Ein Mann mit weißem T-Shirt und grauer Jacke steht in einem Büro, hinter ihm ein Fenster.

Kriminalhauptkommissar Torben Konrad von der Polizei Düsseldorf arbeitet an Vermisstenfällen

Interview: Wie sieht die Polizeiarbeit bei Vermisstenfällen aus?

Stand:

Jedes Jahr werden in NRW tausende Kinder als vermisst gemeldet. Viele tauchen schnell wieder auf, manchmal ist es ernst. Wie geht die Polizei vor? Kriminalhauptkommissar Torben Konrad hat Antworten.

Rund 29.000 Kinder und Jugendliche werden in NRW jährlich bei der Polizei als vermisst gemeldet. Dem Landeskriminalamt zufolge zeigen das die Auswertungen der vergangenen drei Jahre. In vielen dieser Fälle gehe es beispielsweise um Dauerausreißer oder auch unbegleitete, minderjährige Geflüchtete. Meistens klärt sich das Verschwinden relativ schnell wieder auf, doch manche Kinder und Jugendliche werden über Monate, Jahre oder sogar Jahrzehnte vermisst. Mit Blick auf die deutschlandweiten Zahlen bleiben laut Bundeskriminalamt etwa drei Prozent der vermissten Menschen länger als ein Jahr verschwunden.

Ungeklärte Vermisstenfälle sind nicht nur rätselhaft, sondern vor allem eine unglaubliche Belastung für Angehörige. Für sie wird die quälende Ungewissheit zum ständigen Begleiter. Auch in NRW gibt es unaufgeklärte Fälle von vermissten Kindern und Jugendlichen. Zu ihnen gehören zum Beispiel David Lück, Emin Önen, Leonie Gritzka, Bianca Blömeke oder auch Deborah Sassen. An ihre Gesichter und Geschichten wird immer wieder erinnert, in der Hoffnung auf den einen entscheidenden Hinweis. Mehr über diese Fälle gibt es in unserer aktuellen Folge WDR Lokalzeit MordOrte.

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Wenn Kinder oder Jugendliche vermisst werden, ist die Polizei gefragt. Torben Konrad ist Kriminalhauptkommissar und hat viel Erfahrung, wenn es um die polizeiliche Arbeit an Vermisstenfällen geht. Er ist der stellvertretende Leiter des Kriminalkommissariats 44, zu dem auch die Vermisstenstelle des Düsseldorfer Polizeipräsidiums gehört.

Lokalzeit: Wie oft kommt es vor, dass Kinder und Jugendliche bei der Polizei Düsseldorf als vermisst gemeldet werden?

Torben Konrad: Diese Frage muss man differenziert betrachten. Zum einen haben wir die sogenannten Dauerläufer. Das sind Jugendliche, die zum Teil nicht mehr in den eigenen Familien leben, die regelmäßig auf der Straße unterwegs sind und dann zum Beispiel durch Heime als vermisst gemeldet werden. Davon haben wir tatsächlich fünf bis sechs Fälle pro Tag. Dazu kommen ein bis zweimal die Woche Fälle, in denen Eltern ihr jugendliches Kind kurzzeitig als vermisst melden. Der Fall, dass ein Kind, also 13 Jahre oder jünger, als vermisst gilt, kommt circa einmal im Monat vor.

Ein Mann sitzt in einem sonst leeren Büro auf einem Stuhl, vor ihm sitzt eine Reporterin mit einer Kamera

Torben Konrad ist Kriminalhauptkommissar und stellvertretender Leiter des Kriminalkommissariats 44 in Düsseldorf

Lokalzeit: Wie gehen Sie konkret vor, wenn so eine Vermisstenmeldung reinkommt?

Konrad: Grundsätzlich muss jeder Vermisstenfall ganz individuell betrachtet werden. Vermisse, die uns als Dauerläufer bereits bekannt sind, rufen wir tatsächlich einfach an. Die gehen auch dran und sagen uns, wo sie sind. Dann ist so ein Fall abgeschlossen. Ansonsten werden vermisste Jugendliche auch zur Fahndung ausgeschrieben. Wenn uns ein vermisstes Kind noch gar nicht bekannt ist, müssen wir natürlich sofort Maßnahmen treffen.

Lokalzeit: Was heißt das?

Konrad: Das kommt auf die Situation an. Nehmen wir mal an, das vermisste Kind lebt ganz normal bei Mama und Papa zu Hause. Dann würde die Polizei erstmal dorthin fahren, mit den Eltern sprechen und auch nochmal selbst im Haus nach dem Kind gucken. Dann sprechen wir mit den Eltern darüber, wo schon gesucht und zu wem schon Kontakt aufgenommen wurde. Man geht gängige Anlaufstellen des Kindes an und schaut, ob es dort sein könnte. Was ganz wichtig ist: Wenn wir das vermisste Kind nicht im gängigen Umfeld finden, dann gibt es keine Maßnahme, die die Polizei nicht trifft. Dann arbeiten wir mit Hundertschaften, Hubschraubern, Ortungsmaßnahmen -  alles, was der Polizei zur Verfügung steht.

Torben Konrad erklärt, wie sich Angehörige verhalten sollen, wenn ein Kind vermisst wird

00:49 Min. Verfügbar bis 08.05.2027

Lokalzeit: Was sind die größten Herausforderungen bei der Suche nach Vermissten?

Konrad: Es gibt mehrere große Herausforderungen. Die erste ist das Thema Zeit. Je länger ein Kind verschwunden ist, desto mehr Zeit vergeht, in der mit dem Kind etwas passieren kann oder auch räumliche Veränderungen stattfinden können. Das nächste große Problem ist das Thema Vertrauen. Es ist wichtig, dass die Eltern oder diejenigen, die das Kind vermisst melden, der Polizei vertrauen und sich wirklich öffnen. Vielleicht gab es einen Streit im Vorfeld, über den man gerade nicht sprechen möchte, oder man hat Ängste, dass andere Ämter wie das Jugendamt informiert werden.

Lokalzeit: Und passiert das?

Konrad: Das macht die Polizei nicht. Es geht nur darum, dass das Kind gefunden wird. Eine weitere Herausforderung ist die hereinbrechende Nacht.  In der Nacht sind weniger Menschen unterwegs und der Bürger kann uns nicht mehr helfen. Außerdem verstecken Kinder sich vielleicht aus Angst und wir können sie dadurch nicht finden.

Lokalzeit: Wie ist das denn für Sie oder auch für Ihre Kolleginnen und Kollegen, wenn sie merken: Das Kind ist nicht zu finden, da steckt womöglich etwas Ernstes dahinter?

Konrad: In uns Polizisten steckt auch ein Mensch. Natürlich werden wir auch mal von unseren persönlichen Eindrücken getrieben. Aber da sind wir professionell und blenden das aus. Die Kolleginnen und Kollegen, die die Vermisstenfälle bearbeiten, haben ganz viel Erfahrung. Wenn wir wirklich den Verdacht haben, dass da was Schlimmeres passiert sein könnte, schalten wir in den Profimodus.

Lokalzeit: Wenn dann die Ermittlungen beginnen, wie wird sich um die Angehörigen gekümmert?

Konrad: Wir stehen grundsätzlich im stetigen Austausch mit den Angehörigen. Das Problem ist: Wir brauchen viele Informationen und das wirkt manchmal vielleicht ein bisschen schroff. Wir versuchen das immer zu kommunizieren und zu sagen: Es geht nicht darum, dass wir den Eltern misstrauen oder ihnen nicht glauben, aber wir müssen Informationen einfach hinterfragen. Auch wenn wir das Haus durchsuchen, geht es nicht um Misstrauen. Wenn ein Kind länger verschwunden ist, vermitteln wir zum Beispiel auch Kontakte zur Seelsorge der Feuerwehr oder anderen Hilfsorganisationen. Wenn die Eltern das möchten.

Tobias Konrad über den Kontakt zwischen Polizei und Angehörigen bei Vermisstenfällen

00:54 Min. Verfügbar bis 08.05.2027

Lokalzeit: Wie geht man mit Fällen um, in denen Menschen seit vielen Jahren oder sogar Jahrzehnten vermisst werden?

Konrad: Bei sogenannten Cold Cases findet ein sporadischer, aber kontinuierlicher Kontakt mit den Angehörigen statt. In der Regel suchen die Angehörigen den Kontakt und hören nach, ob es etwas Neues gibt. Das ist ein sehr vertrauensvolles Miteinander. Es gibt zum Beispiel auch Absprachen, dass die Polizei bei neuen Erkenntnissen erst mit Angehörigen spricht, bevor wir an die Öffentlichkeit gehen.

Lokalzeit: Mehr ist nicht möglich?

Konrad: Bei Langzeitvermisstenfällen sind die Standardmaßnahmen natürlich schnell erschöpft. Es gibt aber zum Beispiel eine Dienststelle beim Landeskriminalamt, bei der Vermisstenfälle und Daten zu unbekannten Toten miteinander abgeglichen werden. Ansonsten nimmt sich immer mal wieder ein neuer Kollege einen alten Fall nochmal vor. Schaut dann mit einem anderen Betrachtungswinkel auf das Ganze und überlegt, ob man noch etwas machen könnte. Zum Beispiel DNA-Untersuchungen, die es damals noch nicht gab oder mal wieder eine Öffentlichkeitsfahndung, um Zeugen von damals zu finden und zur Aussage zu motivieren.

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