Zwei Polizeimeldungen aus NRW: Ein Elfjähriger sticht in Remscheid im Streit auf einen Mitschüler ein. Zwei 13-Jährige überfallen mit einer Machete einen Kioskbesitzer in Dortmund und verletzen ihn schwer.
Es sind solche und ähnliche Nachrichten, die eine Debatte über Änderungen bei der Strafmündigkeit immer wieder aufflammen lassen. Bislang gilt: "Schuldunfähig ist, wer bei Begehung der Tat noch nicht vierzehn Jahre alt ist." So steht es im Strafgesetzbuch. Unter 14-jährige Tatverdächtige können also nicht strafrechtlich belangt werden.
Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) will eine Absenkung des Alters der Strafmündigkeit von Kindern auf zwölf Jahre prüfen. "Wenn immer mehr junge Menschen straffällig werden, müssen wir unser Sanktionssystem anpassen. Denkverbote sind da fehl am Platz", sagte Reul am Dienstag. Die Debatte müsse geführt werden.
Dies müsse "nicht zwingend" bedeuten, so Reul, die Strafmündigkeit zu ändern. "Vielleicht gibt es auch andere Methoden. Aber es kann auch nicht sein, dass es heißt, vor 14 kann dir nichts passieren." Man könne nicht einfach ignorieren, dass es immer mehr junge Straffällige gebe.
Was Reul vorschlägt
Auch Jugendliche müssten für ihr Verhalten geradestehen, fordert Reul. "Wenn wir ehrlich sind, sind Zwölfjährige heute nicht mehr so, wie sie vor 20 Jahren waren.". Kriminell auffällige Kinder sollen aber laut Minister nicht ins Gefängnis, sondern durch sogenannte Häuser des Jugendrechts betreut werden. Die kümmern sich in NRW um etwa 500 Fälle pro Jahr.
NRW-Innenminister will Strafmündigkeit senken
WDR Studios NRW. 06.01.2026. 00:20 Min.. Verfügbar bis 06.01.2028. WDR Online.
"Häuser des Jugendrechts" seien interessante Projekte, die versuchten, Jugendhilfe, Polizei und Gericht zusammen zu bringen, "damit man eine schnelle Reaktion kriegt", so Reul. Das könne man nicht in allen Fällen machen, weil es zu aufwendig wäre. "Aber die Grundidee ist nicht blöd."
Die CSU schlägt ein sogenanntes Verantwortungsverfahren für Straftäter unter 14 vor. Das heißt, die Tat soll mit Eltern und Kindern vor einem Staatsanwalt und dem Jugendgericht aufgearbeitet werden.
Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Christian Lüdke hält nichts davon, das Strafmündigkeitsalter abzusenken: "12- und 13-Jährige sind noch gar nicht in der Lage, die Folgen ihres Handelns abzuschätzen." Besser wären frühere Eingriffe der Jugendämter wegen Kindeswohlgefährdung - auch gegen den Willen der Eltern.
Grüne lehnen Reul-Pläne ab
Eine deutliche Abfuhr erhielt Reul für seine Überlegungen vom Koalitionspartner. "Die Absenkung der Strafmündigkeit ist ein politischer Kurzschluss, der vielleicht einem Gerechtigkeitsempfinden entspricht, aber auf der Sachebene kein Problem löst", sagte Julia Höller, Innenexpertin der Grünen im Landtag.
Wissenschaftliche Studien zeigten klar, so Höller, dass Kinder und Jugendliche noch nicht mit der Reife Erwachsener handeln. "Wir können Kinder nicht wie Erwachsene behandeln", so die Grüne. Sie lehnte ein "Wegsperren" oder "Strafanstalten für Kinder" ab. Reul betonte jedoch, er wolle unter 14-Jährige "nicht ins Gefängnis stecken, das will kein Mensch".
Kinder sind häufiger Opfer als Täter
Das Deutsche Jugendinstitut betont: "Kinder werden häufiger Opfer von Straftaten, als dass sie als Täter:innen bzw. Tatverdächtige in Erscheinung treten." Zugleich wird ein Anstieg der tatverdächtigen Kinder im Bereich Gewaltkriminalität bestätigt. Auch bei der Zahl der U14-Straftäter insgesamt geht der Trend bundesweit nach oben.
Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) hatte sich gegen eine pauschale Absenkung der Strafmündigkeit ausgesprochen – auch wenn die gestiegene Zahl von Kindern und Jugendlichen unter den Tatverdächtigen "natürlich besorgniserregend" sei.
Auch das NRW-Justizministerium erklärt, dass es "für schwere Kriminalität von Kindern" bereits "starke Einwirkungsmöglichkeiten" gibt. Laut Gesetz können Kinder etwa zur Abwendung einer erheblichen Selbst- oder Fremdgefährdung in Jugendeinrichtungen untergebracht werden. Das muss jedoch von einem Familiengericht angeordnet werden.
Unsere Quellen:
- Reul im WDR-Interview und im "Kölner Stadt-Anzeiger"
- Höller und NRW-Justizministerium auf WDR-Anfrage
- Nachrichtenagenturen epd und dpa
Sendung: WDR 4, NRW-Innenminister will Strafmündigkeit senken, 06.01.2026, 8:00 Uhr
WDR 5, Westblick, 06.01.2026, 17:04 Uhr