Keine Anschnallpflicht im Linienbus

Westpol 01.03.2026 28:35 Min. UT DGS Verfügbar bis 01.03.2031 WDR

Ohne Gurt auf der Autobahn - Wie gefährlich sind Linienbusse?

Stand:

Im Auto und im Reisebus gilt Anschnallpflicht. Im Linienbus nicht. Dabei würden sich das einige wünschen.

"Das ist mein Bus!" - Jamie-Lynn Kohlenberg springt rein. Die Fünftklässlerin geht im Zentrum von Düsseldorf aufs Gymnasium, wohnt aber im Nachbarort - und muss deshalb täglich zwei Mal mit dem Bus der Linie 780 über die Autobahn. Mit ihrer Mutter hat sie dafür extra Strategien entwickelt – sie setzt sich dort hin, wo sie den Verkehr gut überblicken und sich sicher festhalten kann. Denn Anschnallgurte gibt es in dem Linienbus nicht.

Mehr als 4.000 Unfälle, drei Tote

2024 gab es laut Statistischem Bundesamt 4.627 Unfälle mit Linienbussen. Dabei wurden 4.872 Businsassen verletzt, drei davon sogar getötet. Andere Verkehrsmittel wie Auto oder Fahrrad sind zwar noch deutlich gefährlicher, trotzdem steigt die Zahl der verletzten Insassen bei Linienbussen in den letzten Jahren und damit auch das Risiko.

Jamie-Lynn Kohlenberg

Jamie-Lynn Kohlenberg im 780er

Jennifer Kohlenberg, der Mutter von der Gymnasiastin Jamie-Lynn, bereitet das Sorgen. "Es ist so ein bisschen friss oder stirb", sagt sie. Ihre Tochter habe keine Wahl, müsse den Bus nehmen. Auch wenn sie sich da unangeschnallt manches Mal unsicher fühle. Direkt am ersten Schultag erlebte Jamie-Lynn einen Auffahrunfall. Klar, Busse seien "ein sehr sicheres Verkehrsmittel", so Jennifer Kohlenberg - aber gerade auf schnellen Strecken wäre mehr Sicherheit mit Gurten möglich.

Rechtslage klar: Linienbusse brauchen keine Gurte

Die Rechtslage ist jedoch eindeutig: Linienbusse brauchen keine Anschnallmöglichkeit – und bieten sie deshalb in aller Regel auch nicht. Auch so dürfen sie auf der Autobahn 80 Stundenkilometer fahren. Sind alle Sitzplätze besetzt und müssen Fahrgäste stehen, sind noch 60 Stundenkilometer erlaubt.

Jamie-Lynn und Jennifer Kohlenberg  essen Pizza in ihrem Wohnzimmer

Jamie-Lynn und Jennifer Kohlenberg

Jamie-Lynn und Jennifer Kohlenberg zeigen GoogleMaps-Screenshots, die die Schülerin während Busfahrten auf der Autobahn gemacht hat. Demnach war der Bus auch manches Mal mit knapp über 80 Stundenkilometern unterwegs, wenn Passagiere im Gang standen. Darauf angesprochen betont die Rheinbahn: Der Busfahrer müsse die Geschwindigkeit erst reduzieren, wenn der Bus wirklich voll ist - nicht schon, wenn einzelne freiwillig stehen. Und: Die Fahrpläne seien so ausgelegt, dass Tempo 60 ausreiche.

Schienenersatzverkehr und XBusse auf schnellen Strecken

Und es ist kein Thema, dass allein die Rheinbahn betrifft. In NRW sind vielerorts immer mehr Busse auf Autobahnen oder auch Landstraßen unterwegs, weil Gleisarbeiten Schienenersatzverkehr nötig machen und weil die Landesregierung Linien zwischen kleineren Städten ausbaut, die sogenannten XBusse. Grund für das WDR-Magazin Westpol sich einen schlaglichthaften Überblick zu verschaffen.

Wesel, Busbahnhof, Mittwochmittag. In manchen Momenten stehen hier direkt mehrere der XBusse, auf deren Ausbau die Landesregierung stolz ist. Orte ohne eigene Bahnhaltestellen werden mit ihnen an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen. Doch die Erfahrungen bei Pendlern hier sind zwiespältig. Das neue Tempo: super. Aber das Sicherheitsgefühl: schlechter. Sarah Fischer wartet auf einen der Busse und erzählt:

"Ich hatte schon‘mal eine Situation, da ist eine Oma leider Gottes umgefallen. Mein Partner hat ihr aufgeholfen – da hätte ich mir doch einen Gurt gewünscht!" Sarah Fischer, Passagierin

Auf der Linie X27 Richtung Xanten zeigt ein Blick auf GoogleMaps 89 Stundenkilometer. In dem Bus gibt es keine Gurte. Der Betreiber der Linie ist die RegioBus-Sparte der Deutschen Bahn. Die betont gegenüber Westpol: Die Busse seien so ausgestattet, wie es der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, vorgegeben hatte. Zum möglichen Tempo-Verstoß schreibt sie: "Auch unsere Busfahrer müssen sich an die einschlägigen Vorschriften halten. Sollte das einmal nicht der Fall sein, werden wir das intern aufarbeiten."

Linienbusse: Ohne Gurt, dafür schnell unterwegs

WDR 5 Westblick - aktuell 27.02.2026 03:49 Min. Verfügbar bis 27.02.2027 WDR 5

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Bus mit nahezu Tempo 100

Ein Ersatzbus fährt in den Bahnhof Leverkusen ein.

Ein Schienenersatzbus der DB


In einem anderen Bus der Deutschen Bahn, im Schienenersatzverkehr bei Wuppertal, zeigt GoogleMaps sogar fast 100 Stundenkilometer. Für diese Bahn-Ersatz-Busse hat die DB extra Modelle mit Gurten bereitgestellt. Dennoch ist auch hier die erlaubte Geschwindigkeit nur 80 km/h.

Anschnallmöglichkeiten sind hier zwar vorhanden, werden aber offenbar kaum genutzt. Fahrgäste berichten: Für sie sei "ganz selbstverständlich" im Bus ohne Gurt zu fahren. Hinweise, sich bitte anzuschnallen, hätten sie zudem, trotz vieler Fahrten, "noch nicht gehört".

Bundesministerium plant keine Regel-Änderungen

"Nach Flugzeug und Bahn gehören Busse zu den sichersten Reisemittel, die wir in Deutschland haben", sagt Kirstin Zeidler, Leiterin der Unfallforschung der Versicherer. Auch das Bundesverkehrsministerium sieht "keine Auffälligkeit im Unfallgeschehen" und "plant keine Änderungen der betroffenen ausrüstungs-, beförderungs- oder verhaltensrechtlichen Regelungen".

Für andere, ähnlich große Fahrzeuge, gelten allerdings bereits strengere Regeln: In Reisebussen gilt die Gurtpflicht, ebenso für Fahrer von Lastkraftwagen. Und während die Zahl der Verunglückten, also Verletzten und Getöten, bei Unfällen in Reisebussen laut Statistischem Bundesamt von 2014 bis 2024 um 44% gesunken ist - ist sie bei Linienbussen inklusive Fern-Linienbussen um 30% gestiegen.

VRR: Umstellung praktisch kaum möglich


Eine Regeländerung im Busverkehr würde jedoch laut Verkehrsverbund Rhein-Ruhr zu erheblichen Problemen führen. Busse seien knapp, "da jetzt einen neuen Standard zu schaffen, würde sicherlich Jahre dauern", sagt Abteilungsleiter Georg Seifert.


Jamie-Lynn und ihre Mutter Jennifer Kohlenberg würden sich dennoch freuen, wenn es künftig zumindest auf den schnellen Strecken öfter eine Anschnallmöglichkeit gäbe. Ihr Gedanke ist ganz simpel: Auch ein schon sicheres Verkehrsmittel sollte doch - wenn das möglich ist - noch sicherer gemacht werden.

Unsere Quellen:

  • Beobachtungen im Linienbus-, SEV- und XBus-Verkehr diese Woche
  • Interview mit dem Verkehrsverbund Rhein-Ruhr
  • Interview mit der Unfallfoschung der Versicherer
  • Anfrage bei der Deutschen Bahn bzw. der DB RegioBus NRW
  • Anfrage beim Bundesministerium Verkehrs
  • Auswertung von Daten des Statistischen Bundesamtes

Sendung: WDR Fernsehen, Westpol, 01.03.2026, 19:30 Uhr
Sendung: WDR 5, Westblick, 02.03.2026, 17:05 Uhr

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