Soldaten der Bundeswehr stehen bewaffnet in einem Wald.

Der Wehrdienst sollte auf mehr Jahrgänge ausgeweitet werden! | MEINUNG

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Die Wehrdienstreform kommt: Damit will die Regierung mehr junge Menschen zu einem Dienst bei der Bundeswehr locken. Kolumnistin Minh Thu Tran fragt: Warum wird nicht ernsthafter darüber diskutiert, die Landesverteidigung auf mehr Schultern zu verteilen?

Von Minh Thu Tran

Bundesweit sind Schülerinnen und Schüler am Freitag auf die Straße gegangen, um gegen das neue Gesetz für die Modernisierung des Wehrdienstes zu protestieren. Die wesentlichen Punkte: Alle 18-Jährigen bekommen einen Brief, die jungen Männer werden verpflichtend gemustert. Der Dienst bleibt erstmal freiwillig, die Politik lockt mit besserer Bezahlung und Zuschüssen für einen Führerschein. Aber: Sollten sich zu wenige melden, könnte auch wieder ein Losverfahren auf den Tisch kommen. Die Proteste können das Gesetz nicht mehr verhindern. Am Freitag hat der Bundestag den neuen Wehrdienst beschlossen.

Ich gestehe: Ich bin parteiisch, was den Jahrgang 2008 angeht. Mein jüngster Bruder ist in diesem Jahrgang geboren. Er ist 16, macht sich Gedanken darüber, was er machen will, sobald er fertig ist mit der Schule. Er gehört zum ersten Jahrgang, bei dem die jungen Männer verpflichtend gemustert werden. Was irgendwie poetisch ist, denn mein Jahrgang, der Jahrgang 1993, war der erste, der damals nicht mehr zum Wehrdienst verpflichtet wurde - die Jungs in meinem Alter mussten nicht mal mehr zur Musterung.

Ich kann nicht anders, außer das Ganze als unfair empfinden. Die Jugendlichen von heute sind durch Krisen viel direkter betroffen gewesen als wir. Klar, in meiner Jugend gab es eine Finanzkrise, eine Eurokrise. Aber keine hat dazu geführt, dass ich zwei Jahre meiner Kindheit zuhause verbringen musste, statt in die Schule zu gehen. Oder meine Freunde nur eingeschränkt treffen konnte. Oder dass Klassenfahrten, Skifreizeiten, Orchesterproben und Sportveranstaltungen einfach gestrichen wurden.

Die Jungen blieben zu Hause, um die Älteren zu schützen. Viele von ihnen bezahlen damit bis heute mit ihrer psychischen Gesundheit. Und jetzt, in Zeiten des Krieges in Europa? Da müssen sie schon wieder ran.

Warum sollten nur wenige diese gigantischen Herausforderungen schultern? 

Mir ist vollkommen bewusst, dass wir in anderen Zeiten leben. Dass die Militarisierung Russlands und die Bedrohung besonders für die baltischen NATO-Staaten enorm ist. Dass mehr Truppenstärke gefordert ist. Genauso muss aber allen bewusst werden, was wir von den jungen Menschen fordern:

Sie sollen den Älteren die Rente erarbeiten. Die finanziellen Lücken der Krankenkassen stopfen. Sich in einen immer schwierigeren Arbeitsmarkt einfinden und aufhören sich zu beschweren. Und jetzt auch noch das Land verteidigen - wenn's nicht freiwillig klappt, zur Not dann gelost.  Kolumnistin Minh Thu Tran

Kein Wunder, dass bei den Jüngeren zwischen 16 und 29 die Zustimmung für die Wehrpflicht niedriger ausfällt, als in den älteren Altersgruppen. Laut einer Befragung des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr sind gerade mal 42 Prozent dafür. Denn wir als Gesellschaft machen diesen Fehler gerade zu häufig. Wir bürden eine riesige, kaum zu ertragende Last nur auf die Schultern der jungen Generation.

Was spricht denn dagegen, wenn wir für den neuen Wehrdienst nicht nur die Jugendlichen von heute, sondern auch die älteren Jahrgänge mit einbeziehen würden? Die Argumente dagegen sind immer die gleichen: Die Älteren hätten zum Teil schon gedient, wären körperlich nicht mehr so fit. Die anderen Jahrgänge, die aus der Wehrpflicht herausgefallen sind, stünden inzwischen mitten im Berufs- und Familienleben, seien nicht mehr so flexibel.

Wehrdienst im Bundestag beschlossen

WDR Studios NRW 05.12.2025 01:56 Min. Verfügbar bis 05.12.2027 WDR Online

Die Bundeswehr von heute braucht nicht nur junge und fitte Soldaten

Ich glaube nicht, dass diese Argumente in der heutigen Zeit stimmen. In einer Gesellschaft, in der es für 50-jährige Familienväter normal ist, Marathonlaufen oder Rennradfahren als Hobby in der Midlife-Crisis anzufangen. In einer Zeit der wirtschaftlichen Unbeständigkeit, in der es nicht selten ist, dass die Karriere sich alle fünf Jahre ändert. Vor allem, wenn wir bedenken, dass Kriege heute nicht nur an der Frontlinie geschlagen werden, sondern Drohnen-Nerds, Logistik, IT und andere Expertisen zu einer funktionierenden Bundeswehr gehören. 

26.11.2025, Berlin: Boris Pistorius (SPD), Verteidigungsminister, spricht in der Generaldebatte im Bundestag zum Haushalt.

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius

Unser Verteidigungsminister will den Wehrdienst so gut es geht freiwillig halten. Das ginge doch viel besser, wenn wir den Kreis jener Menschen vergrößern würden, die dafür infrage kommen. Die Jahrgänge 1993-2007 könnten zum Beispiel auch erfasst und angeschrieben werden, sobald die Kapazitäten dafür da sind. Und auch sie müssten sich dann mit der Frage befassen: Kann ich ein Jahr aus meinem Leben hergeben, um bei der Bundeswehr zu dienen?

In der Theorie geht das auch heute schon. Wer will, kann neben seinem Job z. B. Kurse absolvieren, um Teil der Bundeswehr-Reserve zu werden. Die Bundeswehr wirbt aktiv für ihre Reserve. Aber: Die Bundesregierung sollte auch mehr Anreize bieten, damit mehr Menschen sich dafür melden. Und damit klar das Zeichen setzen: Die Verteidigung ist eine Mammutaufgabe, bei der alle Generationen ihren Teil leisten sollten. Nicht nur die Jüngeren.

Klar müssen wir dann auch darüber sprechen, dass Leute nach ihrem einjährigen Wehrdienst wieder in ihre Jobs zurück können. Dafür Lösungen zu finden, wäre nicht leicht. Aber alles einfach auf die Jahrgänge ab 2008 zu schieben - damit machen wir es uns zu leicht.

Findet ihr es auch unfair, wenn einige Jahrgänge ausgeklammert werden? Lasst uns darüber diskutieren. In den Kommentaren auf WDR.de oder auf Social Media.

Sendung: WDR 3, Der Tag um zwölf, 05.12.2025, 12.00 Uhr

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