Stadtbild Diskussion: Kritik am Kanzler vs Unterstützung für Kanzler

Aktuelle Stunde 21.10.2025 40:15 Min. UT Verfügbar bis 21.10.2027 WDR Von Henry Bischoff

Merz und seine Stadtbild-Äußerungen: Jetzt reden die "Töchter"

Stand:

Mit seiner Aussage zu den "Problemen im Stadtbild" hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) viel Kritik auf sich gezogen. Auch, weil er nicht genau sagt, was oder wen er damit konkret meint. Stattdessen schlägt er vor, die eigene "Tochter" danach zu fragen. Wir haben mit "Töchtern" in NRW gesprochen.

Das, was er sagt, beziehungsweise nicht sagt, schlägt hohe Wellen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erklärt, dass es in Deutschland landauf, landab "Probleme im Stadtbild" gebe. Diese bringt er in Zusammenhang mit Migration und will mit einer härteren Abschiebepraxis dagegen vorgehen.

Was Merz nicht sagt, ist, auf was und vor allem wen konkret sich seine Stadtbild-Aussage bezieht. Auf Nachfrage erklärt er: "Fragen Sie mal Ihre Töchter, was ich damit gemeint haben könnte. Ich vermute, Sie kriegen eine ziemlich klare und deutliche Antwort." Er selbst gibt so eine klare und deutliche Antwort jedoch nicht. Das sorgt für viel Spielraum bei den Reaktionen. Nicht nur deshalb erntet der Bundeskanzler Kritik für seine Aussage.

Politikwissenschaftler: Politiker müssen auf ihre Sprache achten

Bereits am Sonntagabend hatte es in Berlin am Brandenburger Tor eine Kundgebung unter dem Motto "Brandmauer hoch! Wir sind das Stadtbild" gegeben. Dabei demonstrierten Hunderte Menschen für Vielfalt und gegen Rassismus. Mehrere Redner kritisierten Merz für seine Stadtbild-Aussagen und warfen ihm eine mangelnde Abgrenzung zur AfD vor.

Politikwissenschaftler Benjamin Höhne von der TU Chemnitz

Benjamin Höhne

Eine Position, die Benjamin Höhne, Politikwissenschaftler an der TU Chemnitz, nachvollziehen kann. Höhne sagte dem WDR, es sei "ganz wichtig" für die Union und für andere demokratische Parteien, bei ihrer Sprache "sehr genau darauf zu achten, keine Ressentiments, keinen Rassismus zu bedienen". Ansonsten würde die AfD nur weiter bestärkt, ohne dass die CDU davon profitieren könne.

Umweltaktivistin Luisa Neubauer ruft zu Demo auf

Demonstranten protestieren vor dem Konrad Adenauer Haus in Berlin

Demo gegen Stadtbild-Aussage von Kanzler Merz

Umwelt- und Klimaktivistin Luisa Neubauer rief am Dienstag wegen der Stadtbild-Äußerung von Merz unter dem Hashtag #WirSindDieTöchter zu einer spontanen Demonstration vor der CDU-Bundesgeschäftsstelle in Berlin auf. Es kamen laut Veranstalter 7.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die Polizei spricht von rund 2.000 Demo-Teilnehmern.

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"Wir sind plusminus 40 Millionen Töchter in diesem Land", so die 29-jährige Neubauer in einem Beitrag auf Instagram. "Wir haben ein aufrichtiges Interesse daran, dass man sich mit unserer Sicherheit beschäftigt."

Worauf wir gar keinen Bock haben, ist als Vorwand oder Rechtfertigung missbraucht zu werden für Aussagen, die unterm Strich einfach diskriminierend, rassistisch und umfassend verletzend waren. Luisa Neubauer, Umwelt- und Klimaktivistin

Das sagen "Töchter"

Und was sagen andere junge Frauen - sprich "die Töchter"? Der WDR hat sich in der Essener Innenstadt umgehört. Eine der Befragten sagt: "Ich fühle mich eigentlich nicht unsicher." Eine andere meint, ihr sei in der Stadt "meistens gruselig, aber das hat mehr mit den Drogenjunkies zu tun als mit irgendwelchen ausländischen Mitbürgern".

Eine andere junge Frau sagt in die WDR-Kamera: "Wenn man in Düsseldorf rumläuft, fühlt man sich schon sicherer als hier in Essen." Auf die Nachfrage, ob Zuwanderer dafür der Grund seien, antwortet sie mit einem "Ja". Und eine weitere "Tochter" erklärt zu ihrer Befindlichkeit, wenn sie in der Essener Innenstadt unterwegs ist: "Man fühlt sich unsicher, das sind auch die Menschen teilweise." Auf die Nachfrage, ob es an zu vielen Zuwanderern liegen könnte, antwortet sie: "Nein, meiner Meinung nach liegt das nicht an der Herkunft."

Das sagen unsere Hörerinnen und Hörer

Auch im Podcast "0630" des WDR war die von Merz entfachte Stadtbild-Diskussion Thema. Uns erreichten daraufhin zahlreiche Reaktionen von Hörerinnen und Hörern. Eine Frau namens Laura schreibt: "Die Politiker legen sich Probleme immer, wie es passt." Im Dunklen draußen habe sie keine Angst vor dem "syrischen" Mann oder dem "marokkanischen" Mann. Sie habe Angst vor dem Mann. "Statt es für Frauen sicherer zu machen, versucht man, sich den rechten Rand zu bügeln, weil man weiß, dass man darüber noch Sympathisanten bekommt."

Eine andere Frau äußert sich ähnlich: "Ich habe als Tochter keine Angst vor Migranten in unserem Stadtbild, sondern vor Männern." Ein Hörer namens Marc schreibt: "Ein Kanzler muss alle Menschen mitnehmen und nicht die Narrative des rechten Rands bedienen."

Reisende gehen durch den Hauptbahnhof in Frankfurt am Main

Ein User spricht den Frankfurter Hauptbahnhof als Problem-Ort an.

Aber es gibt auch andere Stimmen. Ein Hörer namens Winfried schreibt: "Kanzler Merz hat vollkommen recht, meine Tochter traut sich abends nicht mehr alleine durch die Stadt." Und "Dirty Harry" findet: Der Kanzler beschreibe nur das, wovon viele Menschen betroffen sind. "Ich lade jeden realitätsverweigernden Gutmenschen ein, einmal abends am Frankfurter Bahnhof zu sein."

Stadtbild-Diskussion auch in den Sozialen Medien

Auch in den Sozialen Medien nimmt die Stadtbild-Diskussion von Merz breiten Raum ein. An den Kanzler gewandt sagt eine junge Frau: "Ich lass mich hier ganz sicher nicht für solche rassistischen Narrative ausnutzen! Such dir deine eigenen rassistischen Gründe, aber lass die Töchter dieses Landes aus dem Spiel."

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Eine andere Frau deutet auf Instagram - nicht ohne Ironie - die Worte von Merz so: "Ach sooo, er meinte eigentlich, dass Frauen jetzt unsere Städte planen sollen. Ja, sag's doch gleich."

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Unsere Quellen:

  • Nachrichtenagentur dpa
  • Politikwissenschaftler Benjamin Höhne gegenüber dem WDR
  • Junge Frauen in der Essener Innenstadt gegenüber dem WDR
  • 0630-Podcast des WDR
  • Instagram

Über dieses Thema berichten wir am 21.10.2025 auch im WDR Fernsehen: Aktuelle Stunde, 18.45 Uhr

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