Ein mögliches Abkommen zwischen den USA und dem Iran könnte den Ölmarkt spürbar entlasten. Wenn Rohöl billiger wird, merken Autofahrerinnen und Autofahrer das meist relativ schnell an der Zapfsäule. Bis Benzin und Diesel aber wieder so günstig sind wie vor dem Iran-Krieg, dürfte es dauern.
Der Rohölpreis ist nur ein Teil des Spritpreises
US-Präsident Donald Trump hat in den vergangenen Wochen mehrfach erklärt, die USA stünden kurz vor einer Einigung mit dem Iran. Ob und wann es tatsächlich ein Abkommen gibt, ist zurzeit offen. Kommt es zu einem belastbaren Abkommen und öffnet der Iran die Straße von Hormus wieder für den Schiffsverkehr, dann dürfte sich das relativ schnell auch auf die Preise an den Tankstellen auswirken.
Benzin und Diesel reagieren meist schneller auf solche Marktbewegungen als andere Verbraucherpreise. Erfahrungsgemäß nur nicht so schnell und nicht so stark wie der Ölpreis fällt. Außerdem macht Rohöl nur einen Teil des Endpreises aus. Auch der Dollarkurs spielt eine Rolle, Steuern und die Margen der Mineralölkonzernen - also das, was die Konzerne am Sprit verdienen. Unklar ist ebenfalls, wie schnell die Mineralölkonzerne sinkende Weltmarktpreise für Rohöl weitergeben.
Warum Preise oft langsam sinken
Hier kommt der sogenannte Rocket-and-Feathers-Effekt ins Spiel. Steigt der Ölpreis, dann schießen die Spritpreise schnell hoch – wie eine Rakete. Sinkt der Ölpreis, dann sinken die Preise an der Zapfsäule nur langsam wie eine fallende Feder. Diesen Effekt kritisieren das Bundeskartellamt und der ADAC.
Außerdem läuft Ende Juni der Tankrabatt aus. Das könnte sinkende Spritpreise teilweise wieder ausgleichen. Gerüchten zufolge könnte Teheran künftig eine Art Maut für Schiffe erheben, die durch die Straße von Hormus fahren wollen - ein ganz neuer Kostenfaktor. Die Folge: Bis Autofahrerinnen und Autofahrer an den Tankstellen in NRW Preise auf dem Niveau vor Beginn des Iran-Kriegs sehen, könnte es Monate dauern.
Lieferketten müssen sich normalisieren
Selbst wenn die Straße von Hormus wieder frei ist und die Schiffe normal passieren können, dauert es, bis der Ölhandel wieder normal funktioniert.
"Es ist nicht so, dass dann einfach die Tanker wieder wie vorher durchfahren und alles ist wie vor Ausbruch des Konflikts, sondern es wird eine ganze Reihe von Problemen mit den Schiffen geben, die lange vor Anker lagen. Es wird Probleme geben mit Raffinerien, die beschädigt wurden oder auch mit Ölfeldern. Also es wird ein sehr mühsamer und sehr langer Prozess sein, und der wird dazu führen, dass die Preise für Öl wohl noch längere Zeit auf einem höheren Niveau bleiben." Steffen Bukold, Energiemarktexperte
Es kostet Zeit, bis sich der Schiffs-Stau auflöst. Denn Reedereien mussten Ladungen ihrer Schiffe verschieben. Sie müssen die Transporte neu organisieren. Häfen und Raffinerien müssen ihre Timeslots und Kapazitäten neu planen. Dazu sind die Schiffe dann lange Zeit auf See bis sie in europäischen Häfen ankommen. Viele Reedereien fahren zurzeit die längere Strecke um das afrikanische Kap der Guten Hoffnungen, weil sie das Rote Meer und den Suez-Kanal meiden. In dieser Region hat die jemenitische Huthi-Miliz immer wieder Schiffe beschossen. Sie gilt als Verbündete des Iran.
"Selbst wenn die Meerenge von Hormus demnächst wieder befahrbar sein sollte, wird es Monate dauern, bis sich das Ölangebot wieder normalisiert." Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank
Strategische Öl-Reserven könnten Nachfrage erhöhen
Ein Grund, warum die Ölpreise zurzeit nicht noch viel höher ausfallen, ist, dass die Nachfrage zurückgegangen ist. Länder wie die USA oder China haben ihre strategischen Ölreserven angezapft, damit sie nicht zu hohen Preisen Öl einkaufen müssen. Sinkt der Ölpreis spürbar, werden diese Länder ihre Lager wieder auffüllen. Wenn die Nachfrage nach Öl global ansteigt, dann verteuert sich Öl wieder - und damit auch der Sprit.
Wie wirkt sich ein Abkommen auf Inflation und Preise im Supermarkt aus?
Günstigere Spritpreise entlasten nicht nur Autofahrerinnen und Autofahrer. Auch Handwerksbetriebe, Lieferdienste und Speditionen mit ihren LKWs profitieren von niedrigeren Kraftstoffkosten. Das kann mittelfristig auch Waren und Lebensmittel günstiger machen, denn Transportkosten sind ein Bestandteil vieler Produktpreise.
Aber der Effekt dürfte verzögert auftreten. Denn die Händler haben viele Produkte bereits zu höheren Preisen eingekauft und auf Lager. Längerfristige Lieferverträge enthalten dazu oft Preise, die auf den höheren Energiekosten der vergangenen Monate beruhen.
"Demnach dürften sich die anhaltend hohen Energiekosten in den kommenden Monaten zunehmend in den Verbraucherpreisen widerspiegeln.“ Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank
Das gilt auch für andere Produkte auf Ölbasis, die zum Teil in der Golfregion hergestellt werden - wie etwa Kunstdünger, Vorprodukte für die Kunststoffproduktion oder auch Kerosin. Auch hier wird es Monate dauern, bis die Leferketten wieder normal funktionieren. Das betrifft viele Unternehmen gerade in NRW mit seiner starken Chemieindustrie und zahlreichen energieintensiven Poduktionen.
Hohe Kosten neben dem Ölpreis
Weitere Kostenfaktoren kommen noch obendrauf: Frachtkosten für Container sind angestiegen, weil Schiffsdiesel mehr kostet und die Reedereien längere Wege fahren. Frachtflüge sind durch gestiegene Kerosinpreise teurer geworden. Versicherungsprämien für Schiffe sind gestiegen, weil Versicherer das höhere Risiko in der Region einpreisen. All das kann als Kosten in Industrieprodukten, Baumaterialien, Lebensmitteln und Dienstleistungen stecken.
Für Verbraucherinnen und Verbraucher bedeutet das alles: Sinkende Rohölpreise können relativ schnell an der Tankstelle ankommen. Eine Rückkehr zu Preisen wie vor dem Iran-Krieg kann aber viele Monate dauern.
Unsere Quellen:
- Keynote-Rede Euro Finance Summit, Präsident der Deutschen Bundesbank Joachim Nagel
- WDR-Interview mit Energiemarktexperten Steffen Bukold
- DPA-Agenturmaterial
Sendung: WDR 5, "Das Wirtschaftsmagazin", 15.06.2026, 13:34 Uhr