Jemand filmt mit einem Handy einen Krankenwagen mit Blaulicht

Immer wieder stören Gaffer Rettungseinsätze und verletzten die Privatsphäre von Unfallopfern

"Sucht nach Anerkennung": Warum Gaffer bei Unfällen filmen

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Sie filmen und fotografieren, wenn andere Menschen leiden, zum Beispiel bei einem schweren Unfall. Was treibt Gaffer an? Und wie kann man sie aufhalten? Ein Verkehrspsychologe aus Düsseldorf gibt Antworten.

Von Stefan Weisemann
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Filmen statt helfen: Gaffer am Unfallort

Anfang März 2024 verliert ein 48-Jähriger auf einer Hauptstraße in Kleve die Kontrolle über sein Quad. Mitten im Feierabendverkehr prallt er mit dem Fahrzeug gegen einen Baum und einen Bauzaun, bleibt dann liegen. Ersthelfer kümmern sich sofort um ihn. Vergeblich, der Mann stirbt noch am Unfallort.

Rundherum bildet sich schnell eine größere Menschentraube um das Opfer und die Helfer, die gerade um sein Leben kämpfen. Menschen bleiben stehen und zücken ihre Handys, sie fotografieren, filmen, halten drauf. So nah, dass die Ersthelfer sie zur Seite schieben müssen. Auch aus den Fenstern der umliegenden Häuser wird gefilmt. Sogar Polizei und Feuerwehr können die Gaffer kaum zurückdrängen. Szenen, die Polizisten und Menschen in Kleve fassungslos machen.

Fassungslosigkeit über Gaffer in Kleve

00:30 Min. Verfügbar bis 18.07.2027

Welche Strafe gibt es für Gaffer?

Filmen statt helfen - dafür müssen Gaffer mit hohen Strafen rechnen. Je nach Fall sind Bußgelder von bis zu 1000 Euro möglich. Und im Extremfall wandert man für seine Schaulust auch ins Gefängnis. Wer "eine Bildaufnahme, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt, unbefugt herstellt oder überträgt", kann laut Paragraf 201a des Strafgesetzbuches zu bis zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt werden.

Trotz der saftigen Strafen und des Unverständnisses der Mitmenschen sprechen Polizei und Rettungskräfte von immer häufigeren Problemen mit Gaffern. Warum filmen Menschen das Leid anderer? Und wie kann man Gaffen eindämmen? Der Verkehrspsychologe Jürgen Walter aus Düsseldorf gibt Antworten.

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Noch hingucken oder schon gaffen?

Lokalzeit: Ein schwerer Unfall mit Verletzten oder ein großes Feuer - warum können wir Menschen da nicht weggucken?

Jürgen Walter: Der Mensch ist ein neugieriges Wesen. Schon unsere frühen Vorfahren mussten hingucken, egal ob es geknallt hat oder ein Feuer gab. Denn sie mussten wissen: Sind wir in Gefahr? Sind andere Menschen in Gefahr? Wir sind also erst einmal instinktiv geprägt, hinzugucken. Und bevor Rettungskräfte an der Unfallstelle sind, muss man ja auch gucken, ob man helfen kann. Sonst macht man sich strafbar wegen unterlassener Hilfeleistung.

Verkehrspsychologe Jürgen Walter im Porträt

Verkehrspsychologe Jürgen Walter: "Der Mensch ist ein neugieriges Wesen"

Lokalzeit: Wann wird dieses Hingucken und instinktive Abschätzen der Gefahr zum Gaffen?

Walter: Das ist ein schmaler Grat. Wenn ich nicht helfen kann, ist die normale Reaktion: direkt wieder weggucken und weitergehen oder weiterfahren. Einige Leute bleiben aber stehen, holen ihre Smartphones raus und machen Bilder. Dann wird es fast schon kriminell.

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Was treibt Gaffer an?

Lokalzeit: Was bringt jemanden dazu, das Smartphone zu zücken und Opfer und Rettungskräfte zu filmen?

Walter: Man ist in einer Situation, in der man sehr selten oder noch nie im Leben war oder sein wird. Man kann also etwas erleben und auch erzählen, was andere nicht können. Damit erzielt man in seinem sozialen Umfeld Aufmerksamkeit. Dass das nicht okay ist, ist eine andere Sache, aber die Aufmerksamkeit habe ich erst einmal.

Lokalzeit: Und durch Soziale Medien hat sich das noch deutlich verstärkt, oder?

Walter: Auf jeden Fall. Die Frage ist immer öfter: Wer hat noch mehr zu bieten? Das ist ja fast schon eine Sucht nach Anerkennung, die Suche nach dem Kick. Ich muss immer das, was jemand anderes gesagt oder gepostet hat, wieder toppen durch meine nächste Geschichte.

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Wer neigt zum Gaffen?

Lokalzeit: Gaffer übertreten mit ihrem Verhalten Grenzen von Scham und Anstand. Tun sie das in dem Moment bewusst oder unbewusst?

Walter: Als Psychologe tue ich mich schwer mit dem Begriff unbewusst. Wenn es unbewusst wäre, könnte man nichts dagegen tun. Und das ist so nicht. Der Gaffer weiß ganz genau, was er da tut und dass das nicht in Ordnung ist.

Lokalzeit: Gibt es einen bestimmten Gaffer-Typ?

Walter: Ich kenne keine Untersuchung dazu, aber ich würde schon sagen: Gaffer sind tendenziell Männer und jung und autoaffin. Auf jeden Fall eher als gestandene, ältere Herren. So einer bin ich auch und ich hätte keinen Spaß an solchen Bildern. Wenn ich helfen kann, helfe ich. Und wenn nicht, fahre ich einfach weiter.

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Was kann man gegen Gaffer tun?

Lokalzeit: Wie kann man Gaffen aus ihrer Sicht verhindern?

Walter: Erst einmal gibt es Sichtschutz und Barrieren, sodass man gar nicht sieht, was dahinter passiert. So traurig es ist, dass solche Mittel eingesetzt werden müssen. Außerdem sollten Retter und Polizei mit dem Thema noch mehr in die Öffentlichkeit gehen. Also immer wieder auf die Strafen aufmerksam machen und auch darauf, dass Gaffen sozial unerwünscht ist, vielleicht mal in Werbespots mit prominenten Sportlern. Denn der Mensch orientiert sich ja auch an anderen und Vorbildern.

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Lokalzeit: Würde es auch helfen, mal die Perspektive zu wechseln?

Walter: Das ist noch ein ganz wichtiger Aspekt. Man sollte sich mal in ein Unfallopfer hineinversetzen. Wenn ich schwer verletzt bin, ich habe Schmerzen, mache mir vielleicht Sorgen ums Überleben, und dann stehen da Leute um mich herum, die ihr Smartphone zücken, würde ich das als Unfallopfer wollen? Wenn ich die Perspektive wechsele, weiß ich doch sofort, dass ich das ganz sicher nicht will.

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