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Eskalation im Jugendfußball: Wie kann man sie verhindern?

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Übermotivierte Eltern, überehrgeizige Trainer: Im Jugendfußball eskalieren immer wieder Spiele. Zuletzt etwa bei einem F-Jugend-Spiel in Siegen. Wie lässt sich das verhindern? Ein Fußballdozent aus Köln im Interview.

Ende März spielte in Siegen die F-Jugend des SV Gosenbach gegen die des SSV Sohlbach/Buchen, und dabei passierte leider das, was viel zu oft auf den Fußballplätzen im Land passiert: Die Situation eskalierte. Trainer und zuschauende Eltern fingen an, sich zu beschimpfen, auch die sieben- und achtjährigen Spieler wurden angegangen. Das Spiel wurde abgebrochen und wird am Montag nachgeholt.

Dabei hat das Kreissportgericht Siegen-Wittgenstein besondere Maßnahmen zu "Erziehungszwecken" beschlossen. Eltern als Zuschauer sind nicht erlaubt, und auch die Trainer der beiden Teams müssen Abstand halten und dürfen nicht eingreifen. Stattdessen coachen zwei Jugendtrainer, die der Kreis zum Spiel beordert hat, und sollen vormachen, wie man sich richtig verhält.

Jugend-Fußball-Spiel ohne Trainer

WDR Studios NRW 30.06.2025 03:38 Min. Verfügbar bis 30.06.2027 WDR Online

Köln, 16.08.2016. Ein öffentliches Training der Profimannschaft des 1. FC Köln auf dem Trainingsplatz neben dem Geißbockheim im Kölner Grüngürtel.

Nicht alle Zuschauer können sich benehmen

Spielabbrüche bei Amateur-Fußballspielen sind keine Seltenheit. In der Saison 2023/24 wurden laut DFB-Statistiken 909 Spiele abgebrochen, weil die Situation eskalierte und es zu Gewalt- und Diskriminierungsvorfällen kam. Darunter waren 76 Spiele von Mannschaften der E-, F- und G-Junioren - also mit Kindern auf dem Spielfeld, die elf Jahre und jünger waren.

Prozentual gesehen wurden 0,07 Prozent aller beim DFB registrierten Spiele abgebrochen. Im Vergleich zur Vorsaison waren die Zahlen leicht gesunken. "Die Richtung stimmt und es scheint so, als habe sich die Lage ein wenig entspannt, aber wir dürfen in unserem Wirken nicht nachlassen", sagt der 1. DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann bei der Präsentation der aktuellen Zahlen im August 2024.

Sebastian Schwab ist Fußballdozent an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Er forscht unter anderem zum Thema Kinder- und Jugendfußball. Wir haben mit ihm über den aktuellen Fall gesprochen.

WDR: Herr Schwab, wie kommt es ihrer Erfahrung nach zu einer solchen Eskalation bei einem harmlosen F-Jugend-Spiel?

Sebastian Schwab

Sebastian Schwab

Sebastian Schwab: Eigentlich ist das mit gesundem Menschenverstand nicht nachzuvollziehen. Aber häufig geht die Störung bei einem solchen Jugendspiel von den Eltern aus. Oft sind Kleinigkeiten der Auslöser und das schaukelt sich dann hoch: zum Beispiel, ob der Ball im Aus war oder nicht oder Konflikte zwischen Spielern, wo Eltern dann plötzlich überzeugt sind, sich einmischen zu müssen.

Manchmal geht es auch um eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters, wegen der ein Vater dann verbal um sich schlägt: gegen den Schiedsrichter oder gegen andere Eltern.

WDR: Sind das immer wieder dieselben Eltern, die auffällig werden? Oder vielleicht ein bestimmter Persönlichkeitstyp?

Schwab: In der Regel geht das von Männern aus, von Frauen eher nicht. Mehr kann man über die Täter kaum sagen. So ein Verhalten tritt in allen sozialen Schichten auf, in allen Personengruppen, in allen Nationalitäten.

WDR: Man hat das Gefühl, dass Eltern heute den Sport ihrer Kinder wichtiger nehmen als noch die Generationen davor. Gibt es vielleicht ein problematisches "Überengagement"?

Schwab: In Einzelfällen vielleicht ja. Aber als Trainer finde ich es natürlich toll, wenn ich viele engagierte Eltern habe. Ich muss natürlich einige grundsätzliche Grenzen ziehen und diese gut kommunizieren. Zum Beispiel, dass ich als Trainer für alles verantwortlich bin, was auf dem Platz passiert. Ich mache die Aufstellung, ich wechsle Spieler aus und treffe die sportlichen Entscheidungen.

Die Eltern sind dafür verantwortlich, ihre Kinder zum Training zu fahren, eventuell die Mannschaft bei Auswärtsspielen zu begleiten. Und natürlich dürfen und sollen die Eltern ihre Kinder während des Spiels positiv motivieren. Aber mit den sportlichen Entscheidungen sollten Eltern nichts zu tun haben.

WDR: Wie kann man solche Eskalationen verhindern?

Schwab: Letztendlich geht das nur über Prävention. Auf Elternabenden oder Infoveranstaltungen müssen die geltenden Verhaltensregeln für Zuschauer klar kommuniziert werden. Manchmal helfen auch Hinweisschilder auf den Sportplätzen, die ganz deutlich darauf hinweisen, dass es hier um Fußball geht, dass die Kinder vor allem Spaß haben sollen. Also: Es braucht eine Menge Aufklärungsarbeit, anders lässt sich das nicht unter Kontrolle bringen.

WDR: Können solche Sanktionen, wie sie jetzt das Sportgericht für das Spiel in Siegen verhängt hat, auch helfen?

Schwab: Wir reden hier ja über Kinder, die eigentlich nur Fußball spielen wollen. Für sie ist es ja eigentlich schön, wenn ihre Eltern beim Spiel dabei sind und sie anfeuern können. Dass sie jetzt auf diese Motivation verzichten müssen, zeigt die ganze Absurdität des Vorfalls. Wenn es bei den Eltern, die an dem Tumult beteiligt waren, jetzt nicht "klick" macht, dann ist ihnen wirklich nicht zu helfen.

Die Fragen stellten Ingo Neumayer und Andreas Poulakos.

Unsere Quellen:


Über dieses Thema berichtet der WDR am 30.06.2025 auch im Hörfunk: "Der Nachmittag" um 15 Uhr bei WDR2.

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