Schüler sprechen mit Holocaust-Zeitzeugen in Lünen
WDR. 02:39 Min.. Verfügbar bis 11.03.2037.
Im Kinosaal herrscht gebannte Ruhe. Die Blicke sind nach vorne gerichtet. Doch auf der Leinwand wird nicht etwa der neueste Blockbuster gezeigt, sondern Fotos. Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg. In einem Sessel vor der Leinwand sitzt Bert Woudstra. 94 Jahre alt und Überlebender des Holocausts. Ihm gegenüber: über 270 Menschen, der Großteil von ihnen Schülerinnen und Schüler.
Vater im Holocaust getötet
Woudstra ist hierher gekommen, um von seiner Kindheit zu erzählen. "Das hier ist 'Opa erzählt aus der Vergangenheit'", sagt er. Woudstra ist 1932 als zweiter Sohn einer jüdischen Familie in Enschede geboren. Seine Mutter war Deutsche, sein Vater Niederländer. "Mach dir keine Sorgen, in einer Woche bin ich zu Hause", habe Bert Woudstras Vater bei seiner Verhaftung zu seinem Sohn gesagt. Doch er hat den Holocaust nicht überlebt - genau so wie 23 andere Familienmitglieder.
Bert Woudstra im Interview:
Über Jahre waren Woudstra, seine Mutter und sein Bruder auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. "Ich habe gelernt, was Hass ist", sagt der Zeitzeuge an die Schüler gewandt. "Wenn ihr heute mitnehmt, dass Hass etwas Schreckliches ist, bin ich sehr froh, wenn ihr das für euer Leben behaltet."
Große Nachfrage nach Veranstaltung mit Bert Woudstra
Die Nachfrage nach Plätzen für das Gespräch mit dem Zeitzeugen sei riesig gewesen, sagt Ümithan Yağmur vom "Forum Jugend". Gemeinsam mit der Wahlliste "Vielfalt für Lünen" hat der Verein die Veranstaltung ins Leben gerufen. Zu Lünen hat Bert Woudstra eine besondere Verbindung: Sein Onkel habe viele Jahre hier gelebt.
Ümithan Yağmur kennt Bert Woudstra seit vielen Jahren.
Woudstras Geschichte trägt den Titel "13 Türen". In 13 verschiedenen Häusern durfte er sich verstecken - getrennt von seiner Familie. "Ich hatte nur ein Buch dabei, das war mein Freund. Und einen Teddybär", erinnert er sich. "Das waren die zwei Sachen von zu Hause, die mich am Leben gehalten haben." Als er nach der Befreiung Enschedes im April 1945 zurückkehrt, ist von seinem Zuhause kaum noch etwas übrig. Aber: Seine Mutter und sein Bruder haben überlebt.
Junge Generation soll Demokratie schützen
"Nie wieder ist jetzt." Unter diesem Motto steht das Gespräch von Bert Woudstra mit den Schülerinnen und Schülern. Im Anschluss an seinen Vortrag haben diese die Chance, Fragen zu stellen.
Was möchte der Zeitzeuge der jungen Generation mitgeben? Dass sie die Demokratie und ihre Freiheit schätzen und schützen sollten, sagt er. Die politischen Entwicklungen in der Welt würden im Angst machen. "Ich sehe das zurückkehren und bin ängstlich für meine Kinder, Enkelkinder und euch alle."
Einer erster Schritt sei, schon im Kleinen liebevoll miteinander umzugehen. "Ich respektiere jede Religion. Meine eigene Religion ist nicht die jüdische - ich bin Humanist", sagt Woudstra. "Am Ende des Krieges habe ich gedacht: Gibt es einen Gott, der so etwas zulässt? Ich habe gelernt, Gott ist der Name für Liebe zwischen Menschen."
Zeitzeuge beeindruckt Schüler
Dass er inzwischen so offen über seine Geschichte sprechen könne, habe Woudstra auch einer Therapie als Erwachsener zu verdanken. Von dieser Offenheit sind auch die Schüler beeindruckt. "Es war sehr hart mit anzusehen. Aber auch ein tolles Erlebnis, dass wir jemanden haben, der uns das erzählen kann", sagt Schülerin Melek Günes. "Es war sehr schön, aber auch sehr emotional."
Melek Günes und Jule Stenzel hat Bert Woudstras Geschichte sehr gerührt.
Für sein Engagement in der Erinnerungskultur hat Woudstra 2021 sogar das Bundesverdienstkreuz am Bande bekommen. In Lünen wird er später am Nachmittag mit den Jugendlichen Stolpersteine putzen. Gegen das Vergessen. Oder um es mit seinen Worten zu sagen: "Ich bin die Vergangenheit, ihr seid die Zukunft."
Unsere Quellen:
- Zeitzeuge Bert Woudstra
- Ümithan Yağmur, "Forum Jugend"
- Eindrücke der Schülerinnen und Schüler
- WDR-Reporterin vor Ort
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Dortmund, 08.05.2026, 19:30 Uhr
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