Viele Menschen schlafen bei Hitze schlechter, können sich schlechter konzentrieren und machen mehr Fehler. Sobald die Schwelle von 30 Grad überschritten ist, wirkt sich das deutlich auf die Arbeitsleistung der Menschen aus. Eine aktuelle Studie des Kreditversicherers Allianz Trade zeigt: Von dieser Temperatur an sinkt die Produktivität pro zusätzlichem Grad um etwa drei Prozent.
"Wir müssen verstehen, dass Hitze ein entscheidender Wirtschaftsfaktor ist, der ernst genommen werden muss." Katharina Utermöhl, Volkswirtin bei der Allianz
Bei über 30 Grad steigen zudem die Energiekosten deutlich, weil die Unternehmen mehr kühlen müssen. Der Studie zufolge drohen Deutschland Verluste von über 110 Milliarden Euro, wenn sich die Hitzewellen des vergangenen Jahrzehnts wiederholen.
Mehr Krankschreibungen an Hitze-Tagen
Die Politikwerkstatt "Klima wandelt Arbeit" des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Demnach steigen Krankschreibungen an Tagen mit über 30 Grad deutlich - bei längeren Hitzewellen sogar um bis zu sechs Prozent. Dies sei verbunden mit erheblichen Produktivitätsverlusten und gesamtwirtschaftlichen Schäden in Milliardenhöhe.
Experten fordern deshalb einen besseren Hitzeschutz, um Beschäftigte vor dem Klimawandel zu schützen. "Deutschland ist vielleicht noch kein Hot-Spot, aber wir befinden uns in einer gefährlichen Übergangszone", sagt Katharina Utermöhl, Volkswirtin bei der Allianz. Sie nennt südeuropäische Länder wie Spanien oder Griechenland als Vorbild. Dort werden Arbeitszeiten in heißen Sommermonaten traditionell angepasst.
Eine Siesta für Deutschland?
"Wir können uns von der Siesta einiges abgucken. Zum Beispiel, dass wir früher anfangen, die Mittagshitze meiden und dann vielleicht am Abend noch mal Dinge zu Ende bringen", erklärt Katharina Utermöhl. Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin empfiehlt Unternehmen vor allem für die Arbeit im Freien zu prüfen, ob sie an Hitzetagen in die kühlen Morgenstunden verlegt werden kann.
Die Gewerkschaften sehen solche pauschalen Siesta-Vorschläge jedoch kritisch. Sie befürchten, dass die Arbeitgeber die Debatte nutzen könnten, um die Arbeitszeitregeln generell aufzuweichen.
"Aufweichungen dienen einzig und allein Arbeitgeberinteressen, nicht aber dem Wohl der Beschäftigten" Anja Piel, Vorstandsmitglied beim Deutschen Gewerkschaftsbund
Es brauche branchenspezifische Lösungen, sagt Anja Piel, Vorstandsmitglied beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Der DGB betont daher die Verantwortung der Arbeitgeber für Hitzeschutz am Arbeitsplatz.
Kein Hitzefrei fürs Büro
Bislang regelt die Arbeitsstättenverordnung: Ab 26 Grad im Büro sollten Vorgesetzte Maßnahmen treffen, um für Abkühlung zu sorgen. Ab 30 Grad haben sie sogar eine Pflicht dazu. Bei Temperaturen von mehr als 35 Grad gilt ein Arbeitsraum grundsätzlich als ungeeignet.
Auch dann haben Angestellte allerdings keinen Anspruch auf Hitzefrei. Der Arbeitgeber muss aber Lösungen anbieten: zum Beispiel einen kühleren Raum zur Verfügung stellen, das Arbeiten im Homeoffice freigeben oder die Arbeitszeiten in die kühleren Morgenstunden verlegen.
Neben kurzfristigen Arbeitszeitmodellen hält Volkswirtin Utermöhl auch langfristige bauliche Maßnahmen für nötig. Südlichere Länder hätten die Hitze bereits in der Stadtplanung und Bauweise berücksichtigt. Helle Fassaden und Dächer, Verschattung sowie begrünte Flächen seien hier wichtig: "Länder, die das schneller umsetzen, sind in Zukunft wirtschaftlich im Vorteil."
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit Katharina Utermöhl, Volkswirtin bei der Allianz
- Allianz-Studie: Too hot to grow. The economic costs of extreme heat
- Abschlussbericht zur Politikwerkstatt "Klima wandelt Arbeit", Bundesministerium für Arbeit und Soziales
- Empfehlungen für die Arbeit an heißen Sommertagen, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
- dpa-Meldungen
Sendung: WDR 5, "Das Wirtschaftsmagazin", 19.06.2026, 13:34 Uhr