Islamunterricht: Kaum einer geht hin

Aktuelle Stunde 21.01.2026 13:38 Min. UT Verfügbar bis 21.01.2028 WDR Von Fritz Sprengart

Bericht fordert flächendeckenden islamischen Religionsunterricht in NRW

Stand:

Eine Evalution der Uni Münster kommt zu dem Schluss, dass der Unterricht positiv wirkt und fordert eine Ausweitung. Der Abschlussbericht wurde am Mittwoch im Schulausschuss des Landtags vorgestellt. Die wichtigsten Punkte im Überblick.

Von Sabine Tenta

Wie läuft der Islamische Religionsunterricht (IRU) in NRW? Wie stark wird er nachgefragt, welche Auswirkungen hat er? Diese Fragen beantwortet der Abschlussbericht einer Evaluation der Universität Münster. Er wurde am Mittwoch im Schulausschuss des Landtags vorgestellt.

Die Zahl der teilnehmenden Schülerinnen und Schüler steigt zwar seit der Einführung des IRU vor mehr als zehn Jahren. Sie ist aber dennoch auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau. Von den rund 500.000 Schülerinnen und Schülern mit muslimischem Glauben nehmen aktuell laut NRW-Schulministerium 31.673 das Angebot der freiwilligen Teilnahme wahr.

Im laufenden Schuljahr bieten lediglich 247 der rund 5.400 Schulen in NRW den staatlich verantworteten Religionsunterricht für Muslime und Muslima an. Möglich ist dieses Angebot für die Grundschulen, die Sekundarstufen I und II sowie für Berufskollegs. Die Zahl der Lehrkräfte hat sich zwar in den vergangenen zehn Jahren erhöht - von 99 im Schuljahr 2015/2016 auf aktuell 332 - kann aber bei weitem nicht den potenziellen Bedarf für eine halbe Millionen Schülerinnen und Schüler abdecken.

Khorchide: "Die Ressourcen fehlen, nicht das Interesse."

Verfasst wurde der Abschluss-Bericht federführend von Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik der Universität Münster. Sein Lehrstuhl verantwortet in Münster die Ausbildung der IRU-Lehrkräfte. Im Anschluss an die Ausschuss-Sitzung sagte Khorchide dem WDR, dass nicht mehr IRU angeboten werde, liege an fehlendem Personal, aktuell fehlten 2.000 Lehrkräfte. "Die Ressourcen fehlen, nicht das Interesse."

Zwar sei das Fach islamische Religionslehre ohne Numerus Clausus, aber wer auf Lehramt studiere, müsse dieses Fach mit mindestens einem weiteren kombinieren. Und diese Fächer seien häufig mit einem Numerus Clausus versehen. Von den rund 1.000 Bewerbungen pro Jahr könnten lediglich 100 für ein Studium der islamischen Religionslehre aufgenommen werden.

Wenig Teilnehmer am islamischen Religionsunterricht

WDR 5 Westblick - aktuell 21.01.2026 06:25 Min. Verfügbar bis 21.01.2027 WDR 5

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Die Hauptaussagen des Abschlussberichts

Für den Bericht wurden unter anderem Befragungen durchgeführt unter Schülerinnen und Schüler, die am IRU teilgenommen haben, sowie unter Schulleitungen und Lehrkräften, die den Unterricht anbieten und erteilen. Laut Bericht bewerten die Schülerinnen und Schüler den Unterricht als "alltagsrelevant, motivierend und zufriedenstellend". Eine längere Teilnahme am IRU gehe mit einer gesteigerten Religionsmündigkeit einher. Zugleich nehme ein "instruktionstheoretisches Religionsverständnis" ab. Zentral sei dabei das Vertrauen in die Lehrkräfte.

Die Befragung von Lehrkräften, Schulleitungen, Fachleitungen und Eltern zeigt laut Bericht "überwiegend eine positive Grundhaltung gegenüber dem IRU". Gelobt wurden die Förderung von "Orientierungswissen und religiöser Sprachfähigkeit". Der IRU werde als "pädagogische Gegenkraft zu einseitigen oder extremistischen Deutungen in sozialen Medien" verstanden. Er biete "eine alternative Bezugsquelle religiöser Bildung und Autorität, die auf theologisch fundierter Reflexion statt auf populistischen Narrativen basieren".

Durch eine längere Teilnahme am IRU könne der Einfluss von Inhalten auf Plattformen wie TikTok, die im Zusammenhang mit "regressiven religiösen Überzeugungen" stehen, abgeschwächt werden, hält der Bericht fest.

Dieser Punkt ist auch dem Schulministerium wichtig. In einer Vorbemerkung zum Abschlussbericht verweist das Ministerium insbesondere auf "den hohen Wert des islamischen Religionsunterrichts in Bezug auf die sozialen Medien". Er wirke auch "als Reflexionsinstanz, die mediale Verführungsmuster transparent macht und Jugendliche zur eigenständigen Bewertung religiöser Online-Inhalte befähigt".

Die Schlussfolgerung des Berichts

Die Ergebnisse unterstreichen laut den Studienautoren "die Notwendigkeit einer flächendeckenden Einführung des IRU an allen Schulformen mit entsprechender Unterstützung in Bezug auf Personal, Curriculum und Organisation". Dabei sei ein stärkerer Fokus auf gesellschaftlich relevante Themen wie Gendergerechtigkeit und Antisemitismusprävention sowie die Förderung von Medienkompetenzen nötig. Zudem sei es sinnvoll, Lehrkräfte in Bezug auf interreligiöse Dialogkompetenz fortzubilden.

FDP sieht Forschungsbedarf bei "Blackbox"

Die schulpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Franziska Müller-Rech, folgert aus dem Bericht, dass ein "klarer Kurswechsel" nötig sei. Auf WDR-Anfrage teilte sie mit: "Der Islamische Religionsunterricht war gut gemeint. Die Evaluation zeigt nun aber: Er wirkt nicht flächendeckend." Strukturell fehle es an Lehrkräften, Qualitätsstandards und einheitlichen Lehrplänen.

Die FDP-Politikerin beklagt, dass nicht systematisch erforscht werde, warum viele Familien das staatliche Angebot nicht wahrnehmen. Müller-Rech spricht von einer "Blackbox". "Hochproblematisch" sei außerdem, dass außerschulische religiöse Einflüsse stärker wirkten als der Unterricht, allen voran soziale Medien. "Wir sehen deshalb keine Fortsetzung mehr als eigenes Fach in NRW. Die bildungspolitische Konsequenz muss lauten: Der Islamische Religionsunterricht muss weg."

Alternativ schlägt die FDP "einen verpflichtenden Ethik- oder Praktische-Philosophie-Unterricht für alle" vor, der sei "integrierend statt trennend". Das sei dann ein Fach, "das Religionen erklärend statt bekenntnisorientiert vermittelt, das Werte, Normen und Konflikte gemeinsam thematisiert und Medienkompetenz und Demokratie verbindlich integriert." Junge Menschen müssten befähigt werden, "selbstständig, kritisch und frei zu urteilen".

SPD lobt den IRU als Beitrag zur Demokratiebildung

Ganz anders sieht es die SPD-Fraktion. Ihre schulpolitische Sprecherin Dilek Engin sagte dem WDR, der Abschlussbericht zeige, dass der IRU "für viele muslimische Schülerinnen und Schüler ein wichtiger Baustein für gleichberechtigte Teilhabe und gelebte Vielfalt an unseren Schulen" sei. Die Rückmeldungen machten deutlich, dass der Unterricht "als alltagsrelevant, wertschätzend und identitätsstärkend" erlebt werde und zugleich dabei helfen könne, "religiöse Inhalte aus sozialen Medien kritisch einzuordnen".

All das sei "ein wichtiger Beitrag zu demokratischer Bildung und gesellschaftlichem Zusammenhalt". Der Bericht zeige aber auch, dass der Ausbau des Angebots "mehr personelle und organisatorische Stabilität, verlässliche Strukturen sowie gezielte Fortbildungen" brauche.

AfD sieht Beleg für geringe Akzeptanz des IRU

Für Christian Blex, den schulpolitischen Sprecher der AfD-Fraktion macht der Bericht vor allem zwei Feststellungen: "Der islamische Religionsunterricht kann deradikalisierend wirken, wird aber kaum von muslimischen Schülern besucht." Das teilte er auf WDR-Anfrage mit und fragt: "Vielleicht genau deswegen?" Seiner Ansicht nach legen die Zahlen "eine überaus geringe Akzeptanz" des islamischen Religionsunterrichts in muslimischen Familien nahe.

Unsere Quellen:

  • Abschlussbericht zur Evaluation des IRU der Uni Münster
  • FDP, SPD und AfD auf Anfrage
  • WDR-Interview mit Mouhanad Khorchide
  • Eigene Recherche
  • Eigene Berichterstattung

Sendung: WDR.de, Wie gut läuft der islamische Religionsunterricht in NRW?, 20.01.2026, 16:40 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 21.01.2026, 18:45 Uhr

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