Würstchen bruzzeln auf dem Grill. In Badekleidung sitzen Menschen im Gras und auf Klappstühlen vor grünen Sträuchern. Die Szene wirkt völlig entspannt, normal, alltäglich. Und gerade darin liegt der große Reiz der Bilder von Brigitte Kraemer. Sie dramatisieren nicht, wollen nicht überwältigen oder mitreißen. Sie zeigen das Leben, wie es ist.
Seit über 40 Jahren fotografiert die 1954 in Hamm geborene Fotografin ihre Heimat, das Ruhrgebiet. Sie lässt sich Zeit, lernt die Menschen kennen, die sie fotografieren will. Sie wird zum Teil der Gruppe, zu einem Gast, der gar nicht mehr auffällt. Und dann kann sie ihre Kamera rausholen, ohne dass sich jemand in Pose wirft. So schießt sie Bilder, die wirklich den Alltag zeigen ohne jedes Klischee.
Dabei ist Brigitte Kraemer an ganz verschiedene Menschen heran gekommen. Bilder aus Frauenhäusern und Frauengefängnissen des Ruhrgebiets sind ein Schwerpunkt der Ausstellung "Wie man lebt – wo man lebt". Sie zeigen nicht nur traurige Gesichter, in denen sich schwere Schicksale spiegeln. Sondern auch heitere, gelöste Momente, die eben auch dort zum Alltag gehören. Ein großer Respekt durchzieht alle Fotos.
Viele Bilder sind in öffentlichen Räumen entstanden. Nicht nur am Rhein-Herne-Kanal, auch auf den Straßen oder auf der Cranger Kirmes. Die Faszination der Karussells zeigt Brigitte Kraemer, indem sie nicht die Fahrgeschäfte zeigt, sondern zwei Frauen und zwei Kinder, deren Blicke nach oben gehen, staunend und begeistert. Es gibt Fotos von Kiosken, Gottesdiensten und Zeremonien verschiedener Religionsgemeinschaften, Menschen im Schrebergarten und im Eiscafé.
Brigitte Kraemers Fotos atmen die Atmosphäre des Ruhrgebiets. Weil sie Schönheit im Einfachen entdecken, in Momenten, die einem vielleicht gar nicht so besonders vorkommen, wenn man sie erlebt. Aber festgehalten als Fotografie sind sie Zeugnisse der Zeitgeschichte. Wer sich für die Arbeitsweise der Fotografin interessiert, kann sich ein Videointerview mit ihr anschauen, das von alleine anspringt, wenn man sich dem Bildschirm nähert. "Wie man lebt – wo man lebt" ist eine hinreißende Hymne an das normale Leben.
Termine
Bis 31. August 2026 im Ruhr Museum Essen.
Weitere Ausgehtipps
Sendung: WDR.de, WDR 4 Kulturtipp, 11.03.2026, 15:00 Uhr.