Service Computer : Musik streamen oder selber besitzen?
Möbel, Mode, Autos - bei vielen Dingen hat man das Gefühl: Das war doch schon mal da. Und auch bei Technik gibt es das Phänomen: Während viele Menschen Musik eigentlich nur noch digital über ihr Handy streamen, ist die alte, analoge Vinyl-Schallplatte oder auch die Musik-CD wieder zurück. Und das hat nicht nur mit sentimentalen Gefühlen und der Erinnerung an die Vergangenheit zu tun.
Was spricht für Musik auf Vinyl oder auf CD?
Musik oder generell Audio-Inhalte, die wir per Handy streamen, besitzen wir nicht. Das heißt: Wir können das Album oder das Hörbuch nur so lange hören, wie der Anbieter es in seiner digitalen Bibliothek zur Verfügung stellt. Es kann passieren, dass ein Anbieter oder ein Algorithmus entscheidet, es aus dem Angebot zu entfernen. Gründe können sein, dass die Firma die Rechte daran verliert oder dass ein Album nur wenig abgerufen wird. Außerdem müssen wir jeden Monat dafür bezahlen, auch wenn wir eigentlich immer nur die gleichen Songs oder Inhalte hören. Musik, die wir von Vinyl-Schallplatte oder CD abspielen, bleibt bei uns, bis wir den physikalischen Tonträger verkaufen oder verschenken.
Was spricht für das Handy zum Hören von Musik?
Es ist bequemer und schneller. Nichts muss archiviert oder sauber gemacht werden. Die Inhalte sind immer abrufbar – zumindest wenn Mobilfunknetz oder WLAN zur Verfügung stehen. Man hat also ständig eine riesige Musikbibliothek virtuell in der Tasche. Und ein Algorithmus schlägt mir vor, was ich als nächstes hören soll. Mal eben ein Album aus der Jugend suchen? Kein Problem, einfach anhören. Doch viele – auch und gerade junge Menschen wollen lieber wieder bewusster Musik hören, eine Platte aus der eigenen Sammlung heraussuchen, sie auf- oder einlegen, starten und genießen.
Wie wichtig ist das haptische Erlebnis?
Das ist das eine: sehen, fühlen, anfassen des Album-Covers, der CD-Hülle ("Jewelcase"), den Wert von etwas spüren. Der andere Aspekt: Kontrolle. Viele Menschen erkennen, dass es zwar auf den ersten Blick bequem ist, Musik im Abo immer verfügbar zu haben. Aber die Abhängigkeit von großen Firmen wie Amazon, Google, Apple oder Spotify und einer Internetverbindung ist die Kehrseite. Das alles sind Gründe dafür, weshalb sogar der iPod gerade eine Art Comeback erlebt.
Spielen iPods noch eine Rolle?
Spätestens seit etwa 2014 sind die Verkaufszahlen stark zurück gegangen, weil das Smartphone immer beliebter wurde. Die Produktion des allerletzten iPod-Modells wurde schließlich im Mai 2022 eingestellt. Aber: Nach wie vor kann man die Geräte auf dem Gebrauchtmarkt kaufen. Man findet sie bei Kleinanzeigen, auf eBay und bei zahlreichen Refurbish-Händlern, die professionell aufgearbeitete Geräte verkaufen. Die ganz alten Modelle, in denen die Musik noch auf einer echten Festplatte gespeichert wurde, werden von Liebhabern umgebaut: Es wird eine USB-Buchse nachgerüstet und die Festplatte wird gegen Speicherchips ersetzt. Auch ein neuer Akku wird eingebaut. Es gibt unzählige Video-Tutorials zu Bedienung und Umbau.
Wer wendet sich analogem Musikhören zu?
Musik auf diese Weise zu hören, ist eine bewusste Entscheidung von Menschen, die bewusst entschleunigen oder auch einfach mehr Kontrolle über ihr Leben haben wollen. Dazu gehört dann auch, sich bewusster mit Technik auseinanderzusetzen. Und: Ein Plattenspieler mit Vinyl-Schallplatten, Plattenregal und Reinigungsbürste für die Platten kann auch ein Lifestyle sein.
Autor: Michael Stein
Redaktion: Jan Friese
Service Computer ist eine Rubrik in der WDR 5 Sendung Neugier genügt und ist dort jeden ersten Dienstag im Monat zwischen 11.04 Uhr und 12.00 Uhr zu hören.