Die Todeszelle des berüchtigten Huntsville-Gefängnisses in Texas (Archivfoto von 2000)

Die Todesstrafe: Zehn Fragen, zehn Antworten

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Mehr als 1500 Hinrichtungen hat die Menschenrechtsorganisation Amnesty International 2024 dokumentiert. Warum halten viele Länder daran fest? Schreckt die Todesstrafe Verbrecher ab? Zehn wichtige Fragen zur Todesstrafe - und die Antworten.

Von Stefan Weisemann

In den letzten Jahrzehnten haben immer mehr Länder die Todesstrafe abgeschafft oder vollstrecken sie zumindest nicht mehr. Andere Länder halten dagegen eisern an ihr fest oder debattieren darüber, sie wieder einzuführen. Wo wird die Todesstrafe noch besonders häufig vollstreckt? Und werden wir irgendwann in einer Welt ohne Todesstrafe leben?

Gerechtfertigt oder lange veraltet? Umgang mit der Todesstrafe weltweit

03:47 Min. Verfügbar bis 23.01.2028

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Die Todesstrafe in Deutschland

Wann wurden in Deutschland die letzten Todesurteile vollstreckt?

"Die Todesstrafe ist abgeschafft." Artikel 102 des deutschen Grundgesetzes ist kurz und deutlich. Am 23. Mai 1949 tritt das Grundgesetz in Kraft - zumindest in Westdeutschland ist die Todesstrafe damit Geschichte. Nur wenige Tage vorher spricht das Landgericht Köln das letzte Todesurteil auf westdeutschem Boden aus - gegen die Giftmörderin Irmgard S. Vollstreckt wird es nicht. Das Gericht wandelt es in eine lebenslange Haft um.

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Bei Berthold Wehmeyer gab es eine solche Wendung nicht. Der 24-Jährige hatte in Brandenburg eine ältere Frau vergewaltigt und getötet. Das Urteil: der Tod. Am 11. Mai 1949 wurde Wehmeyer im Zellengefängnis Moabit in West-Berlin per Guillotine hingerichtet - das letzte vollstreckte Todesurteil auf westdeutschem Boden.

Damit ist die Geschichte der Todesstrafe in Deutschland noch lange nicht zu Ende, denn in der DDR galt sie noch fast vier weitere Jahrzehnte. Mindestens 168 Menschen wurden dort hingerichtet. Das letzte Opfer: der Stasi-Hauptmann Werner Teske. Er wurde am 26. Juni 1981 im Gefängnis in Leipzig von hinten erschossen.

Teske soll am sozialistischen System gezweifelt und darüber nachgedacht haben, zur Bundesrepublik überzulaufen. Experten gehen heute davon aus, dass diese Gedanken nur vage waren und die Verurteilung Teskes vor allem als Abschreckung für andere mögliche Überläufer dienen sollte. Nach der Wende wurden ein Richter und ein Staatsanwalt zu jeweils vier Jahren Gefängnis verurteilt, weil die Verurteilung Teskes auch nach DDR-Recht nicht rechtmäßig war.

Wann wurde die Todesstrafe in Deutschland abgeschafft?

Am 18. Dezember 1987 bestätigte die Volkskammer der DDR die Abschaffung der Todesstrafe. Staatschef Erich Honecker hatte diese Änderung schon im Juli angekündigt. Möglicherweise als Zeichen der Menschlichkeit in Richtung Bundesrepublik. Denn kurz darauf trat Honecker seinen ersten Besuch beim damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl an.

In der Bundesrepublik gab es das Aus für die Todesstrafe schon deutlich früher. Mit dem Inkrafttreten des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 war sie in Westdeutschland Geschichte. Prof. Frank Neubacher, Kriminologe an der Universität Köln, geht davon aus, dass "man sich ganz bewusst auch vom Nationalsozialismus hat absetzen wollen".

Bemerkenswert: In Hessen wurde die Todesstrafe erst 2018 im Zuge einer Volksabstimmung aus der Landesverfassung gestrichen. Gültig war sie dort allerdings ohnehin nicht. Den Grund liefert das Grundgesetz selbst: "Bundesrecht bricht Landesrecht", heißt es dort.

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Verbrechen und Vollstreckung

Wo gibt es die Todesstrafe heute noch?

Laut Amnesty International sind 2024 in 46 Ländern Todesurteile verhängt worden. Nicht alle Staaten vollstrecken diese jedoch. In 15 Ländern habe es insgesamt über 1500 Hinrichtungen gegeben. Im Vergleich zu 2023 ist die Anzahl der Todesurteile damit zwar gesunken, die Zahl der Vollstreckungen aber um fast ein Drittel gestiegen. Amnesty International berichtet jedoch nur über die Fälle, für die es ausreichend Belege gibt. Einige Länder geben keine Informationen zur Todesstrafe heraus. Die Dunkelziffer sei demnach wahrscheinlich höher.

Fast drei Viertel der Länder weltweit haben die Todesstrafe der Menschenrechtsorganisation zufolge gesetzlich oder zumindest in der Praxis abgeschafft. Unter den Ländern, die daran weiter festhalten, sind mit Indien, China, rund der Hälfte der Bundesstaaten der USA, Indonesien und Pakistan allerdings die bevölkerungsreichsten Länder der Welt.

Auch in Europa ist die Todesstrafe nicht komplett abgeschafft. In Belarus kann sie beispielsweise für Mord und Terrorismus verhängt werden. 2023 hat Machthaber Lukaschenko sie dann noch ausgeweitet. Auch Hochverrat von Staatsbediensteten und Militärs wird jetzt mit dem Tode bestraft. Immer wieder werden laut Amnesty International in Belarus auch Todesurteile vollstreckt.

Wo wird die Todesstrafe am häufigsten vollstreckt?

In China. "Dort gibt es jedes Jahr tausende Hinrichtungen, mehr als im ganzen Rest der Welt", erklärt Alexander Bojčević, Todesstrafen-Experte bei Amnesty International. "Die genaue Zahl ist allerdings unklar, weil China keine Zahlen von Hinrichtungen veröffentlicht - sie gelten als Staatsgeheimnis". Ebenso verhalten sich Nordkorea und Vietnam. Auch hier geht Amnesty International von Hinrichtungen "in großem Ausmaß" aus.

Die von Ländern selbst gemeldeten Zahlen sind also nur bedingt belastbar. Nach der Auswertung von Amnesty International sind 2024 neben China die meisten Menschen im Iran (mindestens 972) und Saudi-Arabien (mindestens 345) hingerichtet worden. 2025 sind diese Zahlen nochmal gestiegen: Im Iran sollen laut der in Norwegen ansässigen Organisation Iran Human Rights (IHR) wohl mindestens 1500 Menschen hingerichtet worden sein - das seien so viele wie seit 35 Jahren nicht mehr. Und auch in Saudi-Arabien sind die Zahlen laut einer Zählung der Nachrichtenagentur AFP auf Basis von Zahlen der saudi-arabischen Behörden erneut gestiegen. Demnach wurden 2025 356 Menschen hingerichtet.

Für welche Verbrechen werden Menschen zum Tode verurteilt?

In allen Ländern, in denen die Todesstrafe gilt, wird sie für Mord verhängt. Dazu kommen je nach Land eine ganze Reihe weiterer Verbrechen. Vor allem auch Verbrechen, bei denen die Geschädigten nicht unmittelbar zu Tode kommen. In vielen Ländern werden Drogendelikte mit dem Tode bestraft, etwa in Singapur. In Pakistan kann Blasphemie zur Todesstrafe führen, in Saudi-Arabien die Prostitution.

Unter anderem der Iran setzt die Todesstrafe laut Amnesty International auch als Mittel zur politischen Unterdrückung ein. Beispielsweise im Rahmen der landesweiten Proteste gegen das Regime nach dem Tod der jungen Kurdin Jina Mahsa Amini im Polizeigewahrsam. Außerdem würden im Iran auch verstärkt Angehörige ethnischer Minderheiten zum Tod verurteilt.

Weltweit befanden sich Ende 2024 über 28.000 Menschen im Todestrakt, dokumentiert Amnesty International. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen, da auch hierzu aus einigen Ländern keine Zahlen vorlagen.

Wie wird die Todesstrafe vollstreckt?

In den USA wird den Verurteilten laut der Non-Profit-Organisation Death Penalty Information Center beim Großteil der Hinrichtungen eine Giftspritze verabreicht. Weil es teilweise an den dafür benötigten Präparaten mangelte, wurden Hinrichtungen in den letzten Jahren immer wieder verschoben. Das US-Informationszentrum für Todesstrafen berichtet auch von weiteren Komplikationen. So soll es 2022 im Bundesstaat Alabama bei einer Hinrichtung drei Stunden gedauert haben, bis es gelungen sei, dem Verurteilten die Infusion für die Giftspritze zu legen.

In vielen anderen Ländern werden die Verurteilten am Galgen gehängt, unter anderem in Ägypten und dem Südsudan. In Belarus ist der Genickschuss die gängige Praxis. Unter anderem auch in Afghanistan, China und Somalia werden Verurteilte erschossen. In Saudi-Arabien gibt es darüber hinaus den Tod durch Enthauptung, teilweise auch öffentlich.

Dazu kommen auch immer wieder Steinigungen, eine besonders brutale Art der Todesstrafe. Die Opfer werden dabei so lange mit Steinen beworfen, bis der Tod eintritt.

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Argumente und Abschreckung

Mit welchen Argumenten halten Länder an der Todesstrafe fest?

Das größte Argument: Die Todesstrafe soll Kriminelle abschrecken und die Gesellschaft vor möglichen weiteren Taten eines Verurteilten schützen. Auch die gerechte Vergeltung ist ein häufig vorgebrachtes Argument der Befürworter. Wer tötet, müsse selbst getötet werden. Den Hinterbliebenen von Mordopfern solle die Todesstrafe außerdem Gerechtigkeit bringen.

In den USA betonen die Befürworter auch, dass die Bevölkerung die Todesstrafe unterstützt. Tatsächlich war einer Umfrage von Gallup zufolge im Oktober 2024 gut die Hälfte der US-Amerikaner für die Todesstrafe. Insgesamt ist der Zuspruch über die vergangenen Jahre etwas gefallen.

Schreckt die Todesstrafe tatsächlich ab?

"Die Abschreckungswirkung ist bestenfalls fraglich", sagte die damalige deutsche Außenministerin Annalena Baerbock 2022 zur Todesstrafe. Sie fasst damit zusammen, was Studien, Wissenschaftler und weitere Experten seit Jahrzehnten immer wieder anmerken und belegen.

Amnesty-International-Experte Bojčević sagt: "In den US-Bundesstaaten, in denen die Todesstrafe gilt, ist die Mordrate teilweise deutlich höher als in denen, die sie abgeschafft haben." Außerdem verweist der Experte auf Kanada. Dort wurde die Todesstrafe Mitte der 1970er-Jahre abgeschafft, die Mordrate ist heute deutlich niedriger als vor der Abschaffung.

"Viele Morde und Tötungen geschehen spontan, also ungeplant. Wenn Mörder planvoll vorgehen, dann gehen sie auch meist davon aus, dass sie nicht erwischt werden", sagt Bojčević. "Die Todesstrafe bringt in diesen Fällen also keine Abschreckung."

Welche Argumente gegen die Todesstrafe gibt es?

Die Todesstrafe verletzt das Recht auf Leben. So lautet das klarste und häufigste Argument gegen die Todesstrafe. Der Kriminologe Neubacher erklärt es so: "Wir sind davon überzeugt, dass auf die Todesstrafe verzichtet werden muss, um diese Unverletzlichkeit menschlichen Lebens als oberstes Prinzip zu bekräftigen. Und wenn der Staat von sich aus sagen würde, das Leben ist kostbar, [...] wir verhängen jetzt aber Todesurteile, das wäre gewissermaßen ein ethischer Widerspruch."

Demonstrierende gegen die Hinrichtung von Lisa Montgomery und zwei weiteren Personen im US-Bundesstaat Indiana. "Why do we kill people who kill people to show that killing people is wrong?" steht auf einem Plakat.

Einige US-Amerikaner gehen gegen die Todesstrafe auf die Straße

Gegner der Todesstrafe gehen davon aus, dass auch Unschuldige hingerichtet werden. Laut einer Studie des US-Todesstrafen-Informationszentrums sind in den USA seit Mitte der 1970er-Jahre 202 Menschen aus dem Todestrakt entlassen worden, weil sich im Nachhinein ihre Unschuld herausgestellt hat. Fehler von Polizisten und Staatsanwälten sowie Falschaussagen hatten zu den Fehlurteilen geführt. Dies lässt darauf schließen, dass Unschuldige wohl tatsächlich auch hingerichtet wurden. Dafür gibt es bisher aber keine konkreten Belege.

  • Zum Beitrag: Justizirrtümer in NRW: Wie landet jemand zu Unrecht im Knast?

Auch die Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung, wie zum Beispiel in den USA, lassen Menschenrechtler nicht gelten. Amnesty International betont, dass auch die Sklaverei oder die Rassentrennung von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wurden. Zu Unrecht, wie sich rückblickend zeigt.

Was wird für die weltweite Abschaffung der Todesstrafe getan?

Die Leitlinie der Europäischen Union ist eindeutig: "Die Europäische Union lehnt die Todesstrafe in allen Fällen und unter allen Umständen entschieden und unmissverständlich ab." Sie setzt sich deshalb dafür ein, die Todesstrafe weltweit abzuschaffen. Bojčević sieht in den letzten Jahren eine positive Entwicklung. "Die EU ist in diesem Bereich sehr engagiert", sagt er.

Auch die Vereinten Nationen fordern einen weltweiten Stopp von Hinrichtungen. Zum ersten Mal stimmten 2024 mehr als zwei Drittel aller UN-Mitgliedsstaaten dafür, die Anwendung der Todesstrafe auszusetzen.

Sendung: Lokalzeit.de, Gerechtfertigt oder lange veraltet? Umgang mit der Todesstrafe weltweit, 17.03.2026, 17.21 Uhr.

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