Ermittlungsarbeiten im Mordfall Pia S. aus Greven
Ihr Mörder sollte sie sicher nach Hause bringen: Der Femizid an Pia S. aus Greven
Stand:
Im Sommer 2022 verpasst Pia S. den letzten Bus nach der Kirmes in Greven. Ihr Nachbar holt sie ab, es kommt zum Streit. Am Ende ist die 25-Jährige tot. Der Täter wird wegen Mordes und versuchten Mordes verurteilt. Doch das Urteil wird teilweise wieder einkassiert.
Kirmes in Greven
Es ist der Sommer 2022, als im August die jährliche Kirmes in Greven stattfindet. Auf diesem Fest sind tausende Menschen unterwegs. Unter ihnen ist auch Pia S. Sie ist dort mit Freunden verabredet und trifft auch ihre Eltern, die ebenfalls auf der Kirmes unterwegs sind. Für die Familie wird es das letzte Treffen mit ihrer Tochter gewesen sein.
Die 25-Jährige trifft am Abend auf ihren Ex-Freund, mit dem sie gerne wieder zusammenkommen würde. Doch er lehnt ab, er sieht keine Zukunft für die beiden. Pia S. will mit dem letzten Bus nach Hause fahren, doch sie verpasst ihn. Was genau an dem Abend passierte, zeigen wir auch bei WDR Lokalzeit MordOrte auf YouTube.
Nachdem Pia S. den letzten Bus verpasst hat, schreibt sie ihrem Nachbarn Daniel B. (Name von der Redaktion geändert). Die beiden wohnen in dem gleichen Mehrfamilienhaus in Reckenfeld, einem Ortsteil von Greven. Sie hatten vor einiger Zeit eine kurze Beziehung, die Pia S. aber beendete, als sie von B. erfuhr, dass er sich mehr daraus erhofft hatte.
An dem Abend bietet er der 25-Jährigen an, sie von der Kirmes abzuholen, was sie mehrmals ablehnt. Schließlich schickt der Nachbar ihr um 2.37 Uhr eine Sprachnachricht: "Nein! Ich hol dich jetzt ab, ich bin schon auf dem Weg." Daniel B. steigt in sein Auto und holt Pia S. ab. Um 2.45 Uhr ist er da, sie steigt in seinen Wagen ein. So steht es später im Urteil des Landgerichts Münster.
Eine verpasste Chance
Auf der Fahrt nach Reckenfeld streiten sie sich. Daniel B. hatte erfahren, dass der Ex-Freund von Pia S. vor einigen Tagen bei ihr übernachtet hat. Die beiden gehen zu Fuß zu einem Kreisverkehr - warum sie das tun, ist nicht klar. Er beleidigt sie und reißt ihr das Handy aus der Hand. Pia S. fängt an zu weinen und bittet Daniel B., ihr das Smartphone zurückzugeben. Er schlägt ihr mehrmals ins Gesicht.
Genau in dem Moment fährt ein Taxi vorbei. Der Taxifahrer sieht, wie Daniel B. Pia S. geschlagen hat. Er hält an. Daniel B. wendet sich an ihn: Sie sei es nicht wert, dass er ihr helfe, er solle weiterfahren. Der Taxifahrer bietet Pia S. offenbar an, mitzufahren. Vielleicht hört sie dieses Angebot nicht, vielleicht ist sie so geschockt von der Situation - das ist nicht eindeutig zu rekonstruieren. Das Taxi fährt weiter.
Das Geschehen verlagert sich auf einen Fußweg unmittelbar in der Nähe des Kreisverkehrs. Daniel B. zieht Pia S. an den Haaren, schlägt weiter auf sie ein. Schließlich würgt er sie mehrere Minuten lang. Pia S. stirbt.
In diesem Waldstück sticht Daniel B. auf Pia S. ein
Später in dieser Nacht holt B. wieder sein Auto und fährt einige Zeit durch die Gegend - wohl auf der Suche nach einem geeigneten Ort, wo er sein Opfer ablegen kann. Er bringt sie schließlich zu einem Waldstück bei Saerbeck, rund 15 Kilometer von Reckenfeld entfernt. Dort sticht er noch mehrmals mit einem Messer auf Pia S. ein.
Urteil zum Teil einkassiert
Am 30. August 2022 wird Daniel B. von der Polizei festgenommen - er hatte sich bei einer Zeugenbefragung in Widersprüche verwickelt. Im Urteil des Landgerichts Münster vom 3. April 2023 heißt es zum Motiv: "Der Angeklagte tötete (Pia S.) aus Hass und dem Wunsch, sich dafür zu rächen, was sie ihm 'antat'. Er duldete nicht, dass sie intime Kontakte zu anderen Männern hatte. Zudem wollte er sie wegen ihres vermeintlichen Fehlverhaltens ihm gegenüber (…) zu einem Objekt degradieren und entpersonalisieren."
B. wird wegen Mordes und versuchten Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Doch bevor das Urteil rechtskräftig werden kann, legt der Angeklagte Revision ein. Mit solchen Fällen beschäftigt sich der Bundesgerichtshof in Karlsruhe (BGH). Der kommt im Januar 2024 zu dem Schluss, dass ein Teil des Urteils nicht in Kraft treten kann. Das Landgericht in Münster habe nicht ausreichend bewiesen, dass der Angeklagte Pia S. mit dem Messer verletzt hat, um sicher zu sein, dass sie tot ist.
Der Angeklagte Daniel B. im Prozess
Nach Ansicht von Henning Barton handelt es sich um einen "handwerklichen Fehler". Barton ist in Münster seit elf Jahren Richter und seit vier Jahren auch Pressesprecher des Gerichts. Er betont aber: "Das Verfahren ist hier am Landgericht Münster abgeschlossen und es wird auch an keinem anderen Gericht mehr verhandelt werden."
Das Urteil steht fest
Was bedeutet das Vorgehen nun genau? "Der BGH hat gesagt: Das ist ein bisschen widersprüchlich, weil zwischen diesen beiden Taten ein relativ großer Zeitraum war und das Würgen so intensiv war, dass eigentlich nicht davon ausgegangen werden konnte, dass diese Person noch lebt", erklärt Damien Nippen. Er ist seit einigen Jahren Rechtswissenschaftler an der Universität zu Köln. "Deswegen war die Beweiswürdigung des Landgerichts hier für den BGH nicht ganz widerspruchslos - und verweist nur diesen Teil nochmal zurück an das Landgericht in Münster."
Damien Nippen ist Strafrechtler an der Universität zu Köln
An der Freiheitsstrafe des Angeklagten änderte dies aber nichts, betont Nippen, da der Angeklagte bereits zur Höchststrafe, der lebenslangen Haft, verurteilt worden ist. Das Landgericht Münster hat das Verfahren letztlich nicht neu aufgerollt. Es handelt sich also um einen handwerklichen Fehler des Landgerichts, der aber keinerlei Auswirkungen auf das rechtskräftige Urteil und die Strafe hat.
Dieser Beitrag liefert Informationen zum YouTube-Film von WDR Lokalzeit MordOrte "Sie dachte, sie könnte ihm vertrauen" vom 05.01.2026, 17 Uhr.