Teile mehrerer defekter Kirchenorgeln in der Liebfrauenkirche Duisburg.

Manifesta 16 Ruhr 15 Wochen Kultur in der Nachbarschaft

Die Manifesta 16 Ruhr verwandelt zwölf leerstehende Kirchen im Ruhrgebiet in offene Orte für Kunst, Bildung und Nachbarschaft – bei freiem Eintritt.

Vom 21. Juni bis 4. Oktober 2026 wird das Ruhrgebiet zum Schauplatz eines besonderen Experiments: Die Manifesta 16 Ruhr ist die 30. Ausgabe der europäischen Biennale, deren Ausstellungsorte alle zwei Jahre wechseln. Die diesjährige Ausgabe verwandelt zwölf entweihte Kirchen in Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum in offene Orte für Kunst, Bildung und Nachbarschaft. Der Eintritt soll überall kostenlos sein. Ein klares Signal: Diese Räume gehören allen.

Nachkriegskirchen: Architektur aus Trümmern, gebaut für die Gemeinschaft

Viele der Kirchen, die heute leer stehen, wurden nach 1945 aus Trümmern errichtet. Architektinnen und Architekten verzichteten damals bewusst auf monumentale Formen, setzten die Altäre tiefer und betonten Gemeinschaft statt sakraler Überhöhung als architektonische Antwort auf Faschismus und Krieg. Festivalleiterin Hedwig Fijen beschreibt diese Gebäude im WDR 3 "Mosaik“ als typische "Pantoffelkirchen".

Porträtaufnahme von Hedwig Fijen.

Festivalleiterin Hedwig Fijen

Der Gedanke war, dass die Leute, die da gewohnt haben, in fünf Minuten auf ihren Pantoffeln in die Kirche gehen könnten. Hedwig Fijen

Kirchen als Teil des Alltags, nicht als Heiligtümer

Die Geschichte dieser Bauten ist bis heute sichtbar. In der Duisburger Liebfrauenkirche stehen noch Figuren aus dem zerstörten Vorgängerbau. Die Mauern der Gethsemane-Kirche in Bochum bestehen aus Ziegeln, die Anwohnerinnen und Anwohner in den 1940er-Jahren aus den Trümmern gesammelt haben.

Trümmerziegel als Bild: Fragmente der Vergangenheit, Bausteine der Zukunft

Michael Kurtz, einer der Creative Mediators der Biennale, beschreibt den Ansatz mit der Metapher des Trümmerziegels: Künstlerinnen und Künstler arbeiten mit dem, was vorhanden ist, mit Bänken, Fenstern oder Orgelpfeifen und denken daraus neue Formen von Gemeinderäumen. Die Kirchen werden transformiert in ein Migrationsmuseum, einen Garten, Teeraum, ein Basketballfeld oder eine Schule.

Fragmente einer alten Ordnung, die in einer neuen Struktur weiterleben. Michael Kurtz

Kunstprogramm in Duisburg, Essen, Bochum und Gelsenkirchen

Laut Organisatorinnen und Organisatoren entstehen 50 neue Werke, insgesamt wirken mehr als 100 Künstlerinnen, Künstler und Initiativen mit. Inhaltlich drehen sich viele Projekte um Themen, die nicht nur das Ruhrgebiet beschäftigen: Migration, Desinformation, gesellschaftliche Spaltung und die Frage, wo Menschen sich treffen können, ohne etwas kaufen zu müssen. Die Kirchen dienen als Versuchslabore, wie solche nicht-kommerziellen Räume aussehen und funktionieren könnten.

Kirche als sozialer Versorgungsraum oder soziale Skulptur

In einer Kirche in Oberhausen hat die "Tafel" gemeinsam mit Partnern ein Projekt gestartet und nutzt den Kirchenraum für die Essensausgabe an Bedürftige. Eine Kirche in Gelsenkirchen wird zu einer sozialen Skulptur; einem Teegarten. Gewidmet ist sie Ferdane Satir, einer Mutter, die bei einem rassistischen Anschlag 1984 in Duisburg ums Leben gekommen ist.

Adina springt in einer Hüpfburg, die einer Kirchenglocke nachempfunden wurde.

Eine Hüpfburg in Bochum, die einer Kirchenglocke nachempfunden wurde

"This is not a Church": Open Call für niedrigschwellige Gemeinschaftsräume

Unter dem Motto "This is not a Church" hat die Manifesta 16 Ruhr schon früh einen Open Call gestartet. Initiativen, Kollektive und Kulturschaffende aus dem Ruhrgebiet waren eingeladen, eigene Projekte einzureichen, die Kirchen als mögliche Gemeinschaftsräume neu denken. Die Biennale macht sichtbar, wie eng Fragen von Architektur, Religion, Stadtplanung und Zivilgesellschaft miteinander verwoben sind

Was bleibt nach dem Festival?

Langfristig könnte die Manifesta 16 Ruhr dazu beitragen, dass Städte, Kirchengemeinden und Zivilgesellschaft gemeinsam neue Nutzungskonzepte für Kirchen entwickeln, jenseits rein kommerzieller Verwertung. Für Orte wie Herne, Duisburg oder Gelsenkirchen eröffnet sich so die Chance, ihre Nachkriegskirchen als Räume einer gemeinsamen Zukunft neu zu definieren.

Europäische Wanderbiennale Manifesta startet im Ruhrgebiet

Westart | WDR 19.06.2026 04:20 Min. Verfügbar bis 19.06.2027 WDR Online

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Unsere Quellen:

  • Manifesta 16 Ruhr / Creative Mediators, Auswahl der Manifesta 16+ Projekte
  • Historischer Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.
  • Evangelischer Pressedienst (epd)
  • Regionalverband Ruhr (RVR)

Sendungen:

  • WDR 3, Mosaik15.06.2026, 6:04 Uhr
  • WDR 5, Westart19.06.2026, 14:05 Uhr 

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