Gesundheitsgefahr Kunstrasen?
Westpol. 30.11.2025. 05:59 Min.. UT. DGS. Verfügbar bis 30.11.2030. WDR.
Kunstrasenplätze in NRW: Umweltsünde oder Segen?
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In NRW liegen über 2.100 Kunstrasenplätze. Dank ihnen können Fußballvereine ganzjährig spielen. Eine umweltfreundliche Alternative zum Naturrasen sind sie jedoch nicht. Das ist für Politik und Sportstättenbetreiber eine Herausforderung. Und auch Vereine haben damit zu kämpfen.
Beim SSV Bornheim in der Nähe von Bonn spielen Fußballerinnen und Fußballer auf einem Kunstrasenplatz.
U17-Training beim SSV Bornheim
Sie spielen gerne hier, denn auf dem Granulat rutsche man nicht so schnell weg, sagt Evan. Er spielt in der U17-Mannschaft des Vereins. Seit 14 Jahren liegt hier Kunstrasen, vorher war es ein Ascheplatz. Deshalb war die Umrüstung für den Verein damals eine große Sache.
SSV-Vorsitzender Claus Böing
Für den Vereinsvorsitzenden Claus Böing war die Anschaffung ein Meilenstein, eine "Begeisterung", die durch das Bornheimer Umfeld ging. Aber ihm ist auch bewusst, dass der Platz in drei bis vier Jahren saniert werden muss.
Kunstrasenplätze nicht unbedenklich für Umwelt und Mensch
Denn: Kunstrasenplätze bestehen aus Plastik, das beim Zerfall als Mikroplastik in Boden, Gewässer und letztlich auch in die Nahrungskette gelangen kann. Einen großen Anteil macht das Einfüllgranulat - auch Infill genannt. Das bestand eine Zeit lang vor allem aus geschredderten Autoreifen. Auch in Bornheim liegt dieses Granulat auf dem Rasen. So wie auf vielen anderen Plätzen in NRW. Es gibt im Land über 2.100 Kunstrasenplätze.
Querschnitt eines Kunstrasenplatzes
Auf neueren Plätzen liegt oft auch ein Granulat aus einem speziellen Kautschuk, also auch aus Gummi. Dieses Infill ist essenziell für die Bespielbarkeit eines Kunstrasenplatzes. Der Platz besteht im Untergrund aus einer Tragschicht aus Schotter und Kies, einer Elastikschicht und einem Kunstrasenteppich, in den das Infill verfüllt wird.
EU will Mikroplastik verbannen
Doch das soll eigentlich künftig nicht mehr auf den Plätzen liegen. Das hat eine EU-Verordnung geregelt. Der Entscheidung waren jahrelange Diskussionen vorausgegangen, dabei ging es um Mikroplastik in der Umwelt durch Kunstrasenplätze.
Seit 2023 sorgt die EU-Verordnung für einen Wechsel auf Sportplätzen, das Granulat soll aus organischen Materialien bestehen. Ab 2031 dürfen keine Gummigranulate mehr in Umlauf gebracht werden.
Keine Förderung mehr für Gummigranulat
Dazu hat auch eine Förderrichtlinie des Landes NRW beigetragen, denn Kunstrasenplätze der Generation Gummigranulat werden seit 2019 nicht mehr finanziell gefördert.
Daraus resultiert jedoch keine Pflicht für Vereine, ihre Plätze mit Gummi auszutauschen. Solange sie einen Vorrat haben und der Platz bespielbar ist, ist es erlaubt, diesen weiter zu betreiben. Sollten sich Kommunen jedoch an einem Neubau oder einer Sanierung beteiligen, werden die Plätze perspektivisch ökologisch umgerüstet.
In Kommunen wie Aachen oder auch in Frechen werden Kunstrasenplätze nur noch mit Sandbefüllung und Granulat aus Kork oder anderen Alternativen verbaut. Auch der SSV Bornheim macht sich Gedanken, welche umweltfreundliche Variante bei einer Sanierung eingesetzt wird. Aber sind die Alternativen wirklich besser?
Mikroplastik auch durch grüne Rasenhalme
Mit dem Verzicht auf Infill aus Gummigranulat reduziert sich die Mikroplastikbelastung der Umwelt erheblich. Denn der Austrag von sogenannten primärem Mikroplastik beträgt laut Prof. Martin Thieme-Hack von der Hochschule Osnabrück bis zu mehrere hundert Kilogramm pro Platz im Jahr.
Prof. Martin Thieme-Hack
Laut Thieme-Hack bleiben aber die Mikroplastikpartikel der künstlichen Rasenhalme außer Acht. Durch die intensive Nutzung und das Bespielen der Sportplätze entsteht ein Abrieb, der auch zu einem Mikroplastik-Austoß führt - einen sekundären. Ein Umstand, den die EU und das Land NRW noch nicht ins Auge gefasst haben, so Thieme-Hack weiter.
Laut der kommunalen Spitzenverbände werden Kommunen bei Neubau und der Sanierung von Kunstrasenplätzen zu einem umweltfreundlicheren Sportplatzsystem ausreichend finanziell unterstützt. Sprich: Sand oder Korkgranulat als Infill-Alternative. Klar ist aber, dass es derzeit keine komplett umweltfreundliche Kunstrasen-Alternative gibt.
Land NRW konzentrierte sich nur auf Granulat
Mit seinem Vorgriff auf das EU-Granulat-Verbot ab 2031 hat das Land NRW eine Richtung vorgegeben, an die sich auch die Branche zum Teil anpassen musste. Dennoch stellt sich die Frage, warum der Kunstrasenplatz nicht als Ganzes betrachtet wurde, sondern nur das Kunststoffgranulat. Auf Nachfrage antwortet die Staatskanzlei:
"Die Anpassungen der Förderrichtlinie konzentrierten sich auf Kunststoffgranulate, da hierfür bereits praktikable, gleichwertige und bezahlbare Alternativen (...) verfügbar waren. Für den Halme-Verschleiß lagen hingegen (...) noch keine belastbaren Erkenntnisse oder marktreifen Alternativen vor." Staatskanzlei NRW
In der Branche konzentrieren sich die Hersteller darauf, das Mikroplastik durch Einfüllgranulate zu verbessern und so herzustellen, dass es außerhalb des Fußballplatzes biologisch abbaubar ist. Zwar können Halme aus Kunststoff weiterhin recycelt werden, wodurch sie langlebiger und somit nachhaltiger werden, sie bleiben aber weiterhin Quellen für sekundäres Mikroplastik.
Auch der Sportstättenverband IAKS meint, dass es derzeit an ökologisch einwandfreien Alternativen mangele.
Vereine haben wenig Spielraum
Vereinen wie dem SSV Bornheim sind also die Hände gebunden: Selbst wenn sie wollten, könnten sie nicht mikroplastikfrei bauen, weil der Markt noch nicht so weit ist. Somit wird auch der künftig sanierte Platz weiterhin Mikroplastik ausstoßen. Ein Problem, das der Verein ohne strengere Vorgaben der Politik nicht lösen kann, wenn er auch in Zukunft jeden Tag trainieren möchte.
Unsere Quellen:
- WDR-Reporter vor Ort
- Interview mit Forscher
- Interviews mit Branchenvertretern
- EU-Verordnung
- Landesförderrichtlinie
- Eigene Recherchen
Über dieses Thema berichten wir auch am Sonntag, 30.11.2025 in WDR "Westpol" ab 19.30 Uhr.