Zwei Polizistinnen in Zivil stehen vor einer Schulklasse

Mögliche Trendwende Messergewalt an Schulen in NRW geht zurück

Stand:

Das Land hat die Gewaltprävention an Schulen gestärkt. Ein Pilotprojekt, bei dem Polizei in den Unterricht geht, kommt gut an.

"Ich habe neu gelernt, dass man beim Schubsen auch eine Straftat begeht", erzählt Jule Franken nach ihrer ersten Unterrichtsstunde mit zwei Frauen von der Kriminalpolizei. Die Zwölfjährige besucht die Klasse 7a der Realschule Volksgarten in Mönchengladbach. Jule und ihre Mitschüler sollen in zwei Stunden viel lernen: Über die Polizei allgemein, über Gewalt und drohende Strafen, über den eigenen Schutz, um nicht Opfer zu werden, über Notwehr.

Das sei viel, räumt Kriminalhauptkommissarin Melanie Boscheinen ein. Sie und ihre Kollegin Kira Königs arbeiten für die Kriminalprävention/Opferschutz. Die wichtigste Message sei, Gewalt zu erkennen, einzuordnen und zu lernen, wie man für sich und andere handeln können.

Neue Gewaltprävention läuft seit den Herbstferien

Bei der 7a kommt das an, viele machen intensiv mit. Die Schule im Mönchengladbach gehört zu den landesweit 20 weiterführenden Schulen in NRW, die am Pilotprojekt für eine gewaltfreie Schule teilnehmen. Das besteht aus drei Säulen: der Unterrichtseinheit bei Siebtklässlern, einer Lehrkräftefortbildung und Pausenhofgesprächen. Die haben schon im Herbst stattgefunden.

Gewalt an Schulen zurückgegangen

WDR Studios NRW 24.04.2026 00:54 Min. Verfügbar bis 23.04.2028 WDR Online

Mit der Polizei sprechen - coole Sache

Schüler und eine Polizistin in einer Schule in Mönchengladbach

Die Mönchengladbacher Polizei arbeitet mit Schülern und Lehrern zusammen

Zweimal die Woche stellten sich Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte dabei in Uniform zum Gespräch. Atakan Erdik fand das zunächst komisch. Es habe sich angefühlt, als ob sie etwas gemacht hätten und jetzt die Polizei zum Aufpassen käme, erzählt der Zehntklässler rückblickend. Aber die Gespräche fand Atakan cool. Er habe dadurch gelernt, wie er sich in brenzligen Situationen verhalten müsse, auch Zivilcourage zu haben.

Straftaten an NRW-Schulen gehen zurück

Die Mönchengladbacher Realschule macht schon seit Jahren viel zur Gewaltprävention und hat deshalb nach Angaben von Schulleiter Niza Devrim wenig Probleme. Und auch in NRW insgesamt gibt es zumindest eine Trendwende: Während auf Bundesebene Gewalttaten bei Kinder und Jugendlichen weiter zugenommen haben, konnte NRW den Anstieg stoppen, besonders an Schulen. Laut Polizeistatistik gab es im vergangenen Jahr bei Straftaten im Zusammenhang mit dem Unterrichtsgeschehen einen Rückgang um 16 Prozent.

Weniger Messer im Schulalltag, mehr auf dem Gelände seit 2019

Noch deutlicher gingen Straftaten mit Messern beziehungsweise Stichwaffen, wie es offiziell in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) heißt, zurück. Das geht aus Daten hervor, die dem WDR aus dem NRW-Innenministerium vorliegen. 2025 wurden während schulischer Veranstaltungen 150 Messer-Straftaten gezählt – ein Viertel weniger als im Jahr zuvor und auch weniger als vor der Corona-Pandemie.

Allerdings gibt es seit 2019 deutlich mehr Messer-Delikte, die auf dem Schulgelände passieren, also zum Beispiel außerhalb des Unterrichts. Hier sind die Fälle im Vergleich zu 2019 um 37 Prozent gestiegen. Immerhin: Zuletzt gab es auch hier einen leichten Rückgang.

Gewalt gegen Lehrkräfte nimmt bundesweit zu - in NRW ab

Bundesweit sind Lehrkräfte immer öfter leichter Körperverletzung oder auch anderen Gewalttaten ausgesetzt. Nach aktuellen Zahlen des Bundeskriminalamtes (BKA) haben sich diese Fälle seit 2015 fast verdoppelt. In NRW dagegen wurden zuletzt weniger Lehrkräfte Opfer von Gewalt. Laut PKS gab es von 2024 auf 2025 einen Rückgang um 17 Prozent.

An der Mönchengladbacher Realschule geht es nach Aussagen des Schulleiters ziemlich friedlich zu. Aber Beleidigungen durch Schüler oder auch mal Eltern gebe es auch, erzählt Sonderpädagogin Anna Enseling. Sie fand es deshalb schade, dass es für die Lehrkräfte im Rahmen des neuen Polizei-Projektes nur eine Infoveranstaltung gab und kein echtes Deeskalationstraining. Sie würde sich außerdem den Ausbau des Projektes wünschen, auch für jüngere Klassen:

"Weil wir erleben, dass die Schüler auch immer früher mit Gewalterfahrungen in die Schule kommen, beziehungsweise einfach auch gerade die verbale Gewalt, die Übergriffigkeit zunimmt, weil sie halt einfach keine Grenzen kennenlernen." Anna Enseling, Sonderpädagogin in Mönchengladbach.

Eltern sollten einbezogen werden

Nachdem jetzt alle vier siebten Klassen an der Realschule die Unterrichtseinheit zur Gewaltprävention hatten, haben Schulleitung und Kripo-Polizistinnen eine erste Auswertung gemacht. Die fällt sehr positiv aus.

Ein Polizist steht in einer Schulklasse

Polizeihauptkommissar André Quintaba in einer Schulklasse

Allerdings: Bisher sind die Eltern nicht Teil des Projekts. Die seien zwar informiert worden, sagt Schulleiter Niza Devrim. Aber es wäre sicherlich sinnvoll, sie stärker einzubeziehen. "Da vieles außerhalb der Schule stattfindet, sprich sehr viel in Social Media und da haben wir natürlich einen sehr geringen Einfluss", so der Schulleiter. Auch die Polizistinnen überlegen deshalb, wie und ob man eine Veranstaltung für die Eltern künftig mit ins Projekt nehmen sollte.

Ausweitung des Projekts noch unklar

Wie es mit dem Projekt insgesamt weitergehen wird, ist ohnehin noch nicht entschieden. Erst zum Ende des Schuljahres sei eine Gesamtevaluation geplant, so das Innen- und Schulministerium in einer gemeinsamen Stellungnahme gegenüber dem WDR. Erste Rückmeldungen seien sehr positiv und weitere Schulen hätten Interesse bekundet, sich an dem Kooperationsprojekt mit der Polizei zu beteiligen.

In Mönchengladbach sind es derzeit zwei weiterführende Schulen. Eine Ausweitung auf alle Schulen hält der Leiter der Gefahrenabwehr, Polizeioberrat Stephan Sieben allerdings für unrealistisch und verweist auf den personellen und planerischen Aufwand. Bei den Schulen müsste Platz im Stundenplan geschaffen werden. Dazu komme die Zeit, die die Polizei an der Schule verbringe, so Sieben.

Unsere Quellen:

  • Schulministerium NRW
  • Innenministerium NRW
  • Polizeipräsidium Mönchengladbach
  • Polizeiliche Kriminalstatistik NRW 2025
  • Bundeskriminalamt
  • WDR-Reporterin vor Ort
  • Eigene Recherchen

Sendung: WDR.de, Schulen: Weniger Messergewalt in NRW, 24.04.2026, 14:00 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Westpol, 26.04.2026, 19.30 Uhr

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