Für Jonas Ploeger geht ein Kapitel zu Ende. Der Chef des Düsseldorfer Kleinverlags Zagava blättert wehmütig in einem seiner Kunstobjekte: Englischsprachige Sammlerbücher, edel gebunden in Kupfer, Holz und feinstem Leder – die Preisspanne von 80 bis 1.600 Euro zog bislang Sammler jenseits des Atlantiks an. Doch das ist vorbei. "70 Prozent meiner Kunden kamen aus den USA", sagt Ploeger. Das sei mit dem zweiten Amtsantritt von Donald Trump eingebrochen. "Ich würde sagen, dass davon noch maximal zehn Prozent übrig sind. Sein Umsatz habe sich von 2024 auf 2025 halbiert.
Keine Privatpakete über den Atlantik
Trumps chaotische Zollpolitik habe die Käufer verunsichert, weiß der Düsseldorfer. "Ich bekam fast täglich mindestens eine E-Mail von Kunden, die sagten: Ich würde wahnsinnig gerne was bestellen, aber ich fürchte, wenn ich das tue, muss ich wahnsinnige Zölle zahlen." Dazu kam die Rechtsunsicherheit für die Paketdienste, die über lange Zeit den Transatlantik-Verkehr mieden.
Die DHL in Bonn versendet bis heute keine privaten Standardpakete mit einem Wert von mehr als 100 Euro in die USA. Kleinverleger Ploeger hat sich vom US-Markt gelöst und sucht sich andere Partner.
Doch das geht nicht überall. Die USA sind für NRW der drittwichtigste Handelspartner. Das Handelsvolumen lag 2024 bei knapp 33 Milliarden Euro. Rund 1.800 US-Unternehmen sind in NRW aktiv und besonders die heimische Chemie-, Stahl- und Autozuliefer-Industrie spürt die Auswirkungen der Trump-Politik. Für den NRW-Minister für Europaangelegenheiten und Internationales, Nathanael Liminski, kann das nicht folgenlos bleiben.
"Die transatlantischen Beziehungen bleiben für uns in NRW von existenzieller Bedeutung – mit Blick auf Handel, mit Blick auf Wirtschaft – aber auch kulturell und politisch. Gleichzeitig müssen wir in Europa handlungsfähiger, stärker, resilienter werden. Und daran arbeiten wir - auch aus NRW heraus." NRW-Minister Nathanael Liminski
Es geht darum kritische Abhängigkeiten gezielt zu verringern und sich wirtschaftlich auf breitere Füße zu stellen. Springender Punkt dabei ist mehr Unabhängigkeit im IT-Bereich. Es sei wichtig, systematisch Alternativen zu prüfen - etwa bei Cloud-Lösungen, Software, Dateninfrastruktur und Cybersicherheit, sagt Liminski. Für die Verwaltungen im Land komme es besonders darauf an, der Marktmacht USA im Bereich KI sogenannte „Open Source“-Modelle entgegenzusetzen. "Das sind Modelle, in die wir die ganze Kraft unserer Wissenschaft, unserer Startups, unserer KI-Wirtschaft stecken aber gleichzeitig auch anderen Unternehmen und Partnern zur Verfügung stellen.“
Am Fraunhofer Institut in Sankt Augustin werden etwa eigene Sprachmodelle für alle 24 Amtssprachen der EU trainiert, wie das Programm "Teuken 7B". Das Lamarr Institut für Maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenz der TU Dortmund spezialisiert sich darauf, kostenfrei Open Source zur Verfügung zu stellen, um die US-Marktmacht zu brechen.
NRW will unabhängiger von USA werden
WDR Studios NRW. 29.04.2026. 05:42 Min.. Verfügbar bis 28.04.2028. WDR Online.
In der Verwaltung dominiert Microsoft weiter
Doch all das ändert nichts daran, dass US-Systeme die öffentlichen Verwaltungen in NRW dominieren - insbesondere Microsoft mit seinen Anwendungen wie Outlook, Office und Teams. Während Bundesländer wie Schleswig-Holstein versuchen, sich auch aus Kostengründen von den Lizenzprodukten der US-Tech-Unternehmen zu lösen und stattdessen auf Open-Source-Alternativen zu setzen, bewege sich in NRW noch wenig, urteilt IT-Sicherheitsexperte Kai Wittenburg.
Sein Paderborner Unternehmen "neam IT-Services" berät deutschlandweit Verwaltungen und Unternehmen. Natürlich gebe es europäische Alternativen zu Microsoft und Co durch kleinere Anbieter. Doch Behörden und Unternehmen scheuten sich vor den oft aufwendigen Umstellungen, sagt Wittenburg.
"Kleinere Anbieter, die kosten vielleicht mehr. Da hätten wir vielleicht so eine grundsätzliche Frage der Souveränität versus Wirtschaftlichkeit. Das ist dann nicht so einfach wie etwa Teams." IT-Experte Kai Wittenburg
Die völlige Unabhängigkeit von US-Systemen hält Wittenburg für eine Vision. "Aber eine gewisse Souveränität festzulegen, im Sinne des bewussten Steuerns, ist glaube ich etwas, das passt", sagt er. Als Aufgabe der Landesregierung sieht der Experte, die dafür nötigen Richtlinien zu schaffen. Auch NRW-Minister Liminski, Chef der Staatskanzlei, unterterstreicht das. "Ich glaube wir müssen zwischen der Vision vollständiger Unabhängigkeit mit eigener Hardware und eigener Software und dem Schreckensszenario absoluter Abhängigkeit, versuchen, in der Mitte das Machbare in den Blick zu nehmen." Und das heiße: verbindliche Vereinbarungen mit den Anbietern, wenn es um Datennutzung geht und darüber soweit wie möglich Datensouveränität zu erreichen.
Schutz für Konten vor Trumps Griff
Unterdessen macht die Landesregierung einen Vorstoß, um Konten und Kreditkarten von Bankkunden besser vor dem langen Arm von Donald Trump zu schützen. Wiederholt waren nämlich Persönlichkeiten und Organisationen, die ihm gegen den Strich gehen, auf der US-Sanktionsliste gelandet. Darunter ein Richter des Internationalen Strafgerichtshofs, der über Nacht komplett vom Zahlungsverkehr über Anbieter wie Visa und Paypal abgeschnitten wurde.
NRW-Justizminister Benjamin Limbach (Grüne) will deshalb erreichen, dass das deutsche Zahlungskontengesetz geändert wird. Das Sperren oder Kündigen von Konten soll dem Vorschlag aus NRW zufolge nur noch möglich sein, wenn der Kontobesitzer gegen deutsches oder EU-Recht verstößt. Und nicht mehr schon dann, wenn andere Staaten - wie die USA - gegen die betreffende Person Sanktionen verhängen. Seinen Vorschlag will der NRW-Minister bei der Justizministerkonferenz im Juni einbringen.
Gegenbewegung: Jetzt erst recht kooperieren
Doch der Kurs im Weißen Haus erzeugt auch eine Gegenbewegung, beobachtet die Direktorin vom Amerikahaus NRW, Viktoria Harbecke. Sie sieht beides: "Das Verlangen nach Differenzierung, klare Abgrenzung, von dem, was der Präsident tut. Aber auch den Wunsch, mit Bundesstaaten, mit der Zivilgesellschaft, mit Akteuren, die sich für die amerikanische Demokratie einsetzen, sehr wohl in Kontakt zu bleiben und diese Verbindung gerade noch auszubauen."
Unter dem Radar der Bundesebene würden zahlreiche transatlantische Netzwerke auf Landes- oder kommunaler Ebene noch einmal eine ganz neue Qualität bekommen, sagt die Leiterin der gemeinnützigen, unabhängigen Plattform, die sich für die deutsch-amerikanischen Beziehungen in NRW einsetzt. Auch die 30 Städtepartnerschaften würden für viele Menschen nach dem Motto „Jetzt erst recht“ noch einmal stark an Bedeutung gewinnen.
Stärke Länderpartnerschaften
Besonders enge Beziehungen hält NRW zu den US-Staaten Pennsylvania und Minnesota - ob wirtschaftlich, kulturell oder in Wissenschaft und Bildung. Von den rund 1.800 US-Unternehmen in NRW gehört das Multitechnologieunternehmen 3M in Neuss zu den größten. Erst letzten November signalisierte der demokratische Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, bei seinem Besuch bei der Landesregierung, wie wichtig es sei, gerade in diesen Zeiten die Investitions- und Wirtschaftsbeziehungen zu verstärken. Beide pflegen eine enge, seit über einem Jahrzehnt strukturierte Partnerschaft mit Fokus auf Klimaschutz, Energie, Umwelt und Verkehr.
Klimapartnerschaften trotz Trump
Was dem US-Präsidenten wenig schmecken dürfte: Zwischen NRW und Minnesota lebt ein enges Netzwerk von Klimapartnerschaften weiter. Das Projekt „Climate Smart Municipalities“ wurde vor dreizehn Jahren von der University of Minnesota gestartet. Sechs nordrhein-westfälischen Städte und Gemeinden (Arnsberg, Iserlohn, Lüdenscheid, Münster, Saerbeck und Siegen) erarbeiten gemeinsam mit ihren US-Partnerkommunen Ansätze, um den Klimaschutz voranzubringen - auch gegen den Wind des US-Präsidenten, der dem Klimaschutz offiziell eine Absage erteilt.
Das motiviere die Menschen in der Partnerkommune Morris gerade, weiß der Bürgermeister der Kommune Saerbeck im Münsterland, Tobias Lehberg: "Die sagen: Wir lassen uns nicht von unserm Weg abbringen – auch, wenn das jetzt schwerer ist." Die Motivation aus Deutschland bestärke die Klimaschützer in den USA.
Es gibt einen regen Austausch von Studierenden und Praktikanten. Politische und wissenschaftliche Delegationen interessieren sich zum Beispiel für das Aushängeschild der ausgewiesenen Klimakommune Saerbeck: Den Bioenergiepark - ein ehemaliges Munitionsdepot, das heute für einen Mix aus Sonnen-, Wind- und Bioenergie genutzt wird. Im Juni hat sich bereits der nächste Besuch aus den USA angesagt. Auch unter Trump 2.0 habe das Interesse nicht nachgelassen, weiß der unparteiische Bürgermeister:
"Vielleicht ist das auch jetzt ein ganz smarter Weg, einfach zu sagen, dass wenn es auf der hohen politischen Ebene schwieriger ist, dass man eben auf der subnationalen Ebene sagt: da müssen wir die Kontakte intensivieren." Tobias Lehberg, Bürgermeister von Saerbeck
Es sei nicht falsch, in einigen Bereichen unabhängiger zu werden. Doch das schließe nicht aus, woanders noch enger zusammenzuhalten.
Unsere Quellen:
- Interview mit NRW-Justizminister Benjamin Limbach
- Interview mit NRW Minister für Europaangelegenheiten, Nathanael Liminski
- Interview mit Victoria Harbecke, Direktorin Amerikahaus NRW
- Interview mit Tobias Lehberg, Bürgermeister von Saerbeck
- Interview mit Jonas Ploeger, Verlag Zagava
- Eigene Recherchen
Sendung: WDR.de, "NRW will unabhängiger von USA werden", 29.04.2026, 06:01 Uhr