Wegen Honorarkürzung

Psychotherapeuten sehen Versorgung in NRW gefährdet

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Wer eine Psychotherapie braucht, muss teils Monate warten. Seit dem 1. April bekommen Therapeuten 4,5 Prozent weniger Honorar - und sie fürchten weitere Einschnitte. Die Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) klagt gegen die Kürzungen.

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Inflation und steigende Kosten müssen durch höhere Löhne und Gehälter ausgeglichen werden: Diese Argumente hört man seit jeher bei Tarifverhandlungen, und in der Regel wird das auch umgesetzt. Nicht aber bei den niedergelassenen Psychotherapeuten im Land. Ab dem 1. April 2026 sind die Honorare für psychotherapeutische Leistungen nach dem Willen der Krankenkassen um 4,5 Prozent gesunken.

Zur Begründung hieß es, zuletzt seien die Honorare in diesem Bereich überdurchschnittlich gestiegen, also müssen man sie zur Angleichung nun senken. Allerdings bilden Psychotherapeuten "das Schlusslicht in der Verdienstskala der Fachbehandler", heißt es in einer Mitteilung des Deutschen Psychotherapeuten Netzwerks (DPNW). Auch das Fachblatt "Arzt & Wirtschaft" schreibt: Niedergelassene Psychotherapeuten verdienen im Schnitt deutlich weniger als Haus- oder Fachärzte.

Weniger Honorar für Psychotherapeuten: Das sind die Folgen

WDR Studios NRW 16.03.2026 00:58 Min. Verfügbar bis 15.03.2028 WDR Online

Klage gegen Kürzungen

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat gegen die Honorarkürzung für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in diesem Jahr Klage beim Landessozialgericht Berlin-Brandenburg eingereicht.

"Diese fatale Entscheidung geht zulasten psychisch kranker Menschen und benachteiligt die Psychotherapeuten massiv." KBV-Chef Andreas Gassen

Die Klage richtet sich gegen den entsprechenden Beschluss des zuständigen Gremiums des Gesundheitswesens, das über Vergütungen entscheidet. Die KV Nordrhein bewertete den Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses als verheerendes Signal an die Leistungserbringer in der ambulanten Versorgung.

Gegen Honorar-Kürzung: Demos auch in vielen NRW-Städten

Die Honorarkürzung lassen sich die Psychotherapeuten nicht gefallen: Das Deutsche Psychotherapeuten Netzwerk (DPNW) rief bundesweit zu Demonstrationen in zahlreichen Städten auf - in NRW unter anderem in Köln, Bonn, Düsseldorf, Dortmund, Essen und Bielefeld. Was genau bedeutet die Honorarkürzung - für die Therapeuten, aber auch für Patienten?

50.000 Euro für die Praxisübernahme

Moritz Esser-Wolters betreibt seit Anfang des Jahres eine Praxis für Psychotherapie in Coesfeld. Dazu muss man wissen: Um Kassenpatienten aufnehmen und abrechnen zu können, brauchen Psychotherapeuten einen Kassensitz. Diese sind aber streng reglementiert, pro Kommune gibt es nur eine bestimmte Anzahl von Sitzen.

Kassensitze für Psychotherapie sind ähnlich gefragt wie Mietwohnungen in guten Gegenden, entsprechend hoch sind die Kosten. Wer die tolle Altbauwohnung in Köln-Sülz haben will, muss dann eben 8.500 Euro an die Vormieter zahlen - selbst wenn die Ikea-Küche, für die der Abschlag fällig ist, ziemlich heruntergekommen ist.

Und auch wer eine Psychotherapie-Praxis übernehmen will, muss dem Vorgänger für die Übernahme einiges bieten. "Man zahlt eigentlich immer zu viel", sagt Esser-Wolters. Er hat 50.000 Euro hingelegt, um seine Praxis zu eröffnen. Eine Grundlage für diesen Preis? "Gibt es nicht", so Esser. Keine teuren Geräte, keine kostspieligen Einrichtungen - "im Grunde reichen mir zwei Stühle, um in der Praxis meine Arbeit zu machen", sagt Esser-Wolters.

Versorgungslage mit Therapieplätzen "katastrophal schlecht"

Monatelang Warten auf Termin beim Therapeuten | Bildquelle: Katharina Kausche/ picture alliance/ dpa

Zum Start in den Beruf hat Esser-Wolters einen Kredit aufgenommen. Den wird er zwar weiter bedienen können, aber es ist gut möglich, dass ihm durch die neue Regelung 3.000 bis 4.000 Euro im Jahr wegfallen. "Ein fatales Signal", heißt es bei der Psychotherapeutenkammer NRW zu den Kürzungen. Die Kammer sieht durch den steigenden Finanzdruck die psychotherapeutische Versorgung im Land gefährdet.

Wie lange wartet man im Durchschnitt auf einen Therapieplatz?

Ungefähr 5.600 psychotherapeutische Kassensitze gibt es derzeit in NRW. Trotzdem muss man in NRW laut Bundespsychotherapeutenkammer im Schnitt rund fünf Monate auf ein Erstgespräch in einer Praxis warten. Psychotherapeut Esser-Wolters bestätigt die angespannte Situation: "Die Versorgungslage ist katastrophal schlecht." Eine Warteliste für Patienten gibt es in seiner Praxis nicht. "Aber wenn es die gäbe, würde die Wartezeit ungefähr zwei Jahre betragen", glaubt er. 7.000 Kassensitze fehlen derzeit in Deutschland, schätzt die Psychotherapeutenkammer.

Auswirkungen der Honorarkürzung bei Psychotherapeuten

WDR 14.06.2026 00:36 Min. Verfügbar bis 13.06.2028 WDR Online

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Wer gesetzlich versichert ist, könnte bald noch länger warten

Die Versorgungslage für Kassenpatienten könnte wegen der Honorarkürzungen künftig noch schlechter werden. Denn es gibt schon jetzt einen Unterschied zwischen Privat- und Kassenpatienten. Während man für eine Therapiestunde mit einem Privatpatienten 167,58 Euro abrechnen kann, sind es bei Kassenpatienten derzeit 119,89 Euro. Seit April klafft die Schere noch weiter auseinander.

Müssen Kassenpatienten bald noch länger warten? | Bildquelle: Arno Burgi/ picture-alliance/ ZB

Die Befürchtung: Mehr Psychotherapeuten konzentrieren sich in Zukunft auf Privatpatienten, da sie mit deren Behandlung mehr verdienen können. Die Wartezeiten für gesetzlich Versicherte dürften dann noch weiter steigen. Esser-Wolters schließt diesen Weg für sich derzeit zwar aus. Allerdings kann er sich durchaus vorstellen, dass es Kolleginnen und Kollegen gibt, die darüber nachdenken.

"Allein gelassen gefühlt" - Wenn du keine Psychotherapie findest

1LIVE Reportage 02.02.2026 45:46 Min. Verfügbar bis 01.02.2031 1LIVE

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Eine Entscheidung, die zum "Bumerang" werden könnte, glaubt die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein. Denn die vermeintliche Ersparnis könnte Staat und Gesellschaft letztendlich ein Vielfaches kosten: "Werden psychische Erkrankungen erst verzögert oder gar nicht therapiert, drohen lange Ausfallzeiten, soziale Krisen und ein Bedarf an finanziellen Transferleistungen", heißt es in einer Mitteilung.

Petition wurde bereits 386.000 Mal unterzeichnet

Nicht nur in den Verbänden, auch aus der Bevölkerung gibt es Gegenwind: Eine Petition der Psychotherapeutin Johanna Jung, die die Rücknahme der Honorarkürzungen fordert, wurde innerhalb einer Woche rund 386.000 Mal unterzeichnet. Jung wendet sich darin unter anderem an das Bundesgesundheitsministerium. Tatsächlich hätte das Ministerium von Nina Warken (CDU) die Möglichkeit gehabt, die Kürzungen zu stoppen.

Unsere Quellen:

  • Nachrichtenagenturen dpa, AP
  • Interview mit Moritz Esser-Wolters
  • Fachblatt "Arzt und Wirtschaft"
  • Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein
  • Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe
  • Deutsches Psychotherapeuten Netzwerk
  • Psychotherapeutenkammer NRW
  • Bundespsychotherapeutenkammer
  • KV Nordrhein
  • Change.org: Petition von Johanna Jung
  • Nachrichtenagentur dpa

Sendung: WDR.de, Auswirkungen der Honorarkürzung bei Psychotherapeuten, 14.06.2026, 10:49 Uhr
Erstveröffentlichung des Artikels am 16.03.2026

Kommentare zum Thema

  • Wüstenfähe 16.06.2026, 09:40 Uhr

    Beamte müssen endlich gesetzlich versichert werden. Überzogene Honorare, auch die der Psychotherapeuten, müssen gekürzt werden. Kein gesetzlich Versicherter würde seinem Behandler mit übereinandergeschlagenen Beinen in der 50-Minuten-Sitzung jede Minute 2,40 € ins Sparschwein schmeißen. Psychotherapeuten sollten ein angemessenes und auskömmliches Ausbildungshonorar erhalten. Überzogene Abstandszahlungen für Kassensitze gehören verboten. Ärzte, die generell den Focus auf Privatpatienten richten, sollten die Kosten für das Studium selbst tragen. Das Lohngefüge in Deutschland stimmt nicht mehr. Wenn wir Inflation vermeiden, die Finanzierung des Gesundheitssystems erhalten, den Euro stabilisieren wollen, sind die Anpassungen in allen Branchen erforderlich. Außerdem finanzieren nur gesetzlich Versicherte die Gesundheitskosten der Bürgergeldempfänger. Eine libertäre Klasse kämpft um ihre Privilegien - aber wir brauchen soziale Gerechtigkeit.

  • qwertz 15.06.2026, 15:58 Uhr

    Das eigentliche Problem ist die Psychtherapie als Therapieform. Wenn jemand eine ernsthafte psychische Erkrankung hat, sind klinische Psychiater und Medikamente erforderlich. In fast allen anderen Fällen ist gar keine Behandlung nötig, weil es wirklich nur umweltbedingte (Stress!) Verstimmungen" sind, die nach ein paar Wochen von selbst verschwinden. Psychotherapie ist genauso "wirksam" wie Homöopathie.

    • Die vom Fach 15.06.2026, 21:12 Uhr

      Die verschiedenen Formen der Psychotherapie sind wissenschaftlich untersucht. Die Ergebnisse sind eindeutig: Viele Menschen erleben langfristig deutliche Verbesserungen. Bei vielen psychischen Erkrankungen sind Medikamente hilfreich bis unerlässlich und ergänzen die Psychotherapie. Erkrankungen wie Angststörungen oder Zwangsstörungen verstärken sich häufig ohne Psychotherapie, chronifizieren und schänken den Alltag der Betroffenen zunehmend ein.

  • Daniel 15.06.2026, 09:30 Uhr

    Ich habe den wahren Psychologen und Arzt in Jesus Christus gefunden. Ich brauche keinen anderen und damit auch keine langen Wartezeiten und Arztwege.