Krankenhäuser in der Zeitenwende
Westpol. 08.02.2026. 28:33 Min.. DGS. Verfügbar bis 08.02.2031. WDR.
Mirko Aach ist Spezialist für Rückenmarksverletzungen und ärztlicher Direktor der Berufsgenossenschaftlichen Klinik (BG) Bergmannsheil in Bochum. Sein Haus ist auf die Versorgung von Unfallopfern spezialisiert. Mit kleineren Krisen könne die Klinik umgehen, sagt er. Doch was wäre bei einem Angriff auf ein NATO-Land, dem Bündnisfall oder einem Angriff auf Deutschland, dem Verteidigungsfall?
Notstrom für drei Tage
Notstromaggregat der BG-Klinik Bochum
Viele Krankenhäuser wollen zum eigenen Vorbereitungsstand aus Sicherheitsgründen keine Angaben machen. Der Bochumer Klinikchef zeigt, was er hat: Im Keller stehen fünf Diesel-Aggregate. Der Treibstoff im Tank reicht für 72 Stunden. So ist es bei der Mehrzahl der Krankenhäuser.
53 Kliniken aus NRW haben an der WDR-Stichprobe teilgenommen. 40 von ihnen haben Notstrom-Vorrichtungen. Bei etwas mehr als der Hälfte davon reichen die für drei Tage. Beim Stromausfall in Berlin habe man gerade gesehen, dass das auch länger gehen könne, so Mirko Aach. Und dann sei man darauf angewiesen, weiter mit Diesel beliefert zu werden.
Wenig Platz für Vorräte
Gesundheitsökonom Prof. Boris Augurzky
Für große Vorräte fehlen in den Krankenhäusern die Räume. Die meisten haben die wichtigsten Medikamente zwei bis sechs Wochen, Blutkonserven würden nicht so lange reichen. "Im Krisenfall kann es schnell dazu kommen, dass Lieferketten unterbrochen werden", sagt Gesundheitsökonom Professor Boris Augurzky vom Institute for Health Care Business GmbH (hcb) in Essen. Er hat für die Deutsche Krankenhausgesellschaft die Krisenresilienz von Krankenhäuser bundesweit untersucht. Die Lagerhaltung von Medikamenten müsse verlängert werden und zwar in einem rollierenden System: Neue Medikamente kommen rein, alte werden zuerst verbraucht. Dann habe man auch kein Problem mit der Mindesthaltbarkeit.
Kaum Trinkwasser-Reserven
Notfalllager im Krankenhaus
Ein zentrales Problem ist die Wasserversorgung. Ohne Strom könne man länger leben als ohne Wasser, so Augurzky. Doch nach der WDR-Stichprobe sind die meisten Krankenhäuser von ihren Versorgern abhängig. Nur ein Fünftel gibt an, Vorräte für eine Woche zu haben, zum Beispiel in Flaschen.
Keine unterirdischen Schutzräume
Und im Fall eines Angriffs sind die Kliniken ungeschützt. Während des kalten Krieges hatte es auch in NRW Hilfskrankenhäuser in Bunkeranlagen gegeben. Die sind inzwischen alle geschlossen worden. Aktuell verfügt keine Klinik über unterirdische Schutzräume, nur wenige planen diese, wie die Städtischen Kliniken in Köln. Die bekommen einen großen Neubau - zweigeschossig unterkellert, so der Plan. In Friedenszeiten eine Tiefgarage, im Ernstfall ein medizinisches Notfallzentrum. Die Idee würden alle politischen Ebenen gut finden, berichtet Axel Goßmann. Doch Geld gibt es dafür nicht.
Sondervermögen auch für Krankenhäuser nutzen?
Auch NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) kann die Kölner Schutzpläne nicht finanzieren, wie er im WDR-Interview einräumt: "Das kann ich zur Zeit nicht, dafür habe ich die finanziellen Ressourcen nicht und das muss ich auch ganz offen und ehrlich zugeben." Aber aus dem Sondervermögen des Bundes sei das eine andere Frage, so Lauman weiter. Landesverteidigung sei eine Aufgabe des Bundes. Grundsätzlich wolle er aber die Krisenresilienz der Krankenhaushauslandschaft stärke. Dazu hat die Landesregierung gerade gesetzliche Änderungen angeschoben. Und in diesem Jahr würden sechs Millionen Euro bereitgestellt, damit sektorübergreifende Übungen finanziert werden können, so Laumann.
Fortbildungen scheitern an Finanzierung
Im Ernstfall brauchen Kliniken auch ausreichend geschultes Personal. Doch für Fortbildungen bekommen Kliniken nur ein kleines Budget. Schulungen in größerem Umfang seien mit hohen Kosten verbunden, die in der Regel nicht durch das Land oder den Bund rückvergütet werden, schreiben Träger im Rahmen der WDR-Stichprobe. Der Bochumer Klinikdirektor Mirko Aach bestätigt das.
Klinikdirektor Mirko Aach
Die BG-Klinik arbeitet an einer regionalen Kooperation mit der Bundeswehr. Auch deshalb ist dem Klinikchef Fortbildung wichtig. Derzeit absolvieren mehrere Mitarbeitende den Zusatzlehrgang "Notfallchirurg – Krisen- und Katastrophenlagen". Sie sollen dabei lernen, wie man Schuss- und Stichverletzungen behandelt. Und im Rahmen der Zeitwende würde sich Mirko Aach wünschen, dass nicht nur Geld für die Wehrfähigkeit zur Verfügung gestellt würde, sondern auch für die Ertüchtigung der Gesundheitsversorgung.
Unsere Quellen:
- WDR-Stichprobe bei NRW-Krankenhäusern
- Bundeswehr
- BG-Kliniken
- Deutsche Krankenhausgesellschaft
- Gesundheitsministerium NRW
Sendung: WDR.de, Kliniken in der Zeitenwende, 08.02.2026, 06.00 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 08.02.2026, 18:45 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Westpol, 08.02.2026, 19.30 Uhr

