Olympia als Chance - Wovon Deutschland profitieren kann
02:31 Min.. Verfügbar bis 27.10.2026.
Am Sonntag hatten die Münchnerinnen und Münchner die Wahl. Befürworten sie eine Bewerbung um Olympische Spiele oder nicht? Das Ergebnis: Die Bürgerinnen und Bürger in München haben klar für eine Olympia-Bewerbung ihrer Stadt gestimmt.
Bei dem Referendum entfielen nach ersten Auszählungen rund 62 Prozent der Stimmen auf "Ja", die Wahlbeteiligung lag mit mehr als 39 Prozent höher als bei jedem anderen Bürgerentscheid in der bayerischen Landeshauptstadt. Allein 33,7 Prozent der rund 1,1 Millionen Wahlberechtigten stimmten per Briefwahl ab. "Das ist ein guter Tag für München", sagte Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Der Chef des bayerischen Landessportverbandes, Jörg Ammon, sprach von einem "Traumergebnis".
Hendrik Wüst: NRW ist bereit
"Ganz im olympischen Sinne freue ich mich auf den fairen Wettbewerb um die beste Bewerbung", erklärte NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst und führte aus: "Nordrhein-Westfalen ist bereit für ein großes und zugleich kompaktes olympisches Fest mit neuen Zuschauerrekorden, spektakulären Sportstätten, getragen von den vielen sportbegeisterten Menschen bei uns im Land."
Auch der Landessportbund nimmt das Münchner Eergebnis als Rückenwind für Rhein-Ruhr mit: "Das Ergebnis aus München ist ein erster wichtiger Beleg dafür, dass es sich für alle vier Bewerber lohnt, die Idee voranzutreiben. Deshalb sind wir davon überzeugt, beim Bürgerentscheid im April 2026 ebenfalls die Zustimmung der Menschen an Rhein und Ruhr für eine Bewerbung um die Durchführung der Spiele zu erhalten."
Welche Chancen besitzt Rhein-Ruhr?
Neben Rhein-Ruhr und München sind noch Hamburg und Berlin im Rennen. Alle vier deutschen Bewerber haben Ende September eine erste Prüfung durch den DOSB bestanden. In dieser Prüfung mussten laut LSB NRW die Vorgaben in sechs "objektiv bewertbaren Bereichen" erfüllt werden. Dazu zählten beispielsweise Regelungen zu Reisezeiten oder die Vorgabe, dass 90 Prozent der Wettkampfstätten bestehen müssen oder nur temporär sind.
Die Chancen der Region Rhein-Ruhr sind nach dem Bürgerentscheid schwierig einzuschätzen. In einer WDR-Umfrage aus dem Juni waren gut 60 Prozent dafür. Der LSB spricht auf seiner Webseite von rund 70 Prozent Befürwortern. Auch der DOSB verwies auf ein "ganz demokratisches Verfahren" und die noch ausstehenden Bürgerbeteiligungen der anderen drei Bewerber.
Die bayrische Landeshauptstadt galt jedoch schon vor dem Entscheid als leichter Favorit und nun kann München zusätzlich damit werben, dass dort die Bürger bereits zugestimmt haben, anders als bei den Konkurrenten. Forderungen aus Bayern, den Bewerbungsprozess nun zu Gunsten Münchens abzukürzen, erteilte Otto Fricke als DOSB-Vorsitzender eine Absage: "Wir werden im September 2026 mit allen notwendigen Kriterien das beste Ergebnis küren."
Was spricht für Rhein-Ruhr?
Vor allem die Dichte der Sportstätten sowie deren Ausstattung und Größe. Die Region wirbt mit vielen bereits bestehenden Sportstätten und darüber hinaus mit der bereits gelungenen Austragung von diversen Großevents wie zuletzt den World University Games im Sommer 2025.
Zu den Austragungsorten zählen weltweit Renommierte wie das Gelände des CHIO in Aachen, die Lanxess Arena in Köln oder die Multisportarenen in Düsseldorf und Gelsenkirchen, wo bis zu 60.000 Menschen Platz finden. Das sieht NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst als großes Alleinstellungsmerkmal: "In dieser Breite kann kein anderer deutscher Bewerber solche Kulissen bieten."
Gibt es Austragungsorte außerhalb von NRW?
Elena Lillik beim Kanu-Slalom in Markkleeberg 2024
Ja, gibt es. Insgesamt zwei Schauplätze befinden sich laut Konzept nicht im bevölkerungsreichsten Bundesland. In Kiel sollen die Segelwettbewerbe mangels Möglichkeiten in NRW stattfinden. Im sächsischen Markkleeberg wird auf der dortigen modernen Wildwasseranlage der Kanu-Slalom geplant. Die meisten Wettbewerbe sind erdacht in den drei Großstädten Köln, Düsseldorf und Essen beziehungsweise den anliegenden Randgebieten oder Kommunen.
Welche Kritik gibt es am DOSB-Auswahlverfahren?
Zuletzt wurde deutschlandweit das Auswahlverfahren des DOSB arg bemängelt. Eigentlich hatte man einen innerdeutschen Konkurrenzkampf vermeiden wollen, doch genau diesen gibt es jetzt. "Ich kann nur hoffen, dass es eine Fairness gibt, dass die anderen drei unterlegenen Städte auch die deutsche Bewerbung dann mittragen. Da habe ich aber meine Zweifel", sagte der CDU-Politiker Jens Lehmann. Auch aus Hamburg und Berlin wurde Kritik daran laut, dass man sich nicht vorher auf einen deutschen Kandidaten geeinigt hatte.
Wie steht es um die Kosten der Bewerbung und Austragung?
Der zweite Kritikpunkt betrifft das Geld. Die Kosten mancher Bewerber gehen schon jetzt in den zweistelligen Millionenbereich - ohne zu wissen, ob man erfolgreich sein wird. In Berlin wurde öffentlich, dass das Budget der Bewerbung insgesamt bei circa 6 Millionen Euro liegen soll.
In München wird über ungefähr 6,7 Millionen Euro spekuliert. Dort mit drin ist bereits der ausgeführte Bürgerentscheid. Eine Austragung der Spiele würde dann Milliarden kosten - ob die Einnahmen aus den Spielen diese Kosten wieder ausgleichen, ist zumindest fraglich.
Wieviel Geld gibt NRW zu dem Thema derzeit aus?
Um das Geld für die Bewerbung geht es auch in NRW: Nur wird hierzulande von SPD und FDP bemängelt, dass man zu wenig im Vergleich zur Konkurrenz ausgebe. "Wir brauchen jetzt ein klares Bekenntnis, eine breite Beteiligung der Gesellschaft und vor allem mehr Engagement von der Landesregierung. Sonst verspielen wir diese einmalige Gelegenheit", warnte der sportpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Tülay Durdu.
Aktuell zahlt laut Informationen der Landespolitik-Redaktion des WDR die Landesregierung nur das vom DOSB empfohlene Mindestbudget von 50.000 Euro. 2026 ist dann im Landeshaushalt ein um 27 Millionen Euro höheres Budget für die Sportstättenmodernisierung eingeplant. Explizit werden im Haushaltsentwurf dabei auch Maßnahmen zur Finanzierung einer Olympiabewerbung erwähnt. Wie hoch der finanzielle Anteil der Maßnahmen an den 27 Millionen Euro ist, wird nicht erläutert. Nicht benannt sind ebenso bisher die Kosten für die Bürgerbefragungen.
Lohnen sich Olympische Spiele für die Wirtschaft?
Besonders der Tourismus und die Bauwirtschaft profitieren von Olympischen Spielen, allerdings sind diese Effekte meist auf die Region, in der die Spiele stattfinden, begrenzt und nach kurzer Zeit schon wieder verpufft. Der Blick in die Vergangenheit zeigt: Im Jahr der Spiele steigt das Bruttoinlandsprodukt in der jeweiligen Region um drei bis vier Prozent, sagt der Dortmunder Sportökonom Prof. Dr. Timo Zimmermann, doch: "Zum Geldverdienen taugen Olympische Spiele nicht."
Langfristige wirtschaftliche Effekte gebe es lediglich bei der Infrastruktur und gegebenenfalls beim Wohnungsbau, beobachtet Klaus Wolrabe vom Münchener ifo-Institut. "Wenn viel in die Infrastruktur investiert wird, bleibt das ja auch nach den Olympischen Spielen erhalten, das ist der einzige nachhaltige wirtschaftliche Effekt, den wir erwarten können", so Wolrabe.
Doch nicht alle wirtschaftlichen Auswirkungen lassen sich an konkreten Zahlen festmachen. So können sich Olympische Spiele auch positiv auf das Image einer Stadt oder Region auswirken, das wiederum kann im Wettbewerb um Fachkräfte ein Vorteil sein. "Das ist aber schwer zu bemessen, denn diese langfristigen Effekte lassen sich ja nicht sauber einem Ereignis zuschreiben, sondern da spielen immer mehrere Faktoren eine Rolle", so Prof. Dr. Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle.
Was ist mit dem Punkt Nachhaltigkeit?
Das Thema Nachhaltigkeit spielt unter anderem aus Kosten- und Naturschutzgründen eine große Rolle. Laut LSB NRW seien rund "95 Prozent der Wettkampforte" bereits vorhanden. Bei Neubauten wurde Nachhaltigkeit mitgedacht.
So soll beispielsweise das neu zu erbauende Leichtathletikstadion danach als Wohn- und Gewerbepark weitergenutzt werden und mitten im Olympischen Dorf entstehen. Als Standorte kommen dafür die Städte Essen und Köln in Frage. "Zusammen mit dem Dorf würde damit ein ganz neues Stadtquartier entstehen mit viel Wohnraum, der in den Großstädten sowieso dringend benötigt wird", heißt es auf der Webseite der Olympiabewerbung Rhein-Ruhr.
Wie sieht der weitergehende Zeitplan nun aus?
Der LSB skizzierte auf WDR-Anfrage den Zeitplan der Bewerbung wie folgt: "Der Dialog mit den insgesamt beteiligten 16 Kommunen wird mit Blick auf die Durchführung der NRW-Ratsbürgerentscheide im April 2026 weiter verstärkt." Außerdem solle in Kürze eine "Leading City" ausgewählt werden.
Der 19. April 2026 dürfte ein ganz wichtiger Meilenstein werden - denn sind die angesprochenen Bürgerentscheide laut LSB in "Form eines typischen Wahlsonntages" geplant. Eine einfache Mehrheit müsste sich in allen Kommunen, die beteiligt sind, für die Bewerbung aussprechen. Im Herbst 2026 soll auf einer außerordentlichen Versammlung des DOSB der deutsche Kandidat für das IOC gekürt werden.
Unsere Quellen:
- Konzept zu Olympia an Rhein-Ruhr
- WDR-Anfrage an den LSB NRW
- WDR-Landespolitik-Redaktion
- DPA und SID
- Redaktion "Sport Inside"
- Zeitplan des DOSB zur Olympiabewerbung
- Interview Prof. Dr. Thomas Zimmermann, ISM International School of Manegement GmbH
- Interview Klaus Wolrabe, ifo-Institut
- Interview Prof. Dr. Oliver Holtemöller, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle