Viele Wechsel, Grüne verlieren, kein AfD OB
Aktuelle Stunde . 29.09.2025. 43:14 Min.. UT. Verfügbar bis 29.09.2027. WDR. Von Martina Koch.
Stichwahl NRW: Viel schwarz, weniger rot und grün, kein blau
Stand:
Keine der zur Stichwahl angetretenen Parteien kann sich durchweg freuen. Aus dem Ergebnis lassen sich für alle Lehren ziehen - auch auf Bundesebene. Die gute Nachricht: Der Geist der Volksparteien lebt in NRW.
Von Nina Magoley
Es ist geschafft. Die kommunalen Wahlergebnisse in NRW stehen fest, Zitterpartien bei alten und neuen Parteien sind klaren Fakten gewichen. In einer Zeit, in der Kriege, Inflation und Klimawandel die Alltagsthemen beherrschen, werden selbst - oder gerade - Kommunalwahlen für die Menschen offenbar wieder wichtiger: Es geht um die Köpfe, die eine Stadt, Gemeinde oder einen Landkreis in der Krise führen sollen.
Schon im ersten Durchgang am 14. September lag die Wahlbeteiligung mit 56,8 Prozent höher als in den vergangenen Jahren. Auch zur Stichwahl am Sonntag, 28. September, konnten sich in zahlreichen Städten und Gemeinden bemerkenswert viele Wahlberechtigte noch einmal aufraffen.
Erfolge und Enttäuschungen für alle Parteien
Das Ergebnis: Sehr durchwachsen. In reiner Feierlaune konnte am Sonntagabend keine der gewählten Parteien sein. Für CDU, SPD und Grüne gab es sowohl Erfolge als auch bittere Enttäuschungen. Die AfD blieb bei der Stichwahl eindeutig hinter ihren gesteckten Zielen.
Die FDP, die im ersten Wahlgang vor zwei Wochen insgesamt keine vier Prozent erreichte, konnte in den jetzigen Duellen immerhin einige Bürgermeister hinzu gewinnen. Laut FDP-Fraktionschef Henning Höne sind es nunmehr sieben.
Politikwissenschaftler Martin Florack
Es sei für Amtsinhabende sehr schwer geworden, ihr Amt zu verteidigen, sagte Martin Florack, Politikwissenschaftler am Wissenschaftscampus NRW in Oberhausen, dem WDR, "das war vor einigen Jahren noch anders". Seit 2008 dürfen auch kleinste Parteien und Einzelbewerber zu Kommunalwahlen antreten. Das führe zu einer verschärften Wettbewerbslage. Einzelne Kandidaten hätten weniger Möglichkeiten, "Bindungswirkung zu entfalten".
SPD verliert Dortmund
Die größte Niederlage der SPD ist zweifellos der Verlust ihrer traditionellen Hochburg Dortmund: Nach fast 80 Jahren Dauerherrschaft übernimmt hier nun CDU-Kandidat Alexander Kalouti. Amtsinhaber Thomas Westphal wurde von den Dortmundern abgewählt. In Essen regiert die CDU weiter, auch in Düsseldorf bleibt der bisherige CDU-Oberbürgermeister Stephan Keller im Amt. In Bonn und Aachen übernahmen die Christdemokraten die Rathausführung jeweils von den Grünen, in Leverkusen regiert ebenfalls künftig die CDU.
Umarmung vom Ministerpräsidenten: Düsseldorfs OB Keller
Die CDU habe sich "als kommunalpolitische Kraft Nr. 1 gefestigt", bilanzierte Oliver Lembcke, Politikwissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum, am Montagmorgen im WDR. Das sieht man dort wohl genauso: Zur Landesvorstandssitzung am Montagabend hat die CDU gleich den Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz eingeladen. Damit auch in Berlin klar ist, welche Rolle die NRW-CDU durch die Wahlen bestätigt sieht.
Für Martin Florack vom Wissenschaftscampus NRW wirft der Erfolg der CDU in NRW jetzt allerdings "viele interessante strategische Fragen" auf: Wüst und Merz sorgten mit ihren teils unterschiedlichen Herangehensweisen für einen "Schlingerkurs" innerhalb der Union, sagte der Politikwissenschaftler dem WDR. Die Zukunft müsse nun zeigen, ob sich "der Merz-Kurs oder eher eine Art Wüst-Linie" in der Partei durchsetze.
SPD: Wechselbad der Gefühle
Die SPD habe zwar auch schmerzhafte Erfahrungen machen müssen - wie in Dortmund - aber auch "Prestigeerfolge" errungen, sagt Lembcke. So sei es der SPD gelungen, die AfD in Duisburg und Gelsenkirchen "kleinzuhalten". In Oberhausen habe man "knapp, überraschend und sweet hinzugewonnen". Auch in Köln, der größten Stadt NRWs, gewann die SPD das Rathaus.
SPD-NRW-Chefin Sarah Philipp sprach von einem "Abend mit Licht und Schatten". Man habe "verstanden, dass wir Teile unseres Stils und unserer Programmatik korrigieren müssen, um verloren gegangenes Vertrauen wiederherzustellen".
NRW-Ergebnis als Befriedung der CDU/SPD-Koalition?
Die SPD, findet Lembcke, solle "nicht so sehr nach Dortmund gucken, sondern eher analysieren, warum sie in Duisburg gewonnen hat". Dort siegte der SPD-Kandidat Sören Link mit 78,6 Prozent haushoch gegen den AfD-Kandidaten Carsten Groß, für den in der Stichwahl nur noch 21,4 Prozent der Duisburger stimmten.
Mit Blick auf die CDU/SPD-Koalition in Berlin hält Lembcke die NRW-Ergebnisse für eine gute Nachricht: "CDU und SPD könnten auf Bundesebene nun weitgehend miteinander auskommen, nachdem sie sich in NRW wechselseitig was weggenommen haben."
Politikwissenschaftler Oliver Lembcke
Bei den Grünen setze sich "das Leiden noch fort", findet der Politikwissenschaftler. Zwar jubelte die Partei am Sonntagabend über einen klaren Wahlerfolg in Münster - in Bonn und Aachen dagegen mussten sie die Rathausführung an die CDU abgeben. "Ein bisschen Ausverkauf" diagnostiziert Lembcke bei der Ökopartei: Themen wie Klima, Umwelt und Natur seien derzeit nicht nur wenig populär, sie polarisierten auf kommunaler Ebene. Bei der Freigabe von Bebauungsflächen beispielsweise seien die Grünen "eher Verhinderer, wenn andere in die Hände spucken wollen". Zudem zeige das Wahlergebnis, dass die Partei etwas führungslos wirke.
AfD fehlt die Bündnisfähigkeit
Die AfD, die nach ihrem mancherorts guten Abschneiden bei der Kommunalwahl vor zwei Wochen noch in Siegerlaune war, sei "jetzt die Verliererin der Stichwahl" - so das Fazit des Politikwissenschaftlers. Bei der Frage, wer eine Stadt oder Gemeinde anführen kann, sahen die Wählerinnen und Wähler offenbar doch nicht ausreichend Kompetenz bei der Partei, die der Bundesverfassungsschutz in Teilen als rechtsextrem einstuft.
Entgegen mancher Befürchtungen wird die AfD bis auf weiteres keinen Oberbürgermeister in NRW stellen und auch kein anderes kommunales Spitzenamt besetzen.
AfD-Erfolg "Einbildung der vergangenen Wochen"
Für Politikwissenschaftler Florack wäre ein anderes Ergebnis "sehr überaschend" gewesen: Selbst in einigen ostdeutschen Ländern, wo die AfD schon länger etabliert und sogar bei Wahlen stärkste Kraft ist, gelinge es der Partei nicht, Stichwahlen zu gewinnen und darüber hauptamtliche Positionen zu bekleiden.
"Insofern war es ein bisschen auch eine Einbildung der vergangenen Wochen, dass die AfD wirklich in Schlagdistanz kommt", meit Florack. In NRW sei immer noch "klar für alle Parteien: Wenn es darum geht, die Afd aus Rathäusern fernzuhalten, dann steht man zusammen". Das zeige dieser Wahlabend ganz deutlich.
Der AfD habe zudem vor den Wahlen gezeigt, dass es ihr im Rathaus an der nötigen Bündnisfähigkeit fehle, meint Lembcke. "Wenn man immer das Stück 'Alle gegen einen' aufführt, muss man sich nicht wundern, dass man in Stichwahlen allein da steht und verliert." Dennoch werde die "Erpressungsmacht" der AfD in den Räten wachsen.
Gut für Koalition: "Geist der Volkspartei ist durch NRW geweht"
Welche Lehre kann die Politik nun aus diesem Wahlergebnis ziehen - gerade in aufgeregten und polarisierenden Zeiten? Für alle Parteien müsse das ein Ansporn sein, meint Lembcke, "Pragmatismus, Ideologieferne und etwas wie ein politisches Charisma" aufzubauen: "Erkennen, wo die Probleme sind, sie direkt ansprechen, versuchen, mit der Stadtgesellschaft in der Breite - nicht nur mit der eigenen Klientel - zu Lösungen kommen."
Die schwarz-grüne Koalition in Berlin könne "Reformkraft" daraus entwickeln. Denn die Stichwahl habe gezeigt, dass der "Geist der Volkspartei" noch da sei, "er ist ein bisschen durch NRW geweht".
Mit Blick auf die AfD ist deutlich geworden: Die Partei, die vom Bundesverfassungsschutz zwischenzeitlich als gesichert rechtsextremistische Bestrebung einstuft wurde, hat vielerorts in NRW an kommunalpolitischer Kraft gewonnen, sie wird präsent sein in Stadt- und Gemeinderäten. Die anderen Parteien, warnt Lembcke, müssten sich nun wappnen für Diskussion über die sogenannte "Brandmauer": Was, wenn es ohne die AfD beispielsweise nicht genügend Mehrheiten bei Öffnungszeiten für Schwimmbäder gebe?
SPD-Wahlsieger in Herne und Hamm: bürgernah und entscheidungsfreudig
"Wichtig ist, dass man sich nicht verbiegt." Wenn beispielsweise in einer Stadt CDU und SPD Beschlüsse fassen, die sie selber für richtig halten - und die AfD ebenso. Diese Beschlüsse dann nicht umzusetzen, "weil die Falschen das richtige tun", sei ein Fehler. Stadträte sollten statt dessen versuchen, "die AfD dadurch überflüssig zu machen, dass man die Dinge tut, die die Bürger von einem erwarten". Die Wahlsiege in Duisburg, Herne oder Hamm zeigten: "Dort wurden SPD-Kandidaten gewählt, weil sie diesen Machertypus verkörpern und keine Selbstbeschäftigung sind."
In Herne und in Hamm gewannen schon vor zwei Wochen die SPD-Kandidaten Frank Dudda und Marc Herter NRW-weit als einzige das Oberbürgermeisteramt im ersten Anlauf. Beide gelten als bürgernah und entscheidungsfreudig. Das könnte auch eine Lehre für Bundespolitik sein.