Eigentlich schließt das Museum für Angewandte Kunst Köln um 18 Uhr. Eigentlich, denn es ist 19 Uhr und es hat sich eine Schlange vor dem Eingang gebildet. Die Leute wollen zum Speed Dating ins Museum - das gab es noch nie.
Luisa und Sheila haben sich beim "Gallery Crush" Speed Dating getroffen.
Auch Luisa und Sheila sind gekommen. Die beiden haben sich gerade erst kennengelernt. Sie verbindet vor allem der Frust über das Online-Dating: "Irgendwie ist es alles so schnelllebig. Innerhalb von einer Woche hat man alles durch. Im Sinne von Kennenlernen, Lovebombing, man ist gefühlt verheiratet", erzählt Sheila. "Und dann wird man geghostet", fügt Luisa hinzu.
Vielfältige Gründe für Frust beim Online-Dating
Lovebombing, also emotionalen Druck dadurch, dass man überschüttet wird von Aufmerksamkeit und Zuneigung, oder Ghosting, wenn der Kontakt ohne Erklärung plötzlich abgebrochen wird - über diese Extreme und alles dazwischen könnten die beiden wohl stundenlang reden. Man merkt, wie frustriert sie vom Online-Dating sind.
Ob Unverbindlichkeit, immer die gleichen Einstiegsfragen: "Was machst du beruflich?" "Wo kommst du her?" Oder Dates, die sich nicht mehr an die Chats vor dem Treffen erinnern können, weil sie mit so vielen Personen schreiben - die Frustfaktoren sind vielfältig.
Fine Stammnitz will die Teilnehmer inspirieren.
Deswegen hoffen Sheila und Luisa darauf, heute Abend im echten Leben nette Menschen kennenzulernen. "Das Konzept ist die Kombination aus Kultur und einem ästhetisch sehr ungewöhnlichen Ort, zu dem man sonst keinen Zugang hat. Wir glauben, dass man sich da ganz anders treffen und verlieben kann und ganz anders inspiriert ist, als wenn man sich einfach in einer Bar treffen würde", erklärt Fine Stammnitz vom Veranstalter "Rausgegangen".
Großes Interesse an Offline Events
Das kommt offenbar gut an: Innerhalb eines Wochenendes war das Event ausverkauft. Etwa 200 Personen stehen noch auf der Warteliste. Insgesamt konnten 60 Menschen ein Ticket ergattern. Damit es aufgeht, sind es je 30 Männer und Frauen.
Gegen halb acht dürfen dann alle in den Veranstaltungsraum des Museums. Die meisten sind neugierig, aber auch etwas verhalten. Der Saal ist in rotes Licht getaucht, auf den Vierer-Tischen stehen Stimmungslichter und Blumensträuße. An der Wand hängt eine große Leinwand, die gleich zum Einsatz kommt.
Eine Dragqueen sorgt für Stimmung
Dragqueen Roxy Rex moderiert das Event. Sie trägt ein schwarzes, glitzerndes Abendkleid und auffälliges Make-Up. Ihre Aufgabe: Stimmung machen und das Eis brechen.
Dragqueen Roxy Rex moderiert das Speed Dating im Museum.
Sie erklärt, wie das Speed Dating heute Abend ablaufen wird. In zwei Runden, die 50 Minuten dauern, haben die Singles Zeit sich kennenzulernen. Die Frauen bleiben sitzen, die Männer müssen alle fünf Minuten den Platz wechseln. Wenn die Chemie stimmt, kann man mit dem Gegenüber rausgehen und die Schmuckausstellung besuchen. Ein Einzeldate quasi, um sich abseits des Trubels besser kennenzulernen.
Roxy Rex startet die erste Runde. Auf der Leinwand blendet sie pro Runde eine Frage oder eine Gesprächsanregung ein. Zum Beispiel: "Richtet gemeinsam euer Wohnzimmer ein." oder "Wenn du eine Stadt wärst, welche wäre das?" Fine Stammnitz ist überzeugt, dass die sogenannten Prompts helfen, ins Gespräch einzusteigen und Standardfragen wie zum Beispiel über die Karriere zu vermeiden.
Nicht alle Gespräche laufen gut
Luisa ist voll im Date-Modus. Für sie ist klar, dass Vilnius, die Hauptstadt Litauens, ihre Traumstadt wäre. "Weil ich da ein Auslandssemester gemacht und mich da sehr in diese Stadt verliebt habe. Die sind voll offen für junge Leute und es gibt viele Sportangebote", schwärmt sie. Ihrem Gegenüber fällt hingegen nichts ein. Luisa ist davon etwas genervt.
Michelle und Marco können in der Schmuckausstellung in Ruhe reden.
Unterdessen haben sich schon zwei Menschen gefunden, die sich besser kennenlernen wollen. Michelle und Marco sind alleine in der Schmuckausstellung unterwegs. Für sie ein guter Rückzugsort, denn im Veranstaltungsraum ist es durch die vielen Dates sehr laut. Die Kunst gefällt ihnen zwar nicht so gut, aber ist ein guter Aufhänger, falls das Gespräch mal stockt.
Sheila erzählt von ihren "Guilty Pleasures".
In ihrem letzten Gespräch erzählt Sheila von ihren "Guilty Pleasures". Sie gibt lachend zu, dass sie sehr gerne Datingformate wie den Bachelor schaut. Das sorgt für Sympathie bei ihrem Date.
Gab es ein Match?
Nach zweieinhalb Stunden endet der offizielle Teil. Die Singles haben noch Gelegenheit, an der Bar Gespräche zu vertiefen. Luisa hatte Spaß: "Für mich hatte es eher weniger Date-Charakter, eher, dass ich Leute freundschaftlich kennenlerne." Aber auch das ist für die 26-Jährige ein tolles Ergebnis, denn sie wohnt erst seit zwei Monaten in Köln.
"Es war sehr angenehm, die Fragen haben echt geholfen. Ich bin sehr positiv überrascht", resümiert Sheila. Sie möchte noch zwei Männer ansprechen und nach ihrer Nummer fragen. Unabhängig davon, wie es ausgeht, haben Sheila und Luisa Nummern ausgetauscht. Die beiden wollen sich bald wieder treffen.
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Unsere Quellen:
- Gespräche und Beobachtungen der WDR-Reporterin vor Ort
- Interview mit Fine Stammnitz von "Rausgegangen"
Sendung: WDR.de, Gallery Crush in Köln: Speed Dating im Museum, 18.06.2026, 5.01 Uhr