Die Herrschaft des Dogen
Der Dogenpalast am Markusplatz war jahrhundertelang der Sitz des gewählten Herrschers der Republik Venedig. Hier sieht und fühlt man den unglaublichen Reichtum der einstigen Handelsmetropole Venedig. Seit dem frühen Mittelalter kämpfte diese Stadt um die Vorherrschaft im Welthandel und es gelang ihr. Nur so konnten hier diese unglaublich kostbaren Kunstwerke bezahlt werden.
Der Doge, wenn er denn gewählt und im Amt war, hatte in der Frühzeit der Republik militärisch und richterlich fast unbeschränkte Macht. Nur unter großen Anstrengungen schafften es die mächtigen venezianischen Familien, dass sich aus einem Herrscher auf Lebenszeit nie eine königliche Dynastie entwickelte. Im Venedig der Vergangenheit hielt Misstrauen das politische System im Gleichgewicht, siegte das große Geld, das aus dem Welthandel stammte.
Wehe dem, der die Gunst des Dogen nicht besaß. Die Stadt war darauf spezialisiert, Feinde Venedigs und andere Übeltäter zu entlarven und zu bestrafen. Jeder Bürger konnte anonyme Anklagen einwerfen – in die sogenannten "Mäuler der Wahrheit", bocce della veritá.
Ein "Maul der Wahrheit" - hier konnte einst jeder Bürger anonyme Anklagen einwerfen.
Wer verurteilt wurde, saß gefangen in den Pozzi, den Gefängniszellen, die im Erdgeschoss des Dogenpalastes gebaut wurden. Die Pozzi wurden bei Hochwasser häufig überflutet und galten als die grausamsten Verliese im Venedig des 18. Jahrhunderts. Weil dort der Platz nicht ausreichte, errichtete man daneben das Staatsgefängnis, das mit dem Dogenpalast durch einen Übergang verbunden ist: Die berühmte Seufzerbrücke wurde 1610 fertiggestellt. Darüber gingen die Verurteilten und seufzten vermutlich, weil sie das letzte Mal für lange Zeit das Tageslicht sehen konnten.
Über die Seufzerbrücke von 1610 wurde viele Verurteilte in den Kerker geführt.
Casanova
Der berüchtigte Frauenheld gehört bis heute zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Geschichte. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass über ihn und seine Abenteuer viele populäre Bücher geschrieben und vom Publikum verschlungen wurden. Auch die Filmindustrie hat ausgiebig an diesem Mythos mitgesponnen und die Figur des Casanova mit seinen berühmtesten Schauspielern bestückt, unter anderem mit Alain Delon, Marcello Mastroianni, Richard Chamberlain, Tony Curtis und Donald Sutherland.
Casanova begann seine Laufbahn als Priester, merkte jedoch schnell, dass er für diesen Beruf nicht geeignet war. Während seines Lebens arbeitete er auch als Journalist, Diplomat und Spion. Außerdem liebte Casanova das Glücksspiel so sehr, dass die Menschen in Venedig jahrelang hinter seinem Rücken über ihn tuschelten. Er beschäftigte sich auch mit Magie und Alchemie, und als man ihn schließlich verhaftete, wurden in seinem Haus auch einige verbotene Bücher gefunden.
Immer wieder erzählt wird die Geschichte, wie er aus den gefürchteten Bleikammern unter dem Dach des Dogenpalastes ein Jahr nach seiner Verhaftung 1755 entfliehen konnte. Da war er 30 Jahre alt und bereits in ganz Europa bekannt, hatte den Ruf als bezaubernder Verführer, aber auch als ungezogener Unruhestifter. Nach seiner Flucht wurde Casanova endgültig zu einem Star in Europa und verkehrte von nun an in den höchsten Kreisen.
Karneval im 18. Jahrhundert
Zu Casanovas Zeiten, also im 18. Jahrhundert, ist der venezianische Karneval historisch gesehen auf seinem Höhepunkt. Wie man feierte, ist durch Gemälde gut dokumentiert. Damals begann die Karnevalsfestzeit am Stefanitag, dem 26. Dezember und dauerte wie heute immer noch bis zum Aschermittwoch. Man feierte in den Theatern und auf der Straße. Es gab Tierhatzen, auf der Piazzetta Menschenpyramiden, den Engelsflug und Straßentheater, wie das heute auch wieder möglich ist, allerdings immer mit dem Blick zurück in die Vergangenheit.
Im Deutschen Studienzentrum in Venedig, das es seit mehr als 50 Jahren gibt, wird unter der Leitung von Richard Erkens auch die Geschichte des venezianischen Karnevals erforscht.
Das Studienzentrum residiert in einem Palazzo aus dem 16. Jahrhundert direkt am Canal Grande, ein Ort, der selbst schon Forschungsgegenstand sein könnte. Es organisiert Tagungen, Vorträge, Konzerte und bietet vor allem Stipendien an, die verschiedene Disziplinen zusammenbringt. Junge Forschende und Künstler bekommen Zeit und Raum, um sich intensiv mit Venedig und seinen historischen Verflechtungen zu beschäftigen.
Das Studienzentrum befindet sich in einem Palazzo aus dem 16. Jahrhundert direkt am Canal Grande.
Masken und Kostüme damals und heute
Im Stadtteil San Polo befindet sich die Maskenwerkstatt von Tobia Dall’Osto und seinem Vater Gualtiero, der neben anderen Künstlern in den 1980er-Jahren einer der Initiatoren zur Wiedererweckung des venezianischen Karnevals war, so wie er heute ist. Der Karneval endete nämlich erst einmal im Jahr 1797, als Napoleon in die Stadt einmarschierte und die Republik Venedig besetzte. Er verbot die Feierlichkeiten und die Verwendung von Masken. Und so gab es in Venedig 200 Jahre lang keine Karnevalsfeierlichkeiten, jedenfalls nicht öffentlich.
Im Maskengeschäft Tragicomica von Tobia und Gualtiero hängen historische Masken, die aus der Tradition der Commedia dell’Arte entstanden sind, und einige aus dem damaligen Karneval. Und dann gibt es noch die sehr farbenfrohen Exemplare, die später entstanden sind. Im dazugehörigen Atelier werden diese Masken noch immer handgefertigt nach den Regeln der jahrhundertealten Tradition. Hier finden auch regelmäßig Workshops statt.
Im Maskengeschäft Tragicomica von Tobia und Gualtiero kann man viele historische Masken bewundern.
Ausgangspunkt bei der Herstellung einer Maske ist die Negativform aus Gips. Dort hinein kommen mehrere Lagen Wollfasern, Papier und Gaze, die in Leim getaucht werden. Sie werden Schicht für Schicht in die Form geklebt. Nach dem Trocknen wird der Rohling aus der Form gelöst, die Kanten geschnitten, gefeilt und geglättet. Vor dem Bemalen und Verzieren bekommt sie noch eine Schicht aus Gips und Leim.
Die traditionelle Form, die sogenannte "Bürgermaske", war nicht sehr bequem. Denn wenn man sie aufsetzte, konnte man weder sprechen noch essen, trinken oder rauchen. Also entwickelte man eine Form, die an der Nase unten offen war und eben dies alles erlaubte. Diese sogenannte "Larva" setzte sich durch in Kombination mit dem schwarzen Umhang und dem Dreispitz-Hut, der sogenannten "Bauta"-Verkleidung der damaligen Zeit. Dadurch konnte der Träger vollständig inkognito unterwegs sein. Es war nicht mehr zu erkennen, ob die Person ein Mann war oder eine Frau, alt, jung, reich, arm. Der oder die Kostümierte konnte sich frei bewegen. In den Spielcasinos war so eine Verkleidung sogar vorgeschrieben. Man trug die "Bauta" aber auch, um seinen sozialen Status zu verbergen. Vielleicht stammte man aus einer Adelsfamilie und wollte nicht, dass die Leute das wussten. Venedig war im 18. Jahrhundert so etwas wie das Las Vegas Europas.
Gualtiero stellt in der Werkstatt eine Karnevalsmaske her.
Kostüme des 18. Jahrhunderts
Was die meisten Kostüme des heutigen venezianischen Karnevals angeht, spielt man das 18. Jahrhundert nach, trägt also meistens das, was damals die Alltagskleidung war. Giulia Russolo, Kostümbildnerin und Eigentümerin der Firma "Sogno Veneziano", fertigt in ihrem Atelier moderne Kreationen und Kopien historischer Kostüme an, meist für ihre Kunden, die auch die von ihr veranstalteten Maskenbälle besuchen wollen. Schon Monate vorher schicken die Kunden ihre Maße. Wenn sie dann selbst nach Venedig kommen, gibt es eine große Anprobe und Schnittkorrekturen.
In Venedig gibt es nur wenige Schneiderateliers, die venezianische Karnevalskostüme nach Maß herstellen. Hier bekommt man eine komplette Kostümierung, inklusive Schuhe und Perücke. Die Leihgebühr variiert je nach Kollektion, Aufwand der Änderungen und den dazugehörenden Accessoires. So kann die Ausstattung für einen venezianischen Karnevalsball schnell mal bei ein paar Hundert Euro liegen.
Giulia Russolo verkleidet Tamina in kurzer Zeit in eine venzianische Karnevalsschönheit.
Lesetipps zu Venedig
Gianni Montieri, Anna Toscano
111 Orte in Venedig, die man gesehen haben muss
Emons Verlag, 2023
ISBN 978-3740819866
Preis: 18,00 Euro
Ulrike Zanatta
Zu Fuß durch Venedig. 12 Spaziergänge
Droste Verlag, 2025
ISBN 978-3770026029
Preis: 16,00 Euro
Sven Talaron, Sabine Becht
Venedig
Michael Müller Verlag, 2. Aufl. 2023
ISBN 978-3966852586
Preis: 19,90 Euro
Peter Koch
Karneval in Venedig: Geschichte, Traditionen und Kostüme
27amigos, 2024
ISBN 978-3750565616
Preis: 17,99 Euro