Karl-Friedrich Höcker war stellvertretender Kommandant des KZ Auschwitz
Karl-Friedrich Höcker: Ostwestfalens bekanntester Nazi-Verbrecher
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Als stellvertretender Leiter des Konzentrationslagers Auschwitz überwacht der Preußisch Oldendorfer Karl-Friedrich Höcker den Massenmord an den europäischen Juden. Nach seinem Tod macht ihn ein Fotoalbum seiner KZ-Zeit weltbekannt. Die Geschichte eines Sparkassen-Angestellten, der zum Massenmörder wurde - und dann wieder hinter dem Bankschalter arbeitete.
Mörder im Urlaub
Am 22. Juli 1944 geht der SS-Obersturmführer Karl-Friedrich Höcker nicht zur Arbeit. Ihn zieht es in die Berge, auf die Solahütte. Erbaut für das verausgabte Wachpersonal der Schutzstaffel (SS), das ein paar Kilometer weiter im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau seinen Dienst verrichtet. Umringt von fast einem Dutzend SS-Helferinnen strahlt Höcker in die Kamera. Dann fängt jemand an zu lachen, alle machen mit, daneben spielt jemand Akkordeon.
Ausgelassene Stimmung beim SS-Personal in den Bergen
Die schwarz-weiße Banalität des Bösen, für alle Ewigkeit gebannt auf ein paar Millimeter Kleinbildfilm. Das Foto zeigt den stellvertretenden Kommandanten so, wie er sich selbst gerne sieht. Karl-Friedrich Höcker, der Bonvivant, der Frauenheld, das freundliche Gesicht der Auschwitz-Kommandantur. Später wird er sich das kleine Bildchen in sein Poesiealbum kleben und mit der Bemerkung "Regen aus heiterem Himmel" versehen.
Heimatforscher Tobias Seeger über die Rolle von Karl-Friedrich Höcker im KZ Auschwitz
00:13 Min.. Verfügbar bis 04.09.2027.
Ein paar vergilbte Seiten später sieht man den in voller SS-Montur gekleideten Höcker, wie er sich auf einer Sonnenliege räkelt und den Damen Schälchen mit Heidelbeeren reicht. Höcker ist stolz auf seine Wachmannschaften. Innerhalb weniger Wochen, bis zum 9. Juli, haben sie in der sogenannten "Ungarn-Aktion" hunderttausende ungarischer Juden verhungern lassen, erschossen und in den Gaskammern des Lagers ermordet. Es ist der Höhepunkt von Höckers beruflicher Karriere.
Der Technokrat des Todes
Als jüngstes von sechs Kindern kommt Karl-Friedrich Höcker 1911 im ostwestfälischen Preußisch Oldendorf, etwa 40 Kilometer nördlich von Bielefeld, zur Welt. Sein Vater, ein Bauarbeiter, stirbt im Ersten Weltkrieg. Bei den Höckers ist das Geld immer knapp, die alleinerziehende Mutter hat Probleme, die sechs Kinder zu ernähren. Mit 15 Jahren beendet Höcker die Volksschule, fängt eine Lehre in einem Eisenwarengeschäft an. Wenig später ist er arbeitslos. Ein Schicksal, das Millionen von Deutschen in dieser wirtschaftlich schweren Zeit teilen.
"Als Karl keine Arbeit mehr hatte, hat man ihn zu Notstandsarbeiten herangezogen. Hier wurden die feuchten Wiesen entwässert und Gräben angelegt. Da war auch er mit dabei", erinnert sich ein ehemaliger Nachbar von Höcker 2007 im Gespräch mit dem WDR an die damalige Zeit.
Höcker macht Karriere bei der SS
Als die Nationalsozialisten wenig später die Macht in Deutschland übernehmen, bessert sich Höckers wirtschaftliche Situation. Er ergattert einen Job bei der Sparkasse in Lübbecke und tritt der SS bei. Es folgt eine nationalsozialistische Bilderbuchkarriere.
Karl-Friedrich Höcker verteilt Blaubeeren an seine Kollegen
Bereits 1939 ist Höcker Adjutant des Lagerkommandanten des KZ Neuengamme, er gilt als fleißig, verlässlich und akkurat. Es folgen Stationen in den Konzentrationslagern Dachau und Lublin-Majdanek, ehe Höcker im Mai 1944, gemeinsam mit seinem Chef, Richard Baer, nach Auschwitz abkommandiert wird. Mit dem Who-is-Who des Holocausts versteht sich der Ostwestfale, das beweisen Höckers Fotos aus seinem Poesiealbum, offensichtlich blendend.
Das Höcker-Album offenbart Personen und ihre Rollen im Konzentrationslager
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Mal marschiert er mit den Kollegen in bester Laune zum Schießstand, mal sieht man Höcker im vertrauten Gespräch mit dem berüchtigten Auschwitz-Arzt Josef Mengele, der im Lager unter anderem die Vergasung der Häftlinge überwacht und menschenverachtende medizinische Experimente an den Insassen durchführt.
Höcker ist im Auschwitz-Alltag ein einflussreicher Mann. Als stellvertretender Kommandant des Lagers teilt er die Wachmannschaften des Lagers ein, überwacht den Schriftverkehr und koordiniert die Wagenladungen voller Menschen, die täglich, zusammengepfercht in Viehwaggons, durch das Auschwitzer Lagertor rollen. Als die Ostfront Ende des Jahres 1944 immer näher rückt und die Rote Armee in Schlesien einfällt, ist es Höcker, der die Abwicklung des Vernichtungslagers organisiert.
Er ist wieder da
Nach dem Ende des Dritten Reichs wird es zunächst still um den zweifachen Familienvater, ehe Höcker, aus kurzer britischer Kriegsgefangenschaft entlassen, Anfang der 1950er-Jahre in seine alte Heimat zurückkehrt. Für die britischen Strafverfolger ist Höcker ein Unbekannter. 1952 erstattet er bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld Selbstanzeige, wird zu einer kurzen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Das Amnestiegesetz für NS-Täter rehabilitiert Höcker 1954 scheinbar endgültig.
Der Kriegsverbrecher ist wieder ein vollwertiges Mitglied der bundesdeutschen Gesellschaft, die die Nazi-Gräuel der Vergangenheit abzuschütteln zu wollen scheint. Sogar seinen Job bei der Sparkasse Lübbecke erhält Höcker zurück. "Wir mussten ihn wieder einstellen, er hatte einen Anspruch auf seinen Arbeitsplatz", erinnert sich Höckers ehemaliger Arbeitskollege Wilhelm Mathemeier.
1963 wird Höcker doch noch von seiner Vergangenheit eingeholt. Höcker muss sich in Frankfurt am Main gemeinsam mit ehemaligen SS-Kollegen vor einem Auschwitz-Tribunal verantworten. Vor Gericht mimt Höcker das Unschuldslamm. Er habe nichts gesehen, nichts gehört, nichts gewusst. In seinem Plädoyer lässt er sich zu folgender Aussage hinreißen: "Ich habe keinem Menschen etwas zu leide getan, noch sind Menschen durch mich umgekommen."
KZ Auschwitz
Das KZ Auschwitz war das größte Konzentrationslager der Nationalsozialisten und gilt als Inbegriff des Holocausts. Neueste Schätzungen gehen davon aus, dass in Auschwitz mindestens 1,1 Millionen Menschen ermordet wurden.
Der ostwestfälische Heimatforscher Tobias Seeger, der sich mit Höckers Rolle in Auschwitz beschäftigt hat, hält das für eine bloße Ausrede: "Es ist unmöglich, dass jemand in Höckers Position nicht wusste, was im Lager passiert. Das ist völlig ausgeschlossen." Das Gericht folgt dieser Auffassung und verurteilt Höcker wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord an mehreren tausend Menschen zu sieben Jahren Zuchthaus.
Ein Alt-Nazi, der auf Journalisten einschlägt
Nach seinem Gefängnisaufenthalt wird es still um Höcker, der sich in seine Wahlheimat Lübbecke zurückzieht. Gerüchten zufolge erhält er sogar ein weiteres Mal seinen Job bei der Sparkasse zurück, auch wenn sich das heute nicht mehr abschließend bestätigen lässt.
1989 landet Höcker, mittlerweile ein alter Mann, ein drittes und letztes Mal vor Gericht. Vor dem Landgericht Bielefeld geht es um seine Rolle als stellvertretender Kommandant im KZ Majdanek, in dem während des Holocausts über 250.000 Menschen vergast werden. Höcker soll das Giftgas Zyklon B, das in den Gaskammern zum Einsatz kommt, selbst eingekauft haben. Die Bilder des angeklagten Alt-Nazis im grauen Anzug, der vor Gericht stets sein Gesicht mit einer Bild-Zeitung zu verdecken versucht, gehen durch ganz Deutschland. Wieder plädiert er auf nicht schuldig, doch die Anklage präsentiert Bestellformulare mit seiner Unterschrift.
Karl-Friedrich Höcker verliert die Nerven und greift Journalisten an (Archiv)
00:17 Min.. Verfügbar bis 04.09.2027.
Als Journalisten Höcker auf dem Weg zur Urteilsverkündung mit Fragen bombardieren, verliert der Angeklagte die Nerven. Vor laufender WDR-Kamera läuft der 77-Jährige einem Journalisten hinterher, schlägt ihn mehrfach mit seiner Aktentasche. Das Gericht zeigt sich unbeeindruckt. Wieder muss Höcker für vier Jahre hinter Gitter.
Poesiealbum des Täters
Höcker stirbt im Jahr 2000 im Alter von 88 Jahren. Bis zuletzt streitet er jede Beteiligung am Holocaust ab. Weltweit bekannt wird er erst nach seinem Tod. Im Jahr 2005 vermacht ein unbekannter Soldat der US-Armee dem Holocaust Memorial Museum in Washington das bis dato völlig unbekannte Höcker-Album. Die Bilder aus dem Auschwitz-Alltag gehen um die Welt. Höckers Poesiealbum präsentiert eine völlig neue Sicht auf das Vernichtungslager aus Täterperspektive.
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Sein Grab befindet sich heute in seinem Geburtsort Preußisch Oldendorf. Es trägt keinen Namen, nur eine Nummer. Wie die Häftlinge in Auschwitz, die Karl-Friedrich Höcker einst in den Tod schickte.
Über dieses Thema haben wir auch am 28.07.2025 im WDR-Fernsehen berichtet: Lokalzeit OWL, 19.30 Uhr.
