Dortmund nach der Wahl: Infarkt in der Herzkammer der Sozialdemokratie
02:37 Min.. Verfügbar bis 29.09.2027.
Dortmund nach der Wahl: Infarkt in der Herzkammer der Sozialdemokratie
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Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg haben die Menschen in Dortmund einen Christdemokraten zum Oberbürgermeister gewählt. Doch Euphorie oder Aufbruchstimmung herrscht "am Tag danach" beim Wahlvolk nicht, ganz gleich welcher Partei.
Von Kay Bandermann
Der Borsigplatz: Pilgerstätte der schwarz-gelben Fußballgemeinde und Sinnbild für die Nordstadt. Viele Autos quälen sich durch das Rund. Am Rande sitzen kleine Gruppen von Menschen vor einem Imbiss, trinken Tee oder essen einen Döner.
Ali Öztürk ist einer der selten gewordenen SPD-Stammwähler
Ali Öztürk (64) macht eine kleine Zigarettenpause. Ein Becher Kaffee steht vor ihm. "Solange die SPD hier zu sagen hat, sind die Straßen rund um den Borsigplatz regelmäßig sauber gemacht worden," so sein Empfinden. Und weil der Borsigplatz seit 30 Jahren seine Heimat ist, ist ihm das wichtig. Deshalb hat er auch diesmal die SPD und ihren Kandidaten Thomas Westphal gewählt.
Innenstadt-Nord: Wahlbeteiligung 13 Prozent
Mehr als 70 Prozent in der Dortmunder Nordstadt haben das so gemacht wie er. Problem nur: die Wahlbeteiligung lag in diesem Stadtteil bei mageren 13 Prozent. Da wundert es nicht, dass das Männer-Trio auf einer Holzbank am Straßenrand keine Lust hat, über Politik zu reden: "Westphal war nicht der Richtige", sagt einer von ihnen knapp. "Hoffen wir mal, dass es nach 80 Jahren SPD jetzt besser wird."
Der Borsigplatz gehört zu Dortmund wie 80 Jahre lang die SPD
Luan Behljulji wartet an einer Straßenbahn-Haltestelle. Der 32-Jährige ist in Deutschland geboren, seine Familie stammt aus dem Kosovo. Er ist generell unzufrieden mit der Politik, auch mit dem Dortmunder Rat.
Wunsch an neuen OB: Mehr Polizei-Präsenz
Besonders die Sicherheit der Kinder in der Nachbarschaft sieht er gefährdet: "An jeder Ecke kann man Drogen oder Lachgas kaufen", kritisiert er. Darum wünscht er sich vom neuen Oberbürgermeister mehr Polizei-Präsenz.
Die Kinder haben nicht genügend Spielmöglichkeiten oder Freizeitzentren hier. Luan Behljulji, Wähler aus dem Dortmunder Norden
Kinder seien voller Energie. "Die sollten wir sinnvoll nutzen für die Zukunft unserer Gesellschaft."
Stadtbezirk Hombruch: Wahlbeteiligung 49 Prozent
Ortswechsel zum Kirchhörder Berg: Die Nahversorgung ist hier vom Allerfeinsten. Es gibt einen Supermarkt und einen Fischhändler. Ein paar Meter weiter werden hochwertige Designerlampen und exquisite Accessoires verkauft. Sparkasse und Volksbank haben noch richtige Filialen statt Räumen mit Geldautomaten. Willkommen im Dortmunder Süden.
Es ist jener Teil der Stadt, dessen Bevölkerung Alexander Kalouti vermutlich seinen Stichwahlsieg zu verdanken hat. Fast jeder Zweite ging zur Stichwahl. Dabei gaben 60 Prozent dem CDU-Mann ihre Stimme.
Geldadel-Vorwurf empört Menschen im Süden
Oliver Wagner sieht sich und seinen Stadtteil im Dortmunder Süden diffamiert
Oliver Wagner wartet auf den Abschleppdienst. Sein Roller streikt. Zeit für eine kleine Wahlanalyse: "Das hat sich der Herr Westphal selbst zuzuschreiben", sagt der 55-Jährige und meint eine Aussage des SPD-Amtsinhabers vom ersten Wahlabend.
Nach dem Ausscheiden des unabhängigen Bewerbers Martin Cremer sprach SPD-Oberbürgermeister Westphal vom "Geldadel aus dem Dortmunder Süden". Für ihn eine "komplett arrogante Aussage. Da hab ich mich persönlich diffamiert gefühlt," sagt Wagner. Man könne einen ganzen Stadtteil nicht so angreifen. Er selbst sei kein Geldadel.
Hoffnung auf Veränderung
Armin Wille schiebt seinen Einkaufswagen über den Parkplatz eines Supermarktes. Auch er glaubt, dass die Geldadel-Aussage die Stimmung gegen Westphal kippen ließ. Aber er hielt dessen Politik auch vorher schon für schwach.
"Verwalten reicht mir nicht. Wir brauchen Veränderungen, und da fehlten mir sichtbare Impulse, z.B. bei der Innenstadtentwicklung," meint er. Von einem Oberbürgermeister erwarte er, dass er die groben Richtlinien formuliert und vorgibt.
Und da sind sich dann Dortmunder Norden und Süden doch sehr ähnlich - sie eint der Wunsch nach und die Hoffnung auf Veränderung.
Unsere Quellen:
- Wahlanalyse-Daten der Stadt Dortmund
- Beobachtungen des WDR-Reporters vor Ort