Jonathan Drefs erfuhr als 12-Jähriger sexuelle Gewalt durch einen Erwachsenen
Sexualisierte Gewalt im Netz: Wie Jonathan dem Täter entkommen ist
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Mit 12 lernt Jonathan Drefs aus Siegen im Internet einen angeblich 16-Jährigen kennen. Später stellt sich heraus: Hinter dem Profil steckt ein 27-Jähriger. Nach wochenlanger Manipulation treffen sie sich, insgesamt drei Mal. Dabei übt der Mann sexuelle Gewalt aus. Wie Drefs es schafft, sich von dem Täter zu lösen - und er heute andere vor solchen Erfahrungen schützen will.
Perfide Manipulation im Chat
In einem Forum bekommt Jonathan Drefs eine Nachricht von einem Nutzer, der sich ihm gegenüber als "Alex" vorstellt. Gegenüber Jonathan behauptet "Alex", er sei 16 Jahre alt. Das war Anfang 2020. Zwischen beiden entsteht über Wochen eine enge Verbindung: Sie chatten rund um die Uhr, telefonieren mehrmals am Tag und schließlich treffen sie sich. Kurz davor hat Jonathan erfahren, dass "Alex" eigentlich 27 ist.
Bei den Treffen kommt es zu sexueller Gewalt. Obwohl Jonathan die sexuellen Handlungen nicht will, bleibt er im Kontakt mit "Alex". Der Täter manipuliert ihn, sodass Jonathan sich ihm gegenüber verpflichtet fühlt. Erst als sich Jonathan seiner Mutter Sandra Rode anvertraut und diese Anzeige erstattet, wird auch ihm selbst klar: Das war Missbrauch. Der Täter wird später zu neun Jahren Haft verurteilt.
Jonathan Drefs Mutter Sandra Rode hat sich selbst Vorwürfe gemacht
Jonathan Drefs geht mit dem, was ihm passiert ist, offen um. Der heute 18-Jährige saß bereits in Fernseh-Talkshows, gibt Einblicke auf Social Media und hat eine Initiative gegründet.
Ida Haltaufderheide hat Jonathan Drefs und seine Mutter für eine Folge des YouTube-Formats Lokalzeit MordOrte getroffen. Für Lokalzeit.de spricht sie mit beiden im Interview über das Kennenlernen mit dem Täter und den Ausweg aus der Manipulation.
Das Kennenlernen
Lokalzeit: Wie habt ihr euch damals kennengelernt?
Jonathan Drefs: Es war eine Zeit, wo ich mich sehr viel umstellen musste. Wir sind gerade umgezogen: neue Schule, neue Freunde. Und es war auch emotional eine etwas herausfordernde Situation. Weil ich gemerkt habe, dass ich vielleicht nicht auf Mädchen stehe, sondern eher in die Richtung Homosexualität gehe. Ich wollte mich deshalb auf einem Community-Server für die LGBTQIA+ Community umsehen. Einfach gucken, was da abgeht und die Szene etwas kennenlernen. Und da hat mich jemand angeschrieben. Diese Person hat sich mir damals als "Alex" vorgestellt.
Lokalzeit: Wann hast du erfahren, dass er viel älter ist als du?
Drefs: Kurz vor dem ersten Treffen. Wir hatten bis dahin immer viel Kontakt. Wir haben durchgehend gefacetimed. Ich kam von der Schule und dann haben wir teilweise bis zum nächsten Morgen gefacetimed. Er sah aber sehr jung aus und wohnte immer noch bei seiner Mum. Erst als es zum ersten Mal um ein Treffen ging, kam die Frage auf: Wie soll das gehen? Es liegen nämlich 300 Kilometer Entfernung zwischen uns. Und dann hat er erzählt, dass er älter ist, dass er ein Auto hat. So habe ich das erfahren.
Lokalzeit: Ihr habt euch dann bei dir in der Nähe zum Schwimmen getroffen. Was hattest du bei der ersten Begegnung für ein Gefühl?
Drefs: Ich war unheimlich aufgeregt. Auf der einen Seite habe ich mich sehr gefreut, auf der anderen Seite habe ich dafür meine Mum belogen, wo ich überhaupt bin. Sie dachte, ich fahre mit Freunden ins Schwimmbad
"Ich bin aufs Klo gegangen und musste mich übergeben"
Lokalzeit: Sandra, hast du dir rückblickend Vorwürfe gemacht als Mutter, weil du von alledem nichts mitbekommen hast?
Sandra Rode: Ja, hab ich. Aber ich habe mir meine Chatverläufe mit Jonathan von damals durchgelesen: Das war so wasserdicht! Er hat mir Bilder von Zugverbindungen oder Busverbindungen geschickt. Bilder, die zeigen sollten, wo er angeblich gerade war - wo er aber überhaupt nicht war. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass mein 12-jähriges Kind in Frankfurt war, während ich davon ausgegangen bin, dass er drei Orte weiter bei einer Freundin ist… Ich habe ihn bis zur Haustür dieser Freundin gefahren. Die Freundin hat die Tür aufgemacht. Der Vater war auch zu Hause. Aber der "Alex" hat ihn da einfach abgeholt.
Mutter Sandra Rode hat sich zu Beginn Vorwürfe gemacht
Lokalzeit: Wann hast du gemerkt, dass etwas nicht stimmt?
Rode: Jonathan war zu dem Zeitpunkt bei seinem Papa. Es waren Ferien. Und dann kriegte ich irgendwann abends eine Nachricht bei WhatsApp: "Mama, ich muss dir was erzählen. Ich hab jemanden kennengelernt." Im ersten Moment habe ich mich gefreut. Jonathan hatte mir ein paar Wochen vorher erzählt, dass er auf Jungs steht. Dass er mir das alles erzählt hat, fand ich total schön. Aber dann hieß es weiter: "Ja, aber… dieser Mann ist älter als ich." Ich habe gedacht, er ist 14 oder 15 vielleicht. Und dann hat er gesagt, er ist 27.
Lokalzeit: Wie hast du reagiert?
Rode: In dem Moment sind bei mir alle Alarmglocken losgegangen. Mir sind ganz schlimme Dinge durch den Kopf gegangen. Meine erste Reaktion war, dass ich aufs Klo gegangen bin und mich übergeben musste. Aber ich hab mich dann kurz gesammelt und mich vermeintlich für ihn gefreut.
Lokalzeit: Wieso?
Rode: Aus einem Impuls aus der Emotion heraus würde jeder wahrscheinlich sagen: Bist du bescheuert, was machst du da? Aber ich habe gedacht, wenn ich mich jetzt aufrege, hat dieser Mensch mein Kind genau da: Alle sind gegen uns. Aber ich habe ja jetzt ganz anders reagiert. Und ich glaube, damit hat er nicht gerechnet.
Der Befreiungsschlag
Lokalzeit: Als Jonathan nach Hause kam, hast du dann aber sein Handy und seinen Laptop an dich genommen. Gab es da Streit zwischen euch?
Rode: Gar nicht. Es gab keine lauten Diskussionen, kein Rumbrüllen. Er hat das einfach so hingenommen. Ich glaube, für ihn war das ein Befreiungsschlag.
Lokalzeit: Jonathan, gab es für dich einen Moment, wo du wirklich gedacht hast, du möchtest raus aus der Situation mit "Alex"?
Drefs: Ich glaube, bei jeder sexuellen Handlung habe ich das gespürt. Weil ich mich jedes Mal gefragt habe: Was mache ich hier? Ich konnte einfach gar nichts damit anfangen. Natürlich war es schön, diese Aufmerksamkeit von jemandem zu haben. Aber ich würde schon sagen, dass ich bei jeder sexuellen Handlung mehr wollte, dass es aufhört. Aber es war ja meine Pflicht, die erfüllt werden musste. Wenn wir abends im Hotel waren, war alles sehr aufs Sexuelle ausgerichtet. Tagsüber hat er mir eine schöne Zeit gemacht. Aber es war klar: Abends hast du auch deine Pflichten zu erfüllen. Denn es ist ein Geben und Nehmen in dieser komischen Beziehung.
Tatort: In dieser Pension erfuhr Jonathan Drefs sexuelle Gewalt
Lokalzeit: Unter anderem durch Jonathans Aussagen konnte der Täter am Ende zu einer Haftstrafe von neun Jahren verurteilt werden. Die Strafe ist vergleichsweise hoch ausgefallen, auch weil es noch andere Fälle gab. Was bedeutet dieses Urteil für euch?
Rode: Bis zum Urteil hat sich das alles vier Jahre hingezogen. Wir waren einfach froh, dass es damit zum Abschluss gekommen ist. Wir mussten ja auch den Prozess abwarten, bevor Jonathan an die Öffentlichkeit gehen konnte.
Lokalzeit: Warum ist euch das wichtig?
Drefs: Es gibt Initiativen in Deutschland, die Betroffenen eine Plattform bieten. Aber sie gehen mir persönlich nicht weit genug. Sie sind nicht modern, kommen nicht bei den Leuten an. Ich habe eine Initiative namens "End The Silence" gegründet. Wir geben Menschen in einem begleiteten Umfeld mit psychologischem Fachpersonal die Möglichkeit, ihre Geschichten zu teilen. Dabei werden sie auch von Menschen unterstützt, die sich mit Social Media auskennen. Wenn wir auf Social Media eine Sichtbarkeit schaffen, schaffen wir sie auch in der Gesellschaft. Wir können mit Social Media nichts verhindern, aber wir können aufklären und vor allem können wir Betroffenen zeigen: Du bist nicht allein!