Zunehmende Queerfeindlichkeit

Westpol 17.05.2026 10:56 Min. UT DGS Verfügbar bis 17.05.2031 WDR

Drohungen vor allem von Rechtsextremen

Mehr queerfeindliche Straftaten in NRW

Stand:

Am heutigen internationalen Tag gegen Queerfeindlichkeit wird weltweit gegen Ausgrenzung demonstriert. Queere Menschen in NRW erleben immer öfter Gewalt und Anfeindungen. 284 Straftaten gab es 2025, ein neuer Höchststand. Gerade von extrem rechter Seite nehmen Straftaten zu.

Von
Cedrik Pelka
und Jonas Helm

Es ist Neujahr. In Anne Selmers Briefkasten liegt ein Zettel, ohne Absender. Sie öffnet ihn und bekommt erstmal einen Schreck, wie sie erzählt. Im Brief stehen solche Sätze: "Sollen dich doch die Migranten Freunde im Dunkeln abstechen, dann pissen wir noch auf dich, wenn du verreckst". Anne Selmer ist eine Transfrau und Mitorganisatorin des Christopher-Street-Days (CSD) in Euskirchen. Sie liest weiter: "Keiner will deine Meinung hören, weil die Transenscheiße niemanden interessiert, du UNTERMENSCH". Unterschrieben ist der Brief mit: "SIEG HEIL."

Morddrohungen, Transphobie, menschenverachtende Aussagen. Selmer weiß nicht, wer den Brief geschrieben hat. Der Schock verfliegt aber bald wieder. "Es ist nicht meine erste Drohung", sagt die 47-Jährige fast beiläufig. Sie will dem Brief nicht zu viel Raum in ihrem Leben geben.

Straftaten verzehnfacht

In den vergangenen sieben Jahren haben sich queerfeindliche Straftaten in NRW fast verzehnfacht. 2025 gab es insgesamt 284 Straftaten. Davon wurden 110 Straftaten aus dem Phänomenbereich Rechts begangen. Erst vor wenigen Wochen wurde eine Jugendeinrichtung in Mönchengladbach mit Hakenkreuzen beschmiert und eine Scheibe eingeschlagen.

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Drohung gegen Euskichener CSD

Was Drohungen bedeuten, erlebte an diesem Wochenende auch der Euskirchener CSD. Menschen feiern, es ist bunt, verschiedene Musikgruppen spielen. Alle, die gekommen sind, wollen für die Rechte queerer Menschen und für eine diverse Gesellschaft einstehen. Verschiedene Organisationen haben Stände aufgebaut.

Viel Polizeipräsenz beim CSD in Euskirchen. | Bildquelle: WDR/Cedrik Pelka

Später ziehen über 500 Menschen in einer Parade durch die Stadt. Das alles passiert einen Tag vor dem internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit, der jedes Jahr am 17. Mai begangen wird.

Doch gleichzeitig stehen überall Polizeiwagen. Es gibt mehr Ordner in diesem Jahr und Autos versperren die Zufahrtswege zum zentralen Klosterplatz. Denn im Vorfeld hat es im Internet Drohungen gegeben, den CSD zu stören. Das hatte eine Gruppe in den Sozialen Netzwerken angekündigt. Viel konkreter wurde es nicht. Die Gruppe "Badmünstereifel_verteidigen" benutzte rechtsextreme Symbole in ihrem Profilbild.

Winfried Kubitza-Simons beim CSD in Euskirchen | Bildquelle: WDR/Cedrik Pelka

Der Account und die Postings wurden zwar wieder gelöscht, doch die Unsicherheit vor Ort beim CSD blieb. In fast jeder Rede ist die Bedrohung ein Thema. "Wir lassen uns davon nicht einschüchtern", sagt Winfried Kubitza-Simons, der den CSD hauptverantwortlich organisiert. Man sei die ganze Zeit im Kontakt mit Polizei und Staatsschutz. Tatsächlich tauchen später vier junge Männer auf, die eine Deutschlandfahne dabei haben und offensichtlich nicht an der bunten Veranstaltung teilnehmen wollen. Sofort nimmt die Polizei ihre Personalien auf, nach nur wenigen Minuten sind sie weg.

Mehr queerfeindliche Straftaten in NRW

WDR Studios NRW 17.05.2026 00:58 Min. Verfügbar bis 16.05.2028 WDR Online

Razzien gegen rechsextreme Jugendgruppen

Dass es Drohungen und Störaktionen gegen CSDs gibt, ist nicht ganz neu. Seit Mitte 2024 gründen sich rechtsextreme Jugendgruppen, die gezielt bei Kundgebungen und Paraden stören. In Dortmund kamen vor zwei Jahren 50 Personen, meist Rechtsextreme, zusammen, um Teilnehmende einzuschüchtern. In Soest hat ein Mann vergangenes Jahr mehrere Teilnehmende angegriffen und in Mönchengladbach riefen 17 Protestanten rechtsextreme Parolen. Viele waren noch minderjährig.

"Wir schauen mit Sorge auf die anstehende CSD Saison", sagt Benjamin Kinkel, Geschäftsführer des Queeren Netzwerk NRW. Er warnt, dass Straftaten auch abseits der Veranstaltungen häufiger vorkommen.

"Wir sehen einen Anstieg gerade bei der Hasskriminalität", sagt die Gleichstellungsministerin Verena Schäffer (Grüne) im WDR-Interview. Gerade junge Rechtsextreme würden das Thema nutzen, "um zu mobilisieren, um sich zu vernetzen."

Teilweise sind sie so gefährlich, dass der Generalbundesanwalt gegen sie ermittelt. Vergangene Woche gab es bundesweite Razzien gegen Mitglieder von "Jung & Stark" und "Deutsche Jugend voran". Ihnen wird die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Einzelne Mitglieder sollen Menschen angegriffen und verletzt haben. Die Ermittlungen laufen noch. Diese Gruppen haben sich vor allem über die Sozialen Medien zusammengefunden und sich oft erst bei Störaktionen persönlich kennengelernt.

Angriffe gehören zum Alltag

Transfrau Marina aus Duisburg erlebt regelmäßig Angriffe | Bildquelle: WDR

Auch Marina erlebt mehr Anfeindungen. Vor anderthalb Jahren hat sich die Duisburgerin als Frau geoutet. Vor zwei Wochen saß sie im Bus auf dem Weg zum Feiern. Als sie ausstieg, folgen ihr zwei junge Männer. "Sie sind demonstrativ ganz dicht hinter mir hergelaufen und haben mir hinterhergepfiffen und Äußerungen getätigt." Marina bekam Angst. Seitdem meidet sie abends den ÖPNV komplett.

Unterstützung bekommt sie in der Selbsthilfegruppe von Isabell. Sie ist auch eine Transfrau. Anfeindungen gehören zu ihrem Leben ebenfalls dazu. Auch die 44-Jährige hat das vor einigen Jahren im Bus erleben müssen. Erst wurde sie von drei Männern beleidigt. Dann gehen sie auf Isabell los. "Ich musste Pfefferspray einsetzen", erzählt sie. Sie habe Jahre gebraucht, um das zu verarbeiten. Doch mittlerweile sei sie selbstbewusster. Die Selbsthilfegruppe sei "eine starke Motivation". Sie kann sich austauschen und Unterstützung holen. Seitdem geht sie entspannter mit Sprüchen und Drohungen um.

Hohes Dunkelfeld

Die meisten Drohungen, Sprüche, Beleidigungen und auch körperlichen Angriffe werden allerdings nicht angezeigt. "Es gibt ein sehr großes Dunkelfeld", sagt Benjamin Kinkel. Seit März 2025 leitet das Queere Netzwerk NRW die Melde- und Informationsstelle für Queerfeindlichkeit in NRW. Eine institution, die von der schwarz-grünen Landesregierung eingeführt wurde. Erste Auswertungen, die dem WDR exklusiv vorliegen, zeigen: Nur etwa 10 Prozent der Menschen, die sich an die Meldestelle wenden, gehen auch zur Polizei.

"Wir wollen Menschen auch dazu aufrufen, Strafanzeigen zu stellen", sagt Gleichstellungsministerin Schäffer (Grüne). Aber viele queere Menschen hätten kein Vertrauen in die Polizei, sagt Kinkel. "Es braucht eine flächendeckende Sensibilisierung. Auch schon bei der Ausbildung", fordert Kinkel. Viele Beamte würden gar nicht verstehen, worum es bei Queerfeindlichkeit überhaupt ginge. Außerdem bräuchte es jährliche Lagebilder, um einen besseren Überblick zu haben, so Kinkel weiter.

Von der steigenden Anzahl an Straftaten will sich niemand abschrecken lassen. Anne Selmer, Marina, Isabell und alle anderen wollen weiter auf die Straße gehen und für ihre Rechte einstehen. "Sonst ändert sich nichts".

Unsere Quellen:

  • Beobachtungen der WDR Reporter vor Ort in Euskirchen
  • Interview mit Anne Sellmer, Marina und Isabell
  • Interview mit benjamin Kinkel, Queeres Netzwerk NRW
  • Interview mit Gleichstellungsministerin Verena Schäffer (Grüne)
  • Instagramaccount von "badmunstereifel_verteidigen"
  • Zahlen vom Innenministerium NRW
  • Vorherige Berichterstattung des WDR

Sendung: WDR.de Mehr queerfeindliche Straftaten in NRW, 17.05.2026, 16:30 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 17.05.2026, 18:45 Uhr