Moskau verurteilt Jacques Tilly: "Das Urteil ist lächerlich"
02:08 Min.. Verfügbar bis 02.04.2028.
Der Düsseldorfer Künstler Jacques Tilly gehört nach Ansicht eines Moskauer Gerichts für achteinhalb Jahre ins Gefängnis in einer Strafkolonie. Außerdem soll er eine Geldstrafe von 200.000 Rubel bezahlen. Das sind rund 2.000 Euro. Tilly habe sich der Verletzung religiöser Gefühle und der Verbreitung von Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte schuldig gemacht, urteilte Richter Konstantin Otschirow in dem umstrittenen Strafverfahren.
Prozess ohne den Angeklagten
Hier wurde Tilly verurteilt
Die russische Staatsanwaltschaft hatte am Vormittag in ihrem Plädoyer eine Haftstrafe von neun Jahren gefordert. Außerdem sollte Tilly vier Jahre keine Website betreiben dürfen und 250.000 Rubel, umgerechnet rund 2.700 Euro, zahlen. Die Staatsanwältin sagte vor Gericht, dass die Schuld Tillys durch Zeugenaussagen erwiesen sei.
Tilly selbst war nicht vor Ort. Er wurde durch eine von der russischen Seite eingesetzte Pflichtverteidigerin vertreten. Sie bat um Freispruch aus Mangel an Beweisen. Die Verteidigung habe versucht, Kontakt zu Tilly aufzunehmen, die deutsche Botschaft in Moskau habe da aber nicht vermittelt. Deshalb sei es nicht möglich, seine Motive zu beurteilen, argumentierte seine Verteidigerin.
"Das Urteil ist lächerlich"
Jacques Tilly im WDR-Gespräch
Nach dem Prozess sagte Tilly dem WDR, dass er sich keiner Schuld bewusst sei. Dass überhaupt ein Prozess stattgefunden, habe sei "eine Absurdität". Das Urteil aktzeptiere er nicht. Er betonte, dass er kein Staatsfeind Moskaus sei. "Ich habe einfach nur Putin kritisiert und seine Kriegsführung, als Satiriker." Dennoch zeigte er sich auch amüsiert, denn der Prozess zeige, wieviel Angst das russische Regime vor satirischer Kritik habe.
Deutliche Kritik am Urteil
Einer von Jacques Tillys Mottowagen
Deutliche Kritik an der Verurteilung des Düsseldorfer Künstlers kommt aus der deutschen Botschaft in Moskau. Das Urteil mache klar, dass die Verfolgung der freien Meinungsäußerung unvermindert weitergehe, so Botschafter Alexander Graf Lambsdorff. Die Botschaft verurteile dieses Schauspiel und trete weiter für freie Meinungsäußerung ein. Auch NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst übte starke Kritik. Er sagte, dass grade in diesen Zeiten, in denen autoritäre Regime auf der ganzen Welt versuchten, Kunst zum Schweigen zu bringen, sei die Solidarität mit den Künstlern unverzichtbar.
Kritik auch vom Düsseldorfer Carneval Verein
Auch das Comittee Düsseldorfer Carneval kritisiert das Urteil gegen Jacques Tilly scharf. "Wir lassen uns nicht von einem russischen Gericht einschüchtern oder gar unserer Grundrechte berauben!", heißt es in einer Stellungnahme. Als Karnevalisten verurteile man den Einschüchterungsversuch durch einen Schauprozess in Moskau. Er lasse alle Prinzipien der Fairness und Gerechtigkeit vermissen.
"Die Gedanken sind frei und müssen es auch bleiben!" Stellungnahme "Comittee Düsseldorfer Carneval"
Keine Auslieferung befürchtet
Jacques Tilly hat in Deutschland nichts zu befürchten, allerdings ist er jetzt in seiner Reisefreiheit eingeschränkt. Unter anderem China, Indien und Vietnam haben Auslieferungsabkommen mit Russland. In diesen Ländern könnte ihm bei einer Verhaftung also eine Auslieferung nach Russland drohen.
Prozess wurde oft vertagt
Der Prozess war mehrfach vertagt worden. Der bislang letzte Prozesstag Mitte März dauerte nur wenige Minuten, da der Vertreter der Staatsanwaltschaft ausgetauscht worden war. Für sein Plädoyer müsse dieser erst nochmal die Audio-Protokolle der Zeugenaussagen auswerten, hieß es damals vom Gericht.
Diesen Wagen zeigte Tilly auf dem Düsseldorfer Rosenmontagsumzug 2026.
Der Satiriker hält den gesamten Prozess für eine Farce – auch sei er nie von den russischen Behörden über das Verfahren informiert worden. Wegen der wiederholten Putin-Motive auf seinen bekannten Mottowagen zu den Rosenmontagszügen in Düsseldorf war Tilly Ende vergangenen Jahres angeklagt worden.
Zeugen und Wissenschaftler sollten Tillys Schuld begründen
Inhaltlich waren zuletzt mehrere schriftliche Zeugenaussagen vorgelesen worden, ebenso die Einschätzung eines russischen Religionswissenschaftlers, die Tillys Schuld beweisen sollen. Ähnliche und teils noch weit höhere Strafen sind laut dem Verein Freies Russland NRW auch schon gegen andere russische Oppositionelle gefällt worden, die im Ausland leben. Konkrete Folgen hatten diese Urteile für die Betroffenen im Alltag bisher nicht.
Unsere Quellen:
• ARD-Studio Moskau
• Nachrichtenagentur dpa
• Wagenbauer Jacques Tilly
• Verein Freies Russland NRW
Sendung: WDR.de, Jacques Tilly in Moskau zu mehrjähriger Haftstrafe verurteilt, 02.04.2026, 15.13 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 02.04.2026, 18:45 Uhr