Auch wenn er Kriege und Naturkatastrophen erlebt, Mördern und Kannibalen begegnet, immer wieder von seiner Geliebten verraten wird. Schließlich finden Candide und seine Cunegonde ihr kleines Glück im Reihenhaus. Und vom Besuch im unfassbar reichen Eldorado ist sogar noch ein Goldhammel übrig geblieben.
Natürlich meinte Voltaire diese Geschichte ironisch. Der große französische Philosoph und hochbegabte Spötter wollte zeigen, dass die Welt eben nicht gut ist. In seinem Roman "Candide" zog er über die Mächtigen seiner Zeit her. Und der Komponist und Dirigent Leonard Bernstein fand 200 Jahre später, dass sich am Wahnsinn der Welt wenig geändert hat. Er schrieb ein Stück, von dem niemand so recht weiß, ob es ein Musical, eine Operette oder eine komische Oper ist. Bernstein war so was ohnehin egal, er schrieb einfach tolle Musik, romantische Songs mit Hollywoodglitzer und witzige, rhythmische Nummern.
Die Handlung von "Candide" ist mehr als abenteuerlich. Der Held reist durch die ganze Welt, Leute, die gerade gestorben sind, stehen wieder auf. Die Geschichte nachzuerzählen, das kriegt keiner hin. Bis auf Loriot. Der hat in den neunziger Jahren einen witzigen und immer noch aktuellen Text geschrieben. Und den trägt nun am Aalto-Musiktheater Essen das Multitalent Götz Alsmann vor, mit Charme und Ironie.
Ein Bühnenbild gibt es nicht, das Orchester füllt die Bühne. Aber die wunderbaren Sängerinnen und Sänger des Aalto-Musiktheaters spielen die Szenen sehr lebendig. Vor allem die junge Sopranistin Natalia Labourdette als moralisch äußerst flexible Cunegonde begeistert mit geschmeidiger Glitzerstimme und vollem Körpereinsatz. Einziges Möbelstück auf der Bühne ist ein Loriot-Sofa, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Dahinter passiert viel Liebes-Action.
"Candide" ist ein wunderbar unterhaltender Abend mit hoher musikalischer Qualität, ein anspruchsvolles Vergnügen mit absurdem Humor. Und ein bisschen Hoffnung. Die Welt mag zwar vielleicht doch nicht ganz gut sein, aber Platz für ein glückliches Ende im Reihenhaus gibt es in ihr doch.
Termine
Am 1. März, 15. März und 6. April im Aalto-Musiktheater in Essen.
Weitere Ausgehtipps
Sendung: WDR.de, WDR 4 Kulturtipp, 25.02.2026, 12:00 Uhr.