Symbolbild Häusliche Gewalt: Eine Faust neben einer zersprungenen Scheibe.

Steven H. wurde Opfer häuslicher Gewalt

Häusliche Gewalt an Männern: "Einmal stand sie mit einem Küchenmesser da"

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Steven H. wird von seiner Ex-Freundin isoliert und geschlagen. Was er lange nicht begriff: Er ist Opfer häuslicher Gewalt. Wie Steven es gelingt, sich aus der Beziehung zu lösen und warum sich von Gewalt betroffene Männer oft keine Hilfe holen. Ein Interview. 

Von Sarah Klößer
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Wenn Männer Opfer häuslicher Gewalt werden

Wenn von häuslicher Gewalt die Rede ist, denken die meisten an Frauen als Opfer und Männer als Täter. In den allermeisten Fällen stimmt das auch - Frauen sind statistisch deutlich häufiger betroffen. Doch es gibt auch eine andere Seite: Männer, die in Beziehungen psychische oder körperliche Gewalt erleben. Laut einer Dunkelfeld-Studie des "Weißen Rings" gab jeder zweite Mann an, schon einmal von partnerschaftlicher Gewalt betroffen gewesen zu sein. In der offiziellen Kriminalstatistik spiegelt sich das kaum wider - viele Männer schweigen aus Scham, Angst oder weil sie das Erlebte gar nicht als Gewalt einordnen. 

Einer dieser Männer ist Steven H. aus Bonn, der seinen vollen Namen lieber nicht im Internet lesen möchte. Er war vier Jahre lang in einer Beziehung, in der er isoliert, kontrolliert und körperlich angegriffen wurde - ohne zunächst zu erkennen, dass er Opfer von Gewalt war. 2010 lernen sich die beiden kennen. Als H.'s Partnerin schwanger wird, hört die Gewalt zunächst auf. Setzt dann aber wieder ein. Die ganze Geschichte von Steven H. gibt es im aktuellen MordOrte-Fall auf YouTube.

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Mit der Lokalzeit spricht er darüber, was er erlebt hat, und gibt damit Einblicke in eine Realität, die selten sichtbar wird. 

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Der Übergang von psychischer zu körperlicher Gewalt

Lokalzeit: Steven, du hast selbst in einer Beziehung Gewalt erfahren. Was ist damals passiert?  

Steven H.: Am Anfang habe ich das gar nicht richtig bemerkt. Es fing damit an, dass ich Stück für Stück von meinem Freundeskreis abgeschottet wurde. Immer wenn ich etwas alleine unternehmen wollte oder mit Freunden oder Kollegen Zeit verbringen wollte, wurde das in Frage gestellt. Es war irgendwann schlicht nichts mehr möglich, ohne meine damalige Freundin etwas zu unternehmen. Das war sozusagen die erste Phase. 

Steven H., ein bärtiger Mann mittleren Alters mit kurzen braunen Haaren, schaut nach links aus dem Bild.

Steven H. aus Bonn war von häuslicher Gewalt betroffen

Lokalzeit: Und wie ging es dann weiter?

Steven H.: Als ich irgendwann trotzdem versucht habe, mal wieder rauszugehen, ist das regelmäßig eskaliert. Zu Hause gab es dann große Streitereien. Sie hat sich mir in den Weg gestellt, geweint, Angst gezeigt, dass ich wegbleibe. Die Situation hat sich hochgeschaukelt. Es wurde geschrien, Gläser sind geflogen, manchmal auch schlimmere Dinge.

Lokalzeit: Welche schlimmeren Dinge?

Steven H.: Sie wurde laut, emotional, hat geweint, mich festgehalten, gekratzt oder mir Ohrfeigen gegeben. In manchen Situationen ist sie mir auf den Rücken gesprungen, wenn ich rausgehen wollte. Einmal stand sie sogar mit einem Küchenmesser da. Ich glaube nicht, dass sie mich ernsthaft verletzen wollte, aber ich konnte nur deeskalieren, indem ich sie in den Arm nahm.

Steven H., ein Mann mit kurzen braunen Haaren und grauer Schiebermütze, schaut in die Kamera. Rechts neben ihm steht seine damalige Freundin, ihr Gesicht ist verpixelt.

Vier Jahre lang dauerte die Beziehung

Lokalzeit: Gewalt ist natürlich niemals in Ordnung. Aber es kann ja Gründe geben, in einer Beziehung wütend zu sein. Zum Beispiel, indem man einfach nicht nach Hause kommt oder betrügt? Gab es so etwas von deiner Seite?

Steven H.: Nein. Ich habe ihr nie einen Anlass gegeben. Ich wollte immer zurückkommen, habe nie gedroht oder einen Seitensprung gehabt.

Lokalzeit: Wie bist du mit diesen Situationen umgegangen? Hast du dich gewehrt?

Steven H.: In 99 Prozent der Fälle habe ich nachgegeben. Ich habe sie in den Arm genommen, sie hat sich beruhigt und entschuldigt. Dann war der Streit vorbei. Aber rausgegangen bin ich nicht. Nur wenn sie mich körperlich attackiert hat, habe ich mich losgerissen oder sie zur Seite gestellt. Geschlagen habe ich sie nie.

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Gewalt wird oft nicht erkannt

Lokalzeit: War dir damals schon klar, dass du Gewalt erlebst?

Steven H.: Nein. Für mich war das eine kaputte Beziehung, aber nicht Gewalt. Erst Jahre später habe ich das als häusliche Gewalt erkannt. 

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Lokalzeit: Hast du damals mit Freunden oder deiner Familie darüber gesprochen? 

Steven H.: Nein. Höchstens Kollegen haben es gesehen, wenn Kratzspuren durch die Arbeitsjacke sichtbar waren. Aber es wurde eher kumpelhaft weggelacht: "Läuft wohl schwierig bei euch." In meiner Familie hat es niemand mitbekommen.

Lokalzeit: Hast du dir jemals Hilfe von der Polizei geholt? 

Steven H.: Ich selbst nicht. Aber es gab Situationen, in denen sie vor der Tür schrie und nach Hilfe rief - völlig aufgelöst. Nachbarn riefen die Polizei. Als die Beamten kamen, haben sie sofort mich fixiert. Erst später stellte sich heraus, dass ich das Opfer war. Sie fragten mich, ob ich Anzeige erstatten wolle. Das habe ich verneint. 

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Die Trennung

Lokalzeit: Ihr wart vier Jahre lang zusammen. 2014 hast du dich dann endgültig getrennt. Warum ist das nicht schon früher passiert? 

Steven H.: Ich glaube, ich habe in der Beziehung Halt gesucht. Vorher war ich ziemlich orientierungslos. Diese Konstante wollte ich nicht aufgeben, und dafür habe ich vieles in Kauf genommen.

Lokalzeit: Wie kam es letztlich zur Trennung?

Steven H.: Als unsere Tochter etwa ein Jahr alt war, eskalierte es an meinem Geburtstag. Sie gab mir in Anwesenheit unserer Tochter eine Ohrfeige. Das war die Grenze. Ich bin raus, ohne Sachen, nur mit Schuhen in der Hand und habe die Wohnung verlassen. Danach bin ich zu meiner Familie nach Bonn gefahren.

Steven H., ein bärtiger Mann mittleren Alters mit kurzen braunen Haaren, schaut in die Kamera. Neben ihm seine Tochter mit schulterlangen, offenen braunen Haaren. Ihr Gesicht ist verpixelt.

Steven H. hat regelmäßigen Kontakt zu seiner Tochter

Lokalzeit: War das der richtige Schritt?

Steven H.: Ja, wäre ich geblieben, hätte ich irgendwann meine Persönlichkeit verloren und nur noch funktioniert. Natürlich war es hart, meine Tochter zurückzulassen, aber ich habe sie später regelmäßig besucht. Heute telefonieren wir regelmäßig. 

Lokalzeit: Warum ist es dir wichtig, in der Öffentlichkeit über dieses Thema zu sprechen?

Steven H.: Ich habe damals gar nicht erkannt, dass das Gewalt in der Beziehung war. Rückblickend glaube ich, dass das daran lag, dass das öffentliche Bewusstsein dafür fehlte - ich wusste schlicht nichts darüber. Heute ist es mir wichtig, offen darüber zu sprechen, um genau dieses Bewusstsein zu stärken. Wenn ich damit auch nur einem Menschen helfen kann - ganz egal, ob Mann oder Frau - dann hat es sich gelohnt. 

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