Ein Mädchen mit schwarzem Pulli und weißter Haube steht an einer grpnen Werkbank, hinter ihr steht ein Mann im Blaumann

Girls' Day in einem Handwerkbetrieb

Aktionstag Mit Girls' und Boys' Day zu mehr Geschlechtergerechtigkeit?

Stand:

Der Girls' und Boys' Day soll Mädchen und Jungen dazu animieren, für ihr Geschlecht untypische Berufe zu ergreifen. Doch wie viel Wirkmacht hat ein solcher Aktionstag auf bestehende Rollenklischees im Berufsleben?

Girls' und Boys' Day

  • Den Girls' Day gibt es seit 2001, den Boys' Day seit 2011
  • Der Tag soll Mädchen und Jungen für Berufe begeistern, in denen ihr Geschlecht unterrepräsentiert ist
  • Frauen sind vor allem in MINT-Berufen wenig vertreten, Männer in sozialen, erzieherischen und pflegenden Berufen
  • Frauen- und Männeranteile steigen in diesen Berufen zwar seit Jahren, aber nur minimal

Wenn an diesem Donnerstag in NRW Mädchen durch eine Automobilmechatronik-Werkstatt geführt werden und Jungen eine Erzieherin durch einen Kindergarten begleiten, dann wahrscheinlich deswegen, weil der alljährliche Girls' und Boys' Day ist.

An diesem bundesweiten Aktionstag können Schülerinnen und Schüler ab der 5. Klasse Berufe kennenlernen, die statistisch gesehen eher vom jeweils anderen Geschlecht dominiert werden. Für Mädchen sind das Jobs im Bereich Mathe, Informatik, Naturwissenschaft und Technik oder im Handwerk. Für Jungen bezieht sich das vor allem auf soziale, erzieherische oder pflegende Berufe, es fallen aber auch Jobs wie Friseur, Apotheker oder Maskenbildner darunter.

Mädchen für MINT-Berufe begeistern

Ein "Girls' Day"- oder ein "Boys' Day"-Beruf ist es dann, wenn der Anteil von Frauen (Girls' Day) oder Männern (Boys' Day) unter 40 Prozent beträgt. So definiert es das Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit aus Bielefeld, das den Tag koordiniert. 2024 wurden 180.000 Plätze in solchen Berufen für den Girls' und Boys' Day bereitgestellt.

Ein Mädchen mit blauem Pulli und schwarz-umrandeter Schutzbrille lötet eine Platine, um sie herum stehen andere Mädchen und schauen ihr dabei zu

Gerade in technischen und handwerklichen Berufen sind Frauen bis heute stark unterrepräsentiert

In NRW können Mädchen beispielsweise am Flughafen Düsseldorf hinter die Kulissen einer Eurowings-Maschine blicken und mehr über den Berufswunsch Pilotin erfahren. In Aachen können sich Schülerinnen als Fliesenlegerinnen ausprobieren und in Münster einen Tag auf der Feuer- und Rettungswache verbringen.

Ursprünglich sollte der Tag vor allem Mädchen ermutigen, sich für MINT-Berufe zu begeistern und Rollenklischees abzubauen. So die Idee, als der Aktionstag 2001, damals noch nur als "Girls' Day - Mädchen-Zukunftstag", an den Start ging. Erste Anstöße zum Girls' Day kamen aus Frauentechniknetzwerken, die sich ein Beispiel am US-amerikanischen "Take Our Daughters To Work Day" nahmen.

Frauen sind in MINT-Berufen noch immer unterrepräsentiert

Doch bis heute sind MINT-Berufe weitgehend männlich dominiert. Auch wenn der Frauenanteil seit Jahren steigt - er steigt nur minimal. Laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln lag der Anteil von Frauen in MINT-Berufen 2024 bei 16,4 Prozent - 2013 waren es noch 14,3 Prozent.

In NRW waren auch 2024 nur 14,4 Prozent der Beschäftigten im MINT-Bereich Frauen - das ist deutschlandweit der zweitniedrigste Wert nach dem Saarland. Gerade in diesen Fächern fehlen aber in Deutschland schon heute Fachkräfte.

Den bundesweiten, wenngleich geringen Anstieg führt Lydia Malin, Senior Economist für Qualifizierung und Fachkräftesicherung am Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln, auch auf den Girls' Day zurück.

Es gibt inzwischen viele Bemühungen, um Mädchen für MINT-Berufe zu begeistern. Dabei ist der Girls' Day ein wichtiger Baustein, um die gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeit für dieses Thema über die starke Präsenz in den Medien zu verstärken. Lydia Malin
Senior Economist für Qualifizierung und Fachkräftesicherung am Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln

Trotzdem müsse die Berufsorientierung insgesamt noch stärker klischeefrei gestaltet werden. "Gerade im Hinblick auf den Fachkräftemangel wäre es wünschenswert, wenn Geschlechterstereotype bei der Berufswahl keinen Einfluss haben."

Lydia Malin sieht dabei auch die Verantwortung bei Eltern, ihre Kinder entsprechend zu sensibilisieren, und bei Schulen. "Gerade bei Lehrkräften sind alte Stereotype noch stark verankert, sodass Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern oft schlechter eingeschätzt werden, als sie eigentlich sind." Ein Girls' Day pro Jahr kann solche gesellschaftlichen Konstrukte nicht auflösen.

Girls' und Boys' Day haben nur begrenzte Wirkmacht

Kritiker des Aktionstags bemängeln bisweilen, dass der Tag eher Rollenklischees verstärkt, anstatt sie abzubauen - schließlich betone man so vermeintliche Geschlechterunterschiede, indem man von expliziten "Frauenberufen" und "Männerberufen" spreche. Hinzu kommt, dass gerade Berufe, die hauptsächlich von Frauen ausgeübt werden, wie soziale Arbeit oder Altenpflege, häufig so schlecht entlohnt werden, dass sie allein deswegen schon nicht attraktiver für Jungen werden.

Seit 2011 gibt es zusätzlich zum Girls' Day auch den "Boys' Day - Jungen-Zukunftstag", der jedoch laut einer aktuellen externen Evaluation des Forschungsunternehmens Prognos im Auftrag des Bundesbildungsministeriums deutlich geringer nachgefragt wird als Angebote des Girls' Day. Lydia Malin fordert, das Angebot insgesamt auszubauen, besonders für den Boys' Day.

Denn besonders in bisher von Frauen dominierten Berufen wie der Alten-, Gesundheits- und Krankenpflege steige der Anteil der männlichen Beschäftigten seit Jahren leicht an - dort gibt es also noch Potenzial. "Gerade seit Ende des Wehrdienstes und des Zivildienstes 2011 gibt es empirische Belege dafür, dass der ein oder andere Mann an frauentypischen Berufen Gefallen gefunden hat und geblieben ist." In sozialen Berufen sind es laut Bundesbildungsministerium derzeit circa 20 Prozent, in Kitas liegt der Männeranteil der Erzieher, laut Statistischem Bundesamt, bei knapp acht Prozent.

Ein junge mit blonden Haaren sitzt auf dem Boden und hat ein Buch aufgeschlagen und liest daraus vor, um ihn herum sitzen jüngere Kinder

Männer in Kitas oder Kindergarten sind in Deutschland ein seltenes Bild

Laut der externen Evaluation von Prognos konnte immerhin mehr als die Hälfte der am Girls' und Boys' Day teilnehmenden Unternehmen durch den Aktionstag potenzielle Praktikantinnen und Praktikanten kennenlernen. 48 Prozent der Unternehmen gaben zudem an, (potenzielle) Auszubildende gewonnen zu haben.

Die Evaluation zeigt aber auch Grenzen des Aktionstags auf: Bei dem Tag gehe es in erster Linie darum, dass Schülerinnen und Schüler neue Berufe kennenlernen und dafür sensibilisiert werden, Berufe wählen zu können, die vom eigenen Geschlecht eher seltener ausgeübt werden. "Dies bedeutet jedoch nicht zwingend, dass den teilnehmenden Schüler*innen die hinter den geschlechtsgeprägten Wahlmustern liegenden Stereotype bewusst werden", so die Evaluatorinnen. Das könne so ein Aktionstag nur begrenzt leisten.

Mit Girls' und Boys' Day zu mehr Geschlechtergerechtigkeit?

WDR 23.04.2026 02:09 Min. Verfügbar bis 22.04.2028

Download

Unsere Quellen:

  • Interview mit Lydia Malin vom Institut der Deutschen Wirtschaft
  • Externe Evaluation der Projekte "Girls' Day - Mädchen Zukunftstag" und "Boys' Day - Jungen Zukunftstag" von Prognos
  • Institut der Deutschen Wirtschaft
  • Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend
  • Statistisches Bundesamt
  • Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e. V.

Sendung: WDR.de, Mit Girls' und Boys' Day zu mehr Geschlechtergerechtigkeit?, 23.04.2026, 06:02 Uhr

Weitere Beiträge aus der Wirtschaft

1 / 2