Bahnfrust im Niersexpress

Westpol 18.01.2026 23:31 Min. UT DGS Verfügbar bis 18.01.2031 WDR

Bahnfrust im Niersexpress - Jetzt reagiert der VRR

Stand:

Seit Jahresbeginn sind 41 Prozent der Züge zwischen Kleve und Düsseldorf ausgefallen. Jetzt wird der Betreiber zur Kasse gebeten.

Benedikt Prost hatte es schon befürchtet. Nach einem langen Arbeitstag will er aus Düsseldorf zurück nach Kleve. Doch jetzt sieht er in der Bahn-App: Der RE10, seine Verbindung zum Niederrhein, die eh seltener fährt als geplant, fällt aus. Wegen "technischer Probleme am Zug". Ausgerechnet die 17:08-Verbindung, die wichtigste für Pendler.

Zwei Männer stehen an einem bahnhof. Im Hintergrund laufen Menschen lang und man sieht eine Anzeigetafel.

Benedikt Prost (links) muss mal wieder auf den RE10 warten

Viel Zeit im Düsseldorfer Hauptbahnhof hat er nun. Und das Schlimmste: Daran ist Prost schon gewöhnt. "Der RE10 bestimmt durch die Woche mein Leben", sagt er. Sich abends mit Freunden treffen, Sport machen? "Können Sie vergessen. Sie sind eigentlich von montags bis freitags im RE10 gefangen."

Der Frust sitzt tief

Der Frust sitzt tief – so tief dass Prost mit Leidensgenossen schon 2024 die "Interessengemeinschaft RE10" gegründet hat. In einem WESTPOL-Spezial zum Bahnverkehr hat er im Mai NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (B‘90/Grüne) von den Nöten auf der Linie berichtet. Der versprach: "Wir hängen uns bei jeder Linie dahinter!" Doch seitdem hat sich die Situation beim Niersexpress, der Niederrhein und Landeshauptstadt verbindet, aus Sicht der Pendler noch verschlechtert.

Etwa ein Dutzend RE10-Pendler führen ein Tagebuch, sammeln selbst Verspätungsdaten. Ihr Ergebnis für die zweite Jahreshälfte 2025: Der RE10 kam in den für sie wichtigsten Zeiten – morgens und am Nachmittag – wesentlich häufiger zu spät, als es die offiziellen Statistiken zeigen. Demnach hatten vier von zehn ihrer Züge mehr als elf Minuten Verspätung. Etliche fielen ganz aus – trotz eh reduziertem Takt.

44 Abende weniger für die Familie

Sein Mitstreiter Sascha Volker Pirsch hat ausgewertet, was die Verspätungen und Ausfälle konkret für das Leben der Pendler bedeuten. Demnach verlieren Pendler, die täglich auf den RE10 angewiesen sind, aufs Jahr hochgerechnet 133 Stunden Freizeit. "Das sind zum Beispiel 44 Abende weniger für Familie, Freunde, Sport oder Hobbys", so Pirsch.

Betreiber: Ausfallquote aktuell bei 41 Prozent

Die Rhein-Ruhr-Bahn räumt ein, im Januar liege die Ausfallquote bisher bei 41 Prozent. Im vorigen Jahr seien aber nur 15 Prozent der Züge ausgefallen. Der Betreiber begründet die aktuellen Einschränkungen mit "Unregelmäßigkeiten" die an einzelnen Fahrzeugen festgestellt wurden – und zur Überprüfung und Wartung der Flotte führten. Die Rhein-Ruhr-Bahn versichert, sie arbeite "mit Hochdruck daran, die Fahrzeugverfügbarkeit zu stabilisieren und schrittweise wieder zum regulären Fahrplan zurückzukehren".

Verkehrsminister Krischer: "absolut inakzeptabel"

Oliver Krischer (Grüne) kommt in den Untersuchungsausschuss im Landtag

Verkehrsminister Krischer

Verkehrsminister Krischer kritisiert gegenüber WESTPOL: Es sei "absolut inakzeptabel", dass die Probleme so geballt auftreten. Im Vorjahr hätte man Fortschritte erreicht, die seien jetzt durch den technisch bedingten Ausfall so vieler Züge zunichte gemacht. Zwar sei auch die Strecke selbst in technisch schlechtem Zustand und dafür die Deutsche Bahn verantwortlich – dennoch erwarte er mehr von der Rhein-Ruhr-Bahn. Die Situation sei nicht tragbar und eine Zumutung für die Pendler. Der Verkehrsverbund VRR als Vertragspartner müsse Druck ausüben. Das habe, so Krischer, vermutlich nicht geschadet, dass er "mal nachgefragt" habe.

Der VRR kündigt Strafzahlungen an

Oliver Wittke, Vorstand VRR

Oliver Wittke, Vorstand VRR

Der VRR ist Auftraggeber für den RE10. Er bemängelt: Zurzeit seien auf der Strecke lediglich 6 der 28 Züge einsatzbereit. Vorstandssprecher Oliver Wittke sieht Managementfehler beim Betreiber und kündigt im WESTPOL-Interview erstmals Strafzahlungen im hohen sechsstelligen Bereich gegen die Rhein-Ruhr-Bahn an. Die Abmahnung sei bereits verschickt worden: "Das bedeutet, dass Leistungsentgelte einbehalten werden, dass wir nicht nur die ausfallenden Züge nicht bezahlen, sondern dass auch Strafzahlungen fällig werden." Seine Kritik: Die Linie gehöre zur öffentlichen Daseinsvorsorge. "Da kommt dem Unternehmen eine besondere Verantwortung zu und der wird hier nicht nachgekommen."

Zurück am Gleis

Zurück am Bahngleis, bei Benedikt Prost. Selbst wenn die Züge kommen, heißt es nicht, dass auch jeder mitfahren kann. Zu oft fehlen Abteile, sind Türen defekt. Prost ist auch schon mal auf dem Gleis stehen geblieben. Diesmal geht es gut. Um kurz nach halb neun ist er endlich in Kleve.

Prost und Pirsch wünschen sich, dass die Pendler mal mit eingeladen werden, wenn es zwischen Politik und Betreibern um die Linie geht. Und hoffen, dass sich jetzt endlich wirklich was ändert. Für die Region und ihren Alltag. "Im Sommer könnte ich dann abends mal mit meiner Frau grillen. Oder endlich wieder mal angeln gehen", sagt Prost. Den Abend genießen – statt im Schienen-Stress festzuhängen.

Unsere Quellen:

  • Interview mit Oliver Wittke, Verkehrsverbund Rhein-Ruhr VRR
  • Antwortschreiben RheinRuhrBahn
  • Interview NRW Verkehrsminister Oliver Krischer
  • Interviews und Auswertung Daten Interessengemeinschaft RE10

Sendung:  WDR Fernsehen, Westpol, 18.01.2026, 19:30 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 18.01.2026, 12.45 Uhr

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