu brauchen, um den Veranstaltungsbetrieb aufrechtzuerhalten. Das Clubsterben sei "ein schleichender Prozess".
Clubsterben: Feiern verlernt?
Die Gründe sind vielfältig: So hat zum Beispiel Corona das Ausgehverhalten von jetzt auf gleich verändert. Wer während der Pandemie gerade ins Ausgehalter kam, musste sich andere Freizeitaktivitäten suchen. Junge Menschen hätten das Feiern ein bisschen "verlernt" und eine Generation sei nicht nachgerückt, mutmaßt zum Beispiel DJ Stinson, der lange im Bochumer Untergrund aufgelegt hat.
Clubsterben in NRW: Auch Spotify und Tinder als Gründe?
War die Disco früher der Ort, um neueste Musik zu hören und Leute kennenzulernen, sind heute Spotify und Tinder quasi Mitkonkurrenten auf dem Markt. Um jemanden für ein Date zu finden oder frische Tracks zu hören, kann man auch einfach auf dem Sofa daheim hocken bleiben. Viele junge Leute treffen sich zuhause oder besuchen Festivals.
Und auch die Preise steigen - nicht nur für Gäste: Clubs zahlen mehr für Personal, Getränke, Security, Gagen von Künstlerinnen und Künstlern oder Energiekosten.
Petition für das Himmerich gestartet
Zurück zum Himmerich in Heinsberg. Kommentare zur Schließung ließen auf Facebook nicht lange auf sich warten. "30 Jahre mein Wohnzimmer - wir haben so viele tolle, legendäre Nächte zusammen gefeiert. Das kann uns keiner mehr nehmen", schreibt dort jemand: Und ein anderer fragt: "Wie kann das sein? Was macht die Jugend von heute?"
Übrigens, während man es in der Disco am Samstag ein letztes Mal richtig krachen lassen will, haben Himmerich-Fans im Netz noch eine Petition gestartet: Die Schließung würde "ein Stück unserer Seele zerstören. Der Himmerich ist für uns mehr als ein Gebäude - er ist ein lebendiger Teil unseres Lebens, ein Anker im Sturm des Alltags", heißt es da. Bis Ende Mai hatten 1.775 Menschen unterschrieben.
Gebracht hat es nichts. Seit dem vergangenen Wochenende finden im Himmerich die "Closing Partys" statt. So sollen alle Fans die Möglichkeit haben, sich von der Disco gebührend zu verabschieden und "noch mal richtig Vollgas zu geben", wie es auf der Instagram-Seite des Clubs heißt. Die Chance, dass dann nicht nur bei Marianne Limburg Tränen fließen, ist ziemlich groß.
Hinweis der Redaktion, 28.03.2026, 17:40 Uhr:
In einer früheren Version des Textes hieß es, 2015 habe es deutschlandweit noch 2.042 Diskotheken gegeben. Laut dem Branchenverband Dehoga waren es in diesem Jahr nur 1.630. Die Zahl der Diskotheken ist demnach zwar stark zurückgegangen, hat sich aber nicht halbiert. Wir haben das entsprechend geändert.
Unsere Quellen:
Sendung: WDR 2, WDR aktuell, 30.05.2026, 17 Uhr
8 Kommentare
Kommentar 8: WG-Gästebett schreibt am 31.05.2026, 17:51 Uhr :
Warum darf man nur noch bei absoluten Lulli-Themen mit diskutieren? Wann geht Impuls zum Mitdiskutieren weiter? War immer interessant zu erfahren, welche Meinungen sich bei den Journalisten des WDR gebildet haben.
Antwort von @WB-Gästebett , geschrieben am 01.06.2026, 12:18 Uhr :
Daumen hoch für mehr Möglichkeiten zum Mitdiskutieren.
Kommentar 7: Wüstenfähe schreibt am 31.05.2026, 15:27 Uhr :
Warum bleibt denn der Sonntagstanz in Himmerich erhalten? Fazit: Die Nacht ist zu gefährlich geworden. Viel zu viele aggressive Männergruppen sind nachts unterwegs. Bei Abweisung an der Tür keimt aber der Rassismusvorwurf. In Wahrheit sind es aber verhaltensbedingte Abweisungen. Auch in Köln ist das Geschehen auf der Straße und das Mitführen von Waffen für Clubs die größte Herausforderung. Am grundsätzlichen Bedürfnis junger Menschen zu feiern, zu tanzen, Leute kennenlernen, hat sich nämlich nichts geändert. Also sollte sich auch der WDR den eigentlichen Gründen des Clubsterbens stellen und auch die Probleme benennen
Antwort von @Wüstenfähe , geschrieben am 01.06.2026, 12:17 Uhr :
Na jetzt mal ruhig werden, Gewalt im Nachtleben gab es schon immer. Tätergruppe früher wie heute junge Männer, Gründe früher wie heute, Alkohol, Drogen, eskalierender Streit, toxische Männlichkeit, verletzter Stolz, Krawallorientierung. Ganz ganz früher nannte man das Halbstarke. Der Unterschied zu früher ist, dass junge Frauen dazu keine Lust haben und wegbleiben, was dazu führt, dass auch mehr junge Männer wegbleiben.
Kommentar 6: waren eh überbewertet schreibt am 31.05.2026, 08:44 Uhr :
Schon vor vielen Jahren stimmte es nicht. Jahrelang nur xy-Musik, die der DJ toll fand. Total am Publikum vorbei, dass sich bekanntes/bewährtes gewünscht hat. Dann Öffnungszeiten ab 22 Uhr (voll erst um 1Uhr), Türsteher, die einen abweisen, nicht zu vergessen der zu bezahlende Eintritt. Die Liste ließe sich fortsetzen ... Die Abgeschreckten sind dann nicht wiedergekommen ... und der Abwärtstrend geht immer weiter.
Kommentar 5: Marck schreibt am 31.05.2026, 08:13 Uhr :
Die Jugend von heute scrollt nur noch.
Kommentar 4: Jo schreibt am 31.05.2026, 07:22 Uhr :
Die Gründe sind sicher vielfältig. Die Kosten sind überall gestiegen, und die Eintrittspreise werden nachgezogen haben. Da ist es heute günstiger, sich als Clique mit einer Akkubox zusammen in einen Park zu setzen. Früher war die Erziehung ja viel repressiver und Tanzen war ein wichtiger Weg der inneren Befreiung. Diese Befreiung fehlt vielen Jugendlichen heute. Vielleicht trägt das dazu bei, daß psychische Probleme unter Heranwachsenden verbreitet sind.
Kommentar 3: Der Niederrheiner schreibt am 30.05.2026, 23:05 Uhr :
Das Diskotheken-Sterben haben die Betreiber doch selbst initiiert - als eine Disco nicht mehr Disco genannt werden durfte, sondern "Club" - als ob das eine geschlossene Veranstaltung sei ... ! Ich kann den Trend kpl. nachvollziehen - früher gab es in meiner Land-City 5 Discos - - plus einer Kneipe (DER Kneipe) mit Diskothekenlizenz. Einziger Grund für diese teure Lizenz: Die Kneipe durfte bis 5h Morgens geöffnet haben. Ratet mal, wer als letzte das Handtuch geworfen hat. Das Problem an diesen sog. Clubs (mein Problem) ist doch, dass die für 1000 oder mehr Personen aufgezogen wurden. Wer möchte sich das Wochenende für Wochenende antun ? Unterhalten kann man sich nicht, weil es zu laut ist, setzen kann man sich nicht, weil es nicht genug Plätze gibt. Wie soll man da seine "Flamme" kennenlernen"? Hinzu kommt: 5 Discos - 5 Djs; 1 Großraum-Disco - 1 DJ. Da bleibt eine Menge möglicher Musikstils auf der Strecke. Und jetzt ist auch noch Corona an allem Schuld - so ein Blödsinn !
Antwort von @Niederrheiner , geschrieben am 01.06.2026, 12:25 Uhr :
Zustimmung insofern, als dass dies nur der letzte Akt ist. Die "Fehler" sind schon vor Jahren gemacht und "verteidigt" worden. Bei sinkenden Geburtenraten braucht es ein anderes Angebot, eins wo sich junge Menschen wohl und willkommen fühlen - insbesondere junge Frauen. Ergo: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.
Kommentar 2: Vera Aloe Spüli schreibt am 30.05.2026, 23:04 Uhr :
Viele junge Frauen der zunehmend migrantischen Gesellschaft tragen Kopftuch und feiern nicht in Clubs. Ja, so ist das auch in Heinsberg und Umgebung. Die Männer, die diese Frauen später heiraten, sorgen leider in Sturm und Drang oft in Clubs für Ärger. Die Kosten für Security steigen deshalb ins Unermessliche. Die Entwicklung der sterbenden Clubs ist das Resultat gesellschaftlicher Veränderung und eigener Identitätsaufgabe. Mit Corona oder Spotify hat das nichts zu tun. --- Bitte noch das Wort "Ausgehhater" im Text korrigieren. Wahrscheinlich war "Ausgehalter" gemeint.
Antwort von WDR.de , geschrieben am 01.06.2026, 13:29 Uhr :
Generell gehen junge Menschen weniger in Clubs, ob sie Kopftuch tragen oder nicht. Das ist ein Trend der allgemein beobachtet wird und nichts mit religiösen Orientierungen zu tun hat. Sie treffen sich immer häufiger zu Aktivitäten am Tag.
Kommentar 1: Uwe Roßdeutscher schreibt am 30.05.2026, 19:06 Uhr :
Traurig ist das "Clubsterben" für mich die Pleite der Discotheken. Meine beiden Mädels müssen in die 40km entfernte Stadt fahren wo wir bei uns früher noch 4 Diskotheken hatten.
Antwort von Udo , geschrieben am 30.05.2026, 21:55 Uhr :
Es ist echt ein Trauerspiel..das solche tollen Kultlokale plötzlich über die Klinge springen müssen...ein Tanzlokal für Alt und Jung..werden immer weniger ..echt schade..Ich habe die schöne Zeit dort noch verbringen dürfen..! GLG Udo aus Leverkusen
Antwort von Discogänger , geschrieben am 31.05.2026, 08:38 Uhr :
Wann fing das Discoalter eines Jugendlichen an? Mit 16 und es ging bis Anfang 20. Man stelle sich vor eine Schule und sehe sich dort die heutige Struktur einer Schule in Deutschland an. Mit Tinder und Spotify hat es rein gar nichts zu tun. Pommesbuden sterben, Discos auch. Woran mag es nur liegen???