Katholische Kirche zahlt an Opfer sexualisierter Gewalt

Aktuelle Stunde 11.12.2025 24:40 Min. UT Verfügbar bis 11.12.2027 WDR Von Christina Zühlke

Missbrauchsbeauftragte: Kirche und Politik helfen Betroffenen zu wenig

Stand:

"Kein Betrag kann eine verlorene Kindheit wettmachen", sagt Kerstin Claus. Sie ist seit 2022 die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung und hat selbst sexualisierte Gewalt durch einen Pastor der evangelischen Kirche erlebt. Seit Jahren engagiert sie sich für die Rechte von Missbrauchsbetroffenen.

Von Christina Zühlke

Die katholische Kirche hat Missbrauchs-Betroffenen bereits mehrfach 300.000 Euro und mehr gezahlt, das zeigt eine Recherche vom WDR und dem Kölner Stadt-Anzeiger. Welche Wirkung haben solche Summen und wie sieht es in anderen gesellschaftlichen Bereichen aus, in denen auch Kinder sexualisierte Gewalt erlebt haben? Zum Beispiel in Sportvereinen und Verbänden?

Kerstin Claus ist seit 2022 die unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Im Interview kritisiert sie die evangelische Kirche und lobt das Land Nordrhein-Westfalen.

WDR: Können diese hohen Zahlungen wirklich etwas bewirken für Betroffene von sexualisierter Gewalt?

Porträtfoto einer Frau mit grauen kürzeren Haaren und Brille sitzt bei einer Pressekonferenz

Kerstin Claus, Bundesbeauftrage gegen sexuellen Missbrauch von Kindern

Kerstin Claus: Kein Betrag der Welt kann eine verlorene Kindheit und Jugend wettmachen, das ist vollkommen klar. Aber wir wissen, dass Betroffene massiver sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend häufig unter Armut leiden. Und gleichzeitig ist es aber auch ein Stück der Anerkennung: Ja, es ist geschehen, was geschehen ist. Denn die Biografie ist ja meist auch geprägt von diversen Brüchen und Belastungen, die aus den Erfahrungen der Kindheit und Jugend resultieren.

WDR: Welche Bedeutung hat die Höhe dieser Zahlungen gesellschaftlich? Welche Verantwortung erwächst daraus auch für andere Institutionen, in denen Missbrauch geschehen ist?

Claus: Tatsächlich hat sich die Schmerzensgeldlandschaft durch diese Entscheidungen der Kommission der katholischen Kirche drastisch verändert. Die katholische Kirche hat da eine Vorreiterrolle. Andere, wie beispielsweise Sportvereine und Verbände müssen folgen. 

Gleichzeitig ist auch klar, die Kirchen stehen in einer besonderen Verantwortung, übrigens auch die evangelische Kirche, die bis heute noch kein geordnetes Verfahren hat. Für mich wäre es schon ein Erfolg, wenn alle Strukturen, in denen es zu sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche gekommen ist, tatsächlich bereit wären, ein strukturiertes Anerkennungsverfahren und auch entsprechend Gelder zu leisten.

WDR: Zahlt die evangelische Kirche denn ähnliche Summen?

Claus: Die Evangelische Kirche hinkt um Jahre der katholischen Kirche hinterher und für Betroffene ist das tatsächlich desaströs, weil sie in Teilen ja schon seit vielen Jahren versuchen, über die evangelische Kirche a) die Anerkennung und b) angemessene Entschädigung des Leids zu bekommen. Das ist bisher so in dieser Art und Weise noch immer nicht möglich.

WDR: Wie kann die Politik da unterstützen, auch im Bereich des Sports?

Claus: Es ist tatsächlich frustrierend, dass auf bundespolitischer Ebene die Anstrengung für Aufarbeitung im Sinne von Unterstützung, Hilfen für Betroffene und auch verbindliche Regelungen in den jeweiligen Strukturen und Verbände zu schaffen, bis heute nicht gelungen ist. Ich kann nicht nachvollziehen, warum Sportförderung in diesem Maße weiter möglich ist, wenn gleichzeitig bestimmte erste Schritte zum Kinderschutz seitens des verfassten Sportes noch nicht gegangen sind.

WDR: Die Bundesregierung selbst hatte im Koalitionsvertrag versprochen Betroffene durch den "Fonds sexueller Missbrauch" weiter zu unterstützen. Nun wurden die Gelder für den Fonds gestoppt. Was bedeutet das für Betroffene?

Claus: Hier muss man sagen, die Leistungen über den Fonds sexueller Missbrauch, die es bisher gab, sind ja deutlich geringer als das, was die katholische Kirche zum Beispiel möglich macht. Ich kann an der Stelle die Bundesregierung nur auffordern, den Fonds sexueller Missbrauch fortzuführen, weil darin wenigstens eine grundlegende Unterstützung für Betroffene, dann auch im Kontext Sport und in anderen Bereichen, weiter möglich wäre. Im Moment scheitert das daran, dass die Bundesregierung den Fonds sexueller Missbrauch für Neuanträge nicht fortführt.

WDR: Wie sieht es denn in den Bundesländern aus, gibt es dort Strukturen, die Betroffene unterstützen? 

Claus: Also uns fehlen tatsächlich gute Strukturen in den Ländern, damit wir auch in Aufarbeitung vorankommen. Denn Druck braucht eine gewisse regionale Nähe. Und den Druck allein aus der Bundesperspektive auf die verschiedenen Strukturen, wie Sportbünde, Landeskirchen oder diakonische Bereiche wie Caritas und Co. werden wir nur dann wirklich hinbekommen, wenn tatsächlich in den Ländern politische Verantwortung für Aufarbeitung übernommen wird.

Nordrhein-Westfalen ist tatsächlich das erste Bundesland, das über eine eigene Aufarbeitungskommission jetzt überhaupt mal grundlegende Standards für Aufarbeitung erarbeitet. Damit geht Nordrhein-Westfalen in eine Vorreiterrolle für den Bereich der Aufarbeitung, die so immens wichtig ist, wenn wir heute Kinder und Jugendliche besser schützen wollen. Und ich kann nur die anderen Bundesländer auffordern, diesem Schritt Nordrhein-Westfalens zur eigenen Aufarbeitungskommission zu folgen.

Unsere Quellen:

  • Interview mit Kerstin Claus

Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 11.12.2025, 18.45 Uhr

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