Kreisliga-Spiel auf einem Sportplatz in Brandenburg

Gewalt und Rassismus im Amateurfußball: Wie groß ist das Problem?

Stand:

Laut DFB gibt es weniger Gewalt im Amateurfußball. Doch wer auf die Fußballplätze in NRW geht, bekommt oft ein anderes Bild.

"Ich wurde mal mit einer Windel beworfen. Da sage ich: Jetzt reicht es. Oder wenn man bespuckt wird, das ist dann nicht so schön": Was Kevin Freiberger, Rechtsaußen bei RW Ahlen, dem WDR über Gewalt, Diskriminierung und Beleidigungen auf dem Fußballplatz berichtet, ist leider keine Ausnahme. Sondern eine Situation, die viele Amateurkicker erleben.

Man muss nur ein paar Schritte weiter gehen in der Kabine des Oberligisten zu seinem Mitspieler Dominik Limprecht. Der Verteidiger hat in seiner früheren Mannschaft erlebt, wie ein Spiel abgebrochen wurde, nachdem ein Mitspieler rassistisch beleidigt wurde: "Der hatte Tränen in den Augen und ist rausgegangen." Die ganze Mannschaft habe ihn dann begleitet, um ihn zu stärken.

Sogar Kinder würden schlimmste Schimpfwörter rufen

Auch Ahlen-Angreifer Gianluca di Vinti weiß, wovon die beiden reden. Dumme Sprüche, Anfeindungen, unangemessene Äußerungen sind etwas, was offenbar so oft passiert, dass die Spieler schon darauf vorbereitet sind und entsprechende Strategien parat haben. "Man kann nicht darauf eingehen, wenn zehn oder zwanzig Leute von draußen etwas reinrufen und einen beleidigen", sagt di Vinti.

"Man muss sich auf das Spiel konzentrieren und das ausblenden." Was aber bisweilen schwer fällt, sagt Freiberger. Manchmal seien es sogar Kinder, die den Mittelfinger zeigten oder schlimmste Schimpfwörter riefen. "Da sind wir auf dem falschen Weg", so Freiberger.

Leicht sinkende Zahlen, aber "jeder Vorfall ist einer zuviel"

In der vergangenen Saison gab es laut aktuellem DFB-Lagebild 3494 Amateurspiele, in denen Gewalt und/oder Diskriminierung registriert wurde, 829 Spiele mussten abgebrochen werden. Insgesamt finden sich 1,286 Millionen Spiele in den Datenbanken.

Testspiel Rot Weiss Ahlen - FC Schalke 04 am 20.07.2025 im Wersestadion in Ahlen

Mit Windeln beworfen: Ahlen-Spieler Freiberger

Die Zahlen im Vergleich zur Vorsaison sind leicht rückläufig: Neun Prozent weniger Abbrüche, sechs Prozent weniger Gewalt, drei Prozent weniger Diskriminierungsvorfälle. "Die Richtung stimmt, die Anzahl der Vorfälle sinkt weiterhin, leider nur in kleinen Schritten", sagte der zuständige DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann. Aber es bliebe dabei: "Jeder einzelne Vorfall ist einer zu viel", so Zimmermann. "Wir möchten alle aufrufen, auch künftig Vorfälle zu melden, gerade bei Diskriminierungen."

DFB-Auswertung liefert "kein realistisches Bild"

Die Juristin Thaya Vester ist Mitglied mehrerer Projektgruppen und Kommissionen zum Thema "Gewalt und Diskriminierung im Fußball" und sieht es ebenfalls als erfreuliche Nachricht, dass die Zahl der Spielabbrüche gesunken ist. Sie findet allerdings, dass das Lagebild des DFB "nicht so aussagekräftig ist, um wirklich ein realistisches Bild zu liefern, was auf dem Amateurplätzen los ist".

Kriminologin Thaya Vester bei der Verleihung der Fair-Play-Medaille des DFB

Kriminologin Vester: DFB hat nur "oberflächlich" abgefragt

Viele Vorfälle würden laut Vester gar nicht gemeldet und protokolliert. Laut den Statistiken des Lagebilds müsse man im Schnitt 500 Spiele besuchen, bis man auf eine diskriminierende Äußerung stoße. Eine Zahl, die Vester anzweifelt: "Gehen Sie zu einem Spiel, bei dem eine Frau pfeift, und Sie haben ihren Diskriminierungsvorfall."

Auch bei Jugendspielen wird es aggressiv

Zudem bemängelt Vester die "sehr oberflächliche Abfrage" in der DFB-Statistik: "Es wird einfach nur gefragt: War dieses Spiel gewaltbelastet, ja oder nein?" War es eine Ohrfeige, eine Auseinandersetzung zwischen zwei einzelnen Spielern, gar eine Massenschlägerei? Gab es einen Vorfall in dem Spiel oder mehrere? All das werde nicht erfasst, so Vester: "Und das ist ja dann doch ein qualitativer Unterschied." So sei es schwieriger, die Entwicklung über die Jahre nachzuvollziehen.

Auch Axel Zimmermann sieht keinen Trend zum Besseren. Er ist Vorsitzender des Bochumer Fußballkreisverbandes und hat dort auch bei Jugendspielen eine Zunahme an Gewalt beobachtet. "Wobei die Aggressionen in der Regel nicht von den Spielern, sondern von Betreuern oder Zuschauern ausgehen", sagte er dem WDR. Neulich hätte sogar ein Spiel einer Mädchenmannschaft abgebrochen werden müssen. "Dabei hatte ich immer gedacht, dass da nie etwas passieren würde", so Zimmermann.

Forderung nach härteren Strafen und besserer Trainerausbildung

Amateur-Fußballspiel bei Flutlicht

Ärger beim Fußball: "Feuer" kommt oft von außen

Was also tun? Ahlen-Verteidiger Limprecht fordert härtere Strafen für Zuschauer, die sich krass daneben benehmen: "Ein Rausschmiss aus dem Stadion ist da nicht genug." Sinan Satilmis ist dafür, die Probleme nach Möglichkeit aktiv anzugehen, bevor sie entstehen. Er ist Stürmer bei der Spielvereinigung Odenkirchen und als Schiedsrichter aktiv. Als solcher hat er auch schon mal Jugendspiele unterbrochen, um aggressive Eltern am Spielfeldrand zur Räson zu rufen. Er ist sich sicher: "Viel Ärger wäre vermeidbar, wenn von außen kein Feuer reinkommen würde."

Doch nicht nur die Zuschauer, auch die Verantwortlichen der Teams sieht er in der Pflicht. "Viele Trainer und Betreuer sind sozial nicht so gut geschult und bringen teilweise Aggessionen in die Spiele, indem sie ihre Spieler aufwiegeln", sagte er dem WDR. Als Trainer habe man aber inzwischen auch die "Rolle eines Social Workers". Satilmis plädiert dafür, diesen Aspekt in der Trainerausbildung zu berücksichtigen: "Das müsste man verstärkt schulen, den Umgang mit verschiedenen Charakteren. Damit die Trainer eher beruhigen als anstacheln."

Unsere Quellen:

  • Nachrichtenagenturen dpa, SID
  • "Lagebild Amateurfußball" des DFB
  • WDR-Interviews mit Spielern des RW Ahlen
  • Interview mit Thaya Vester im WDR 5 "Morgenecho"
  • Sportschau-Bericht: Gewalt im Amateurfußball


Weitere Fußball-Berichte

1 / 2