Deutschlands Wirtschaft befindet sich im Umbruch. Die Zahl der Industriearbeitsplätze ist in den vergangenen Jahren deutlich eingebrochen und hat 2025 mit 6,6 Millionen einen neuen Tiefststand erreicht. Allein in den vergangenen sechs Jahren sind nach den Autoren der Studie in der Industrie deutschlandweit 420.000 Stellen verloren gegangen. Auch der Anteil der Industriejobs auf dem Arbeitsmarkt sinkt. 2024 lag er nur noch bei 19 Prozent. Zehn Jahre zuvor waren das noch 22 Prozent.
Schleichender Stellenabbau
"Der Stellenabbau findet aber nicht durch große Entlassungswellen, sondern eher schleichend statt," sagt Luisa Kunze von der Bertelsmann-Stiftung. Neu sei der Trend zwar nicht. Doch der Strukturwandel habe sich zuletzt beschleunigt.
"Spannend ist aber, dass der Rückgang nicht durch große Entlassungswellen passiert, sondern dass Unternehmen weniger einstellen und frei werdende Jobs nicht nachbesetzen." Luisa Kunze, Bertelsmann-Stiftung
Job-Angebote eingebrochen
Besonders deutlich zeigt sich die Zurückhaltung der Arbeitgeber bei den Stellenangeboten. Die Verfasser der Studie haben dafür Online-Inserate auf Job-Portalen aus den vergangenen sechs Jahren ausgewertet. Danach ist die Zahl der Stellenausschreibungen in der Industrie um rund 160.000 zurückgegangen.
Die Beschäftigten in der Industrie müssen auch Abstriche beim Gehalt hinnehmen. Die Einstiegsgehälter in der Industrie sind traditionell höher als in anderen Branchen. Doch das durchschnittliche Lohnplus ist innerhalb von zehn Jahren gesunken - von 20 auf jetzt nur noch zehn Prozent.
Auch in NRW schwindet die Industrie
Im Industrieland NRW zeichnet sich ein ähnlicher Trend ab. Ende 2025 waren in NRW noch insgesamt fast 1,3 Millionen Menschen in der Industrie sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Das waren ingesamt 75.000 weniger als 2015, schreibt die Bundesagentur für Arbeit in NRW. Da Betriebe zuerst ihre Arbeitnehmer in Zeitarbeit abbauen, waren die Verluste unter dieser Gruppe besonders hoch.
"Was die Zahlen dabei verbergen, ist, dass in NRW noch bis 2018 auch in der Industrie viele neue Arbeitsplätze entstanden sind", betont Christoph Löhr von der Bundesagentur für Arbeit in NRW. Doch nach diesem Höchststand bei der Beschäftigung ging es schleichend bergab. "Unterm Strich hat NRW seitdem fast 120.000 Industriearbeitsplätze verloren."
Dabei spielt die Industrie in NRW nach wie vor eine große Rolle. Zu den wichtigsten Branchen zählen zum Beispiel die Metall-, die Elektro- und die Stahlindustrie. Zudem ist NRW ein bedeutender Standort für die Pharmaindustrie geblieben. Auch die Automobilzulieferindustrie ist nach wie vor stark vertreten.
Einige Branchen sind gewachsen
Bei der aktuellen Debatte um Deindustrialisierung geht schnell unter, dass NRW in den vergangenen rund zehn Jahren in anderen Branchen einen enormen Aufbau an neuen Jobs erlebt hat. Deutlich zugenommen hat im letzten Jahrzehnt zum Beispiel das Baugewerbe um rund 80.000 Menschen, schreibt die Bundesagentur für Arbeit in NRW. In der Informations- und Kommunikationsbranche liegt das Plus bei rund 70.000 Beschäftigten.
Einen ähnlichn Anstieg hat es auch im Bildungs- und Gesundheitswesen gegeben. Auch im Bereich der freiberuflichen, wissenschaftlichen oder technischen Dienstleistungen hat die Zahl der Beschäftigten stark zugenommen. Bedeutet: "Wir haben mehr Dienstleister und weniger Industrie", so Christoph Löhr.
US-Zölle, verschlafene Trends und China
Die Gründe für den Strukturwandel sind vielfältig. Die Industrie leidet darunter, dass die Wirtschaft nicht mehr rund läuft und das Exportgeschäft - auch wegen der US-Zölle - lahmt. Dazu kommt der Umbau etwa der Automobilbranche zur Elektromobilität. Dafür werden oft weniger Leute gebraucht, mit zum Teil auch anderen Qualifikationen.
Es werden auf dem Arbeitsmarkt weniger Fertigkeiten gesucht, die sich etwa auf reines Drehen, Schrauben oder Fräsen beschränken. Gesucht werden Fachkräfte, die sich zum Beispiel auch mit KI, Digitalisierung und komplexen Computerprogrammen im Bereich der Elektrotechnik oder im Maschinenbau auskennen.
Viele Betriebe klagen zudem weiter über hohe Energie- und Bürokratiekosten und darüber, dass die Konkurrenz aus China stark zugenommen hat. Und dass der Wettbewerb mit den oft hoch subventionierten Fabriken dort nicht fair ist.
Die Autoren der Studie betonen, dass die Beschäftigten in der derzeitigen Umbruchphase mehr Qualifizierung und Weiterbildung brauchen. "Man darf nicht erst aktiv werden, wenn die Menschen schon arbeitslos sind", so Luisa Kunze von der Bertelsmann-Stiftung. Dabei können Arbeitgeber und Arbeitsagenturen unterstützen. Doch es ist auch Eigenverantwortung gefragt.
Arbeitsmarktexperte Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB sieht auch die Politik in der Pflicht und fordert klare Entscheidungen, damit Unternehmen besser planen können:
"Die Unsicherheit ist im Moment massiv hoch, und das hält Investitionen zurück." Arbeitsmarktexperte Enzo Weber, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB
Investoren müssen einschätzen können, in welchen Feldern sich Investitionen tatsächlich lohnen. "Gehen wir in die E-Mobilitität? Wie ist es mit der Windkrafttechnik? Was machen wir mit Wasserstoff? Wie geht es mit der Heizungen voran?", fragt der Arbeitsmarktexperte. Es sei nötig, in die Infrastruktur der Zukunft zu investieren: in die Datennetze, in die Rechenzentren, in die Stromnetze, in moderne Verkehrsinfrastruktur. Denn das sei die Voraussetzung, um neue Geschäftsmodelle zu entdecken und Wachstum möglich zu machen.
Enzo Weber rät, den Umbruch in der Industrie auch zuzulassen: "Wir sind in einer Erneuerungskrise. Entsprechend haben wir auch keinen abrupten Einbruch in der Industrie, sondern eine schleichende Deindustrialisierung, die mittlerweile seit vier, fünf Jahren anhält - und die kann man auch nicht aufhalten." Da könne man nur nach vornheraus erneuern. Mit neuen Jobs, mit neuen Investitionen. "Es kann auch in Zukunft neue Industriejobs in Deutschland geben."
Unsere Quellen
- Bertelsmann-Stiftung, Studie "Entwicklung der Industriebeschäftigung"
- Nachrichtenagenturen dpa/reuters
- WDR-Interview mit Enzo Weber, Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung
- WDR-Interview mit Luise Kunze, Bertelsmann-Stiftung
- WDR-Interview mit Christoph Löhr, Bundesargentur für Arbeit NRW
Sendung: WDR 5, "Das Wirtschaftsmagazin", 18.06.2026, 13:34 Uhr