Mehr Antisemitismus: Sorge und Mitgefühl in NRW

Aktuelle Stunde 15.12.2025 31:04 Min. UT Verfügbar bis 15.12.2027 WDR Von Bernd Neuhaus

Nach Anschlag in Sydney: Polizei in NRW an Chanukka besonders wachsam

Stand:

Nach dem Anschlag in Sydney hat NRW-Innenminister Herbert Reul die Polizeikräfte zu Wachsamkeit aufgerufen.

"Wir haben unsere Polizei für den Schutz jüdischer und israelischer Einrichtungen nochmals sensibilisiert", sagte CDU-Politiker und NRW-Innenminister Reul. "Unser klares Ziel ist es, jüdisches Leben zu schützen. Antisemitismus vergiftet unser Miteinander und muss aus Chatforen, von den Straßen und aus den Köpfen verschwinden."

Herbert Reul im Portrait

Herbert Reul (CDU), NRW-Innenminister

Die Stadt Wesel am Niederrhein und die Jüdische Gemeinde reagierten am Montag auf den Anschlag in Sydney und sagten eine geplante Chanukka-Feier im Rathaus ab. Auch die Angst vor einem möglichen Anschlag spiele dabei eine Rolle, sagte ein Stadtsprecher.

Eigentlich sollte das Lichterfest zum dritten Mal vor dem Rathaus stattfinden. Auch in Mülheim/Ruhr sagten die Stadt und die Gemeinde eine am Dienstag geplante Veranstaltung zu Chanukka ab. NRW-Innenminister Reul kann das verstehen, findet es aber nicht richtig:

Ich finde, wir dürfen vor solchen Typen nicht die Waffen strecken. Wir müssen unser Leben weiterführen. [...]. Das ist ein schlechtes und falsches Signal. NRW-Innenminister Herbert Reul
Oded Horowitz, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf

Oded Horowitz, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf

Die größte jüdische Gemeinde des Landes in Düsseldorf hält an ihren Veranstaltungen zu Chanukka fest - wie viele andere auch: "Wir müssen und wollen unser jüdisches Leben weiter fortführen und werden es auch weiter fortführen. Denn wenn wir im Prinzip nicht mehr unser jüdisches Leben hier fortführen können, dann können wir hier nicht leben", sagte der Vorsitzende Oded Horowitz.

Unruhe in der Gemeinde Münster

Ähnlich ist der Umgang mit dem Anschlag beispielsweise in Münster: Dort kamen zum Fest am Sonntag etwa 120 Juden und Christen auf den Maria-Euthymia-Platz - mehr als in den Jahren zuvor. Oberbürgermeister Tilman Fuchs sagte, es sei gerade jetzt sehr wichtig, Solidarität zu zeigen. Die Stadt tue außerdem "alles für die Sicherheit" der jüdischen Mitbürger. 

Trotzdem sorgen die Ereignisse für Unruhe und Unsicherheit in der Gemeinde. Die Vorsitzende Karina Hoensbroich sagt, sie habe in letzter Zeit viele Gespräche, in denen sie ihre Mitglieder beruhigen muss.

An der Uni Münster gibt es seit August eine Anlaufstelle für jüdische Studierende. Dort sollen sie Hilfe und Beratung bei antisemitischen Übergriffen oder Beleidigungen bekommen.

Jüdische Gemeinde in Bielefeld bedrückt

Irith Michelsohn blickt in die Kamera

Irith Michelsohn, Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld

Auch die jüdische Gemeinde in Bielefeld zeigte sich bedrückt. Trotzdem feierte sie am Sonntag den Start des Chanukka-Festes und gedachte der Opfer von Sydney. Die Vorsitzende Irith Michelsohn betonte, dass sie sich in Bielefeld sicher fühle.

Wir wollen zeigen, dass wir nicht ängstlich sind und uns verstecken wollen. Irith Michelsohn, Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld

"Chanukkah ist da"so Michelsohn weiter, "und wir werden Chanukka feiern, so wie wir nach dem 7. Oktober jeden anderen Feiertag gefeiert haben. Ohne natürlich die schrecklichen Angriffe und Opfer zu vergessen."

Mehr Antisemitismus in NRW

Im Juni hatte die NRW-Antisemitismusbeauftragte Sylvia Löhrmann den Jahresbericht für 2024 vorgelegt. Demnach hat die Zahl der judenfeindlichen Straftaten und Vorfälle im Westen zugenommen.

Im Jahr 2024 erfassten die Behörden landesweit 695 antisemitische Straftaten, was im Vergleich zum Vorjahr mit 547 Fällen eine deutliche Steigerung ist. Viele Taten waren demnach Sachbeschädigungen oder Volksverhetzungen.

Besonders durch die Eskalation des Nahostkonflikts hätte der Hass auf Jüdinnen und Juden in der Gesellschaft in den vergangenen Jahren zugenommen, heißt es im Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2024.

Löhrmann nannte auch konkrete Beispiele: Wohnhäuser von Jüdinnen und Juden werden markiert und beschmiert, in jüdischen Restaurants werden Fensterscheiben eingeschlagen, Veranstaltungen mit jüdischem Kontext werden abgesagt.

Ein Bündnis aus Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Zivilgesellschaft hatte deswegen im Spätsommer einen Forderungskatalog mit konkreten Maßnahmen zum Kampf gegen den erstarkenden Antisemitismus vorgelegt.

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Unsere Quellen:

  • Nachrichtenagentur dpa
  • Homepage Städte Mülheim/Ruhr und Wesel
  • Statement von jüdischem Menschen in Bondi
  • NRW-Antisemitismus-Jahresbericht für 2024
  • WDR-Reporter in Wesel, Düsseldorf, Bielefeld und Münster

Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 15.12.2025, 18.45 Uhr

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