Ein Bild einer Photovoltaik-Anlage

Heinsbergs Prestige-Projekt scheitert: Photovoltaikanlage kommt nicht

Stand:

Es hätte ein Vorzeigeprojekt für den Solarausbau werden können. Doch die geplante Photovoltaikanlage im Kreis Heinsberg ist abgesagt. Der Kreis verweist auf zu wenig Rendite, zu viele Vorgaben.

Von Nina Magoley

Ambitionierte Ziele hat die Landesregierung beim Ausbau der Erneuerbaren Energien: Bis 2030 will sie die hierzulande produzierte Solarenergie durch Photovoltaik "mehr als zu verdoppeln". Das hatte NRW-Energieministerin Mona Neubaur (Grüne) noch im Oktober verkündet. Vor allem der Bau von Anlagen auf Freiflächen solle verstärkt gefördert werden - mit 10 Millionen Euro.

Denn: "Aktuell ist Freiflächen-Photovoltaik die günstigste Stromerzeugungsart in Deutschland", schwärmte Neubaur damals, die Förderung dafür sei "ein starkes Signal für den weiteren Aufschwung der Solarenergie in Nordrhein-Westfalen". Unternehmen erhielten damit die Möglichkeit, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

Noch vor wenigen Wochen hatte Neubaur auf WDR-Anfrage erklärt, sich "für den verstärkten Ausbau von PV-Anlagen auf Freiflächen" einzusetzen.

Größte Freiflächen-Anlage NRWs

Beispielhaft hätte die geplante Photovoltaik-Anlage im Kreis Heinsberg werden können. Hier, auf der ehemaligen Mülldeponie in Wassenberg-Rothenbach, sollte eigentlich die größte Anlage in NRW auf freier Fläche entstehen. Groß wie 33 Fußballfelder, mit einer Leistung von bis zu 16 Megawatt.

Doch das Projekt scheint gescheitert. Vor knapp zwei Wochen hatten die Grünen im Kreis Heinsberg nachgefragt, wann denn mit dem Baubeginn zu rechnen sei. Die ernüchternde Antwort der Kreisverwaltung: Schon im vergangenen Jahr hätten die bisherigen Partner NEW Re und BMR - zwei private Unternehmen - mitgeteilt, die Riesen-Solaranlage aus wirtschaftlichen Gründen nicht weiterverfolgen zu wollen.

Die Rendite sei zu gering: Sie liege mittlerweile nur bei rund 3,8 Prozent, lohnen würde es sich aber erst ab sechs Prozent.

Keine Photovoltaikanlage in Heinsberg

WDR Studios NRW 02.04.2026 02:27 Min. Verfügbar bis 01.04.2028 WDR Online

Keinen anderen privaten Partner gefunden

Geplant wurde das Projekt schon seit Jahren - doch offenbar ist jetzt erst aufgefallen, dass diese Anlage mit Zusatzkosten verbunden wäre: Zum einen, weil der Bau auf einer Mülldeponie besonders aufwändig ist. Zum anderen, weil der Anschlusspunkt an das Stromnetz einige Kilometer entfernt liegt.

Ortseingangsschild Wassenberg

Keine PV-Anlage im idyllischen Wassenberg

Hinzu komme: Um die eigentlich eingeplante staatliche Förderung der Bundesnetzagentur zu bekommen, ist die Anlage in Wassendorf offenbar zu teuer. Neuen Regelungen für Ausschreibungen bei Erneuerbaren Energien (EEG) begünstigen die Projekte, die am wenigsten kosten.

Das alles zusammen habe dazu geführt, dass man das Projekt als nicht mehr wirtschaftlich betrachte, erläutert ein Sprecher des Kreises Heinsberg.

Auch die Option, einen anderer privater Großabnehmer für den Solarstrom von der PV-Großanlage zu überzeugen zu locken, sei gescheitert, heißt es im einem Protokoll der letzten Ausschusssitzung in Heinsberg. Der Markt sei aufgrund der "unklaren politischen Lage momentan äußerst schwierig". Derzeit sei kein Abnehmer bereit, langfristige Verträge zu schließen.

Ministerin Neubaur sauer

Mona Neubaur, Stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen

Will Freiflächen-PV fördern: Ministerin Neubaur

NRW-Energieministerin Neubaur zeigt sich verärgert über die vom Bund festgelegten EEG-Regularien: "Während wir in Nordrhein-Westfalen den Ausbau mit Tempo voranbringen, bremst der Bund an entscheidenden Stellen noch immer aus", erklärte sie am Donnerstag auf WDR-Anfrage. "Wer jetzt noch Hürden aufbaut statt abzubauen, handelt gegen unsere wirtschaftlichen Interessen und gegen die Sicherheit unseres Landes."

Bei Projekten mit Freiflächen-Photovoltaik herrsche aktuell ein starker Wettbewerb, erklärt das Ministerium. Die "deutlich überzeichnete Ausschreibungen" bei der Bundesnetzagentur zeigten das. Dadurch würden zwar Stromkosten für Verbraucher sinken. Gleichzeitig seien aber die wirtschaftlichen Renditen einzelner Projekte "relativ gering, sodass sich nur Vorhaben mit sehr guten Rahmenbedingungen durchsetzen".

Das Wirtschaftsministerium setze sich beim Bund dafür ein, dass mit der anstehenden Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes die Rahmenbedingungen für Freiflächen-Photovoltaik weiterentwickelt werden.

Grüne überrascht und enttäuscht

Als herbe Enttäuschung bezeichnet Ruth Seidel, stellvertretende Vorsitzende der Grünen im Kreis Heinsberg, die - für die Grünen völlig überraschende - Absage nach Jahren der Gespräche: "Die Photovoltaikanlage sollte ein Leuchtturmprojekt für den Kreis werden", sagt sie. 12.000 Haushalte sollte sie mit Strom versorgen - mehr, als Wassenberg Einwohner hat.

Dass es gar keine andere Lösung für die Umsetzung geben soll, wollten die Grünen nicht hinnehmen, sagt Seidel. Man müsse weiter forschen: "Welche Fördermittel gäbe es noch? Könnte man Geld beim Land leihen?". Zumal in den Nachbargemeinden Erkelenz und Hückelhoven gerade Photovoltaikanlagen gebaut würden.

Als nächstes wolle ihre Partei in Düsseldorf anrufen: "Wir möchten mit Ministerin Neubaur über mögliche Lösungen sprechen", so Seidel. "Man kann nicht nur an den Bund verweisen, wenn NRW doch bei den Erneuerbaren Energien nach vorne will."

Bund setzt auf Freiflächen-Anlagen

Hintergrund: Die Bundesregierung hat das Ziel ausgegeben, dass die Hälfte neu zu bauender Solarzellen auf Freiflächen entstehen soll. Weil solche Anlagen größer und leichter zu installieren sind als Dachanlagen, ist der Strom aus Freiflächen-Solarzellen meistens besonders günstig.

In NRW ist man vom 50-Prozent-Ziel aber noch weit entfernt: 2025 betrug der Anteil der Freiflächen-Anlagen erst 19 Prozent. Der weitaus größte Teil aller Solaranlagen in NRW befindet sich auf Dächern.

Im bundesweiten Vergleich liegt NRW bei der Solarenergie auf Platz drei hinter Bayern und Baden-Württemberg. Der Neubau von Solaranlagen ist 2025 etwas langsamer vorangekommen als noch in den beiden Jahren zuvor, liegt aber weiter auf relativ hohem Niveau.

Unsere Quellen:

  • Protokoll der Sitzung des Umweltausschusses beim Kreis Heinsberg
  • Anfrage der Grünen Fraktion im Kreis Heinsberg
  • Interview Ruth Seidel, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Kreis Heinsberg
  • Stellungnahme und Pressemeldung aus dem NRW-Energieministerium
  • Sprecher Kreis Heinsberg

Sendung: WDR 5, Mittagsecho, 02.04.2026, 13:00 Uhr

Weitere Beiträge zur Politik in NRW

1 / 2